Der Herr der Fliegen – fast verstaubt
und doch aktuell

Eine Gruppe von Schülern auf einer einsamen Insel. Völlig auf sich gestellt und fernab von der Zivilisation müssen sie sich organisieren, um zu überleben. Was klingt wie eine etwas neuere Version von „Die Schatzinsel“ ist ein spannendes Projekt auf der Bühne der ASta Theater AG in dem Stück „Der Herr der Fliegen“. Ein Stück, das die Darsteller zum Nachdenken bringt.

Die Schauspieler in weißen Hemden und schwarzen Hosen stehen alle mit dem Gesicht zum Publikum. Sie stehen dicht beieinander, zeigen als Gruppe ihre Stärke. In ihren Gesichtern stehen Hass und etwas Herausforderndes. Eine Schauspielerin steht etwas abseits. Sie trägt über dem weißen Hemd eine olivgrüne Strickweste und eine Brille und steht weiter vorne als der Rest der Gruppe – Piggy ist abgestoßen und ausgeschlossen. „Wir brauchen nicht dich, wir brauchen deine Brille“, sagt Roger. Und dabei rückt die Gruppe immer näher an sie heran. Das freche Grinsen auf den Gesichtern wird immer größer. Und damit wächst auch die Unsicherheit auf Piggys Gesicht. „Her mit der Brille!“ wird sie schließlich von einem der beiden Anführer angefahren, der ihr die Brille von der Nase reißt. Ganz traurig steht sie nun da. Allein. Und die Gruppe ist glücklich, mithilfe der Brille wollen sie ein Feuer zu entfachen, um Schiffe in der Umgebung auf sich aufmerksam machen.

Die Schauspielerin von Piggy, dem Ausgestoßenen der Gruppe, Anna Schedler, sieht Piggy als Beispiel für Menschen, die auch in unserer Zeit nicht in Gruppen aufgenommen werden, weil sie ein wenig anders sind, nicht im richtigen Moment das Richtige sagen und die Gruppendynamiken nicht durchschauen. Sie sagt „Der Herr der Fliegen“ sei so interessant, „weil die Menschen dort in eine Situation gebracht werden, in denen sie ihre Menschlichkeit verlieren oder das, was einen aufgeklärten Menschen ausmacht“.

Bald teilt sich die Gruppe, dennoch rufen die Schüler regelmäßig Versammlungen zusammen.

Parallelen zu der heutigen Zeit

In William Goldings Roman „Der Herr der Fliegen“ aus dem Jahr 1954 soll eine Gruppe von Schülern im Zweiten Weltkrieg mit einem Flugzeug vor einem Atomangriff in Sicherheit gebracht werden. Das Flugzeug stürzt jedoch ab, die Schüler überleben und landen auf der einsamen Insel. Ein Szenario, das auch aus dem Roman „Die Schatzinsel“ oder der Serie „Lost“ bekannt ist. 

Eine alte Geschichte also, die doch aktuell bleibt. Denn, wie Anna Flacke, Regieleitung einer der ASta Theater AG Gruppen, sagt, beginnt auf der Insel ein spannendes soziales Experiment. „Was passiert, wenn Menschen ausgesetzt werden und gesellschaftliche Normen nicht mehr gelten?“, fragt sich Flacke. Der Gedanke fasziniert sie. Außerdem werde deutlich gemacht, wie schnell es passiert, dass Gruppenverhalten Einzelverhalten entschuldigt und Menschen Dinge tun, die ein Einzelner niemals machen würde. Eine Parallele dazu sieht Flacke in aktuellen Diskussionen um rechte Parteien in der Politik: „Rechte Aussagen werden wieder salonfähig, dadurch, dass eine Gruppe sie ausspricht“, sagt Flacke. Die Entscheidung, dieses Stück für die Theater AG vorzuschlagen, habe sie in einer Zeit getroffen, in der die AfD wieder großen Zulauf hatte. 13 Schauspieler haben sich für das Stück ausgesprochen und werden vom 27. bis 29. Mai auf der Bühne Piggy, Jack, Ralph und die anderen Jungen verkörpern.

Die Gruppe steht im Vordergrund

Eine Insel wird dann auf der Bühne nicht zu erkennen sein. Die einzige Kulisse sind ein Berg aus Paletten in der rechten Ecke der Bühne und zwei weiße Trennwände rechts und links von der Bühne, hinter der die Schauspieler verschwinden. Es komme bei dem Stück aber auch nicht auf das Setting an, sagt Flacke. Das, was bei „Der Herr der Fliegen“ im Vordergrund stehe, sei das soziale Experiment. Um das eindringlich herüberzubringen, nutzt die Theater AG die Sprache und den schauspielerischen Ausdruck. So wird es sehr laut und auch erschreckend, wenn ein Teil der Gruppe auf Jagd geht und bald „Tötet das Schwein! Tötet das Tier!“ ruft und sich alle damit zu identifizieren scheinen.

Joline Remmel spielt Ralph, einen der guten Charaktere in dem Stück, der auch Anführerqualitäten hat.

Die Darsteller rennen durch den Raum und versuchen so, das Gefühl dieses Blutrausches zu vermitteln. Vor allem, weil es bei diesem Stück auch viel um Gruppendynamiken geht, sind Szenen wie diese so wichtig und überzeugen, wenn alle Schauspieler mit ihrer Mimik zeigen: Wir gehören zusammen, wir denken gleich. Es sind zwar keine Profischauspieler auf der Bühne und das IBZ (Internationales Begegnungszentrum) hat auch nicht die gleichen Möglichkeiten wie das Schauspielhaus Dortmund, aber die Schauspieler nutzen ihre Gesichtsausdrücke, um ihre Rolle möglichst gut darzustellen. Sie identifizieren sich mit ihren Charakteren. Auch während der Proben sprechen sie sich mit den Namen ihrer Rollen an.

Eine Mahnung an die Gesellschaft

So auch Jack, gespielt von Colin Mackenroth, der sagt, dass er im echten Leben schon Menschen kennengelernt hat, die so wie der fast schon autoritäre Anführer Jack aufgetreten sind. Ihm gelinge es, so wie sie zu sein, weil er damit „alles rauslässt, was man so rauslassen kann“. Gleichzeitig sieht er in dem Stück eine Bewusstmachung, was passieren kann, wenn Menschen in einer Gesellschaft ohne klare Regeln leben.

Ganz schnell könne es in solchen Situationen passieren, dass Menschen sich leicht beeinflussen lassen, wenn einer ganz klar den Ton vorgibt, wie Joline Remmel bemerkt, die den guten Charakter Ralph darstellt: „Es