Bilingualität – Wie wir Sprachen lernen

Eine Situation, wie sie häufig auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln zu beobachten ist: Zwei Mädchen unterhalten sich auf Deutsch, aber zwischendurch fallen immer wieder Begriffe auf Polnisch. Trotzdem scheinen sich beide wunderbar zu verstehen. Oberflächlich sieht es so aus, als würden die Mädchen ihre Sprachen nur halb beherrschen,  „Doppelte Halbsprachigkeit“ nannte man das in der frühen Sprachforschung. Dass genau das Gegenteil der Fall ist, legen Studien und Untersuchungen aus den vergangenen zehn Jahren nahe.

Immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland wachsen zweisprachig auf. Das ergab eine Spracherhebung in Hamburg aus dem Jahr 2003. Demnach wachsen fast 30 Prozent aller Kinder in Großstädten mit mehr als einer Sprache auf. Neben Deutsch sind Kurdisch, Polnisch, Türkisch und Russisch die häufigsten Sprachen. Nicht selten haben diese Kinder einen Migrationshintergrund und lernen durch Verwandte die Sprache ihres Herkunftslandes, während die Alltagssprache in Kita und Schule Deutsch ist.

In vielen Grundschulen wird schon früh Englisch unterrichtet.

In vielen Grundschulen wird schon früh Englisch unterrichtet. Teaser/Foto: Dieter Schütz / pixelio.de

Mittlerweile lässt sich aber auch ein Trend zur mehrsprachigen Erziehung erkennen,  zum Beispiel in bilingualen Kindergärten oder Schulen. Hier wird neben Deutsch auch Englisch gesprochen. Über diese Form der Erziehung gibt es gespaltene Meinungen: Die Kinder würden überfordert und lernten langsamer, würden später schlechter in der Schule abschneiden. Langfristige Studien haben genau diese Vermutungen untersucht. Die aktuellen Studien zur Mehrsprachigkeit von Kindern und Erwachsenen beschäftigen sich vor allem mit der neurologischen Ebene des Spracherwerbs: Was passiert im Gehirn, wenn zwei Sprachen gleichzeitig erlernt werden, wo liegen die Unterschiede zu einsprachig aufgewachsenen Kindern.

Bildgebende Techniken wie zum Beispiel die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) können Hirnströme in aktiven Arealen messen, während die Testperson spricht. Der Zusammenhang zwischen der Repräsentation mehrerer Sprachen im Gehirn und den beobachteten Aktivierungsmustern ist dabei noch nicht abschließend geklärt. Das ist auf die Komplexität von Sprache an sich zurückzuführen.

Zwei verknüpfte Schaltzentralen

Für Sprache und Sprachverständnis sind zwei Hirnregionen zuständig. Zum einen das so genannte „Broca-Areal“. Es sitzt im vorderen Teil der linken Hirnhemisphäre und ist für Grammatik und die allgemeine Sprachmotorik verantwortlich. Verbunden ist es mit dem „Wernicke-Areal“, welches für Sprachverständnis zuständig ist.  Es sitzt im hinteren Mittelhirn. Die größten Unterschiede gibt es  im Broca-Areal: Je mehr Wörter einer Sprache ein Kind lernt, desto mehr verdichtet sich der Anteil der grauen, aktiven Hirnmasse in diesem Bereich und immer mehr Verknüpfungen entstehen.

Lernt dieses Kind in späteren Jahren eine zweite Sprache, beginnt dieser Verknüpfungsprozess erneut. Das passiert jedoch nicht im Broca-Areal, sondern in einem komplett neuen Teil. Frühe Mehrsprachige hingegen verknüpfen von Anfang an beide Sprachen anders: Der zentrale Teil des Broca-Areals wird als „Knotenpunkt“ eines großen Netzwerkes aufgebaut, um den herum sich einzelne Regionen für beide Sprachen ansiedeln. Lernt dieses Kind später noch eine dritte Sprache, bildet sich eine neue Sprachregion in der Nähe der bereits vorhandenen.  Alle drei Sprachen sind dann über ein zentrales Netzwerk miteinander verbunden. Sie fußen auf einem gemeinsamen Verständnis von Sprache.

Zweite Sprache im Kleinkindalter

Solche Verknüpfungen findet man vor allem bei Kindern, die eine zweite Sprache vor ihrem zehnten Lebensjahr gelernt haben: „Simultaner Spracherwerb“ wird diese Form genannt. Der 19-jährige Daniel ist ein Beispiel dafür. Seine Mutter kam ein paar Tage vor seiner Geburt aus Kroatien nach Deutschland, sein Vater war bereits vorher zugereist. Bis zum Kindergartenalter lernte er ausschließlich Kroatisch, erst dann kam Deutsch dazu. Verständigungsprobleme hatte er trotzdem kaum. „Als Kind verständigt man sich ja eh noch ganz anders, da braucht es nicht unbedingt die gleiche Sprache“, erzählt Daniel, der ab dem nächsten Wintersemester Chemie an der TU Dortmund studiert.

Bücher in verschiedenen Sprachen

Unterschiedliche Sprachen lesen zu können kann von Vorteil sein. Foto: nimkenja / pixelio.de

Nach und nach habe er so Deutsch gelernt, Freundschaften geschlossen und einige davon bis heute erhalten. Mit ihnen unterhält er sich ausschließlich auf Deutsch, während er mit seinen Eltern Kroatisch spricht. Von seinen Großeltern hat er zusätzlich Lesen und Schreiben in ihrer Muttersprache gelernt. In der Schule belegte er dann Russisch als weitere Fremdsprache. „Es ist mir sehr leicht gefallen“, erklärt er diese Entscheidung, „Russisch ist Kroatisch recht ähnlich und ich konnte es sehr einfach behalten.“ Er spricht alle Sprachen akzentfrei: Im Deutschen rollt er kaum merklich das „R“. Einen größeren Nutzen hat er noch nicht aus dieser Mehrsprachigkeit gezogen, bis auf einen: „Man kann sich im Urlaub sehr viel besser verständigen“, sagt er und grinst.

Einen merklichen Vorteil zieht er auf jeden Fall aus dem frühen Lernen zweier Sprachen: Einen formell anderen Zugang zur Sprache an sich. Verschiedene Sprachforscher wie auch die Sprachforscherin Joanne Paradis im Jahr 2007  haben diese Auffälligkeit dokumentiert. Durch die bereits erwähnte Verknüpfung aller Sprachregionen entsteht eine gemeinsame Sprachkompetenz, die sich, gleich welche der Sprachen gesprochen wird, bildet und weiter entwickelt. Dem Lernenden wird so, wenn auch unbewusst, ein zentraler Punkt des „Sprachen-Lernens“ klar: Es ist die Sprache, die Dinge benennt, und nicht umgekehrt.

Das merkt ein Kind dann, wenn es für ein und denselben Gegenstand zwei oder drei unterschiedliche Begriffe lernt. Dabei gilt auch: Je besser das Wissen in der ersten Sprache ist, desto leichter fällt das Lernen der zweiten. „Bilingual Bootstrapping“ wird dieser Prozess genannt. Das Kind schließt mit Hilfe der fortgeschrittenen Sprache temporäre Lücken und nutzt die Struktur der weiter entwickelten Sprache als Einstieg in die entsprechende Struktur der neuen Sprache. Das bestätigen zum Beispiel die Sprachforscherinnen Ira Gawlitzek-Maiwald und Rosemarie Tracy bereits 1996 nach verschiedenen Untersuchungen.

Später Zweitspracherwerb

Das Alter wird als ein wichtiger Faktor beim bilingualen Lernen angesehen: Je früher die Person mit einer zweiten Sprache in Kontakt kommt, desto besser. Als ungefähre Grenze wird häufig das zehnte Lebensjahr genannt. Aber auch danach kann ein Jugendlicher oder Erwachsener eine zweite oder dritte Sprache gut lernen. Die Verknüpfungen bauen sich dann allerdings anders auf. Ein Beispiel für diesen „sukzessiven Zweitspracherwerb“ ist die 18-jährige Sandra, die im Alter von zehn Jahren mit ihrer Mutter von Polen nach Deutschland zog und ab dem nächsten Wintersemester Erziehungswissenschaften an der TU Dortmund studiert.

Lesende Kinder

Beim gemeinsamen Spielen lernen Kinder sehr schnell neue Begriffe. Foto: Dieter Schütz / pixelio.de

Auch bei ihr waren Alltagssituationen erste Brücken in die Sprache: „Ich lernte eher spielerisch im direkten Kontakt mit deutschsprachigen Kindern.“ Am Anfang seien ihr gerade klassische Schulsituationen sehr schwer gefallen. Als dann in der weiterführenden Schule Englisch und eine kurze Zeit darauf Französisch hinzukamen, war es zu viel: „Französisch habe ich gehasst, aber immerhin mit einer drei am Ende der achten Klasse abgeschlossen.“ Mit etwas Abstand und weiterführenden Deutschkenntnissen entschloss sie sich, in der Oberstufe Russisch als weitere Fremdsprache zu wählen, die sie auch mit ins Abitur nahm. „Es war ein Kampf, der sich gelohnt hat.“

Unsicherheiten muss sie sich doch eingestehen. „Oft ist es immer noch so, dass ich spezielle Begriffe gar nicht kenne und man sie mir erklären muss.“ Das ist ein Problem, das viele haben. Ist der Begriff jedoch einmal bekannt, sind für ein Objekt zwei Begriffe vorhanden. Bilinguale Kinder haben während des Lernprozesses einen kleineren Wortschatz in den einzelnen Sprachen als monolinguale Gleichaltrige. Fasst man allerdings beide Sprachen zusammen, ist der Sprach- und Ausdruckswortschatz insgesamt größer.

Wortschatz und Codeswitching

Dies ist ein Vorteil, den auch Sandra für sich zieht: „Die deutsche Sprache hat viel weniger Ausdrucksmöglichkeiten. Im Polnischen gibt es zum Beispiel viel stärkere Begriffe für Emotionen.“ So kommt es auch schon mal vor, dass sie nach einem deutschen Satz auf Polnisch flucht. Dieses Wechseln der Sprachen, wie auch eingangs beschrieben, nennt sich „Codeswitching“: Das wechselnde Zurückgreifen auf unterschiedliche Sprachcodes. Dabei ist auch entscheidend, in welchen Lebensbereichen ein Wort erlernt wurde.

Vater und Sohn

Häufig werden Begriffsfelder nach Lebensbereichen getrennt, zum Beispiel, wenn zuhause eine andere Sprache gesprochen wird. Foto: Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de

Eine häufige Konstellation: Begriffe der Familie und der Emotion sind in erster Linie muttersprachliche Begriffe, während formelle Ausdrücke aus dem Berufsfeld eher zur zweiten Sprache gehören. Mischen sich unterschiedliche Themenbereiche in einem Gespräch, greift das Gehirn auf den Sprachstamm zurück, der primär zu dem gebrauchten Begriff gehört. Das „Switchen“ ist also kein Anzeichen von sprachlicher Unsicherheit, sondern eher ein Merkmal sprachlicher Flexibilität.

Ob es sinnvoll ist, ein Kind mehrsprachig zu erziehen, ist ein streitbarer Punkt. Letztendlich bleibt hier in Deutschland die Entscheidung den Eltern selbst überlassen: Dass ein Kind mit zweisprachigem Lernen nicht überfordert ist, beschreibt der Kinderarzt und Autor Remo H. Largo in seinem Buch bereits im Jahr 2003. Es lernt beide Sprachen zwar langsamer, die Sprachkompetenz insgesamt ist aber gleichwertig oder besser im Vergleich zu einsprachigen Kindern.

Weltweit gesehen ist Monolingualität eher die Ausnahme: Das zeigt schon ein kurzer Blick zum Beispiel in verschiedene asiatische Staaten, wo die Amtssprache häufig nicht der Muttersprache der Geburtsregion entspricht. Im Gebiet des Mehrspracherwerbs wird weiterhin aktiv geforscht: Eine Thematik, die man gerade im multikulturellen Deutschland nicht unbeachtet lassen sollte.

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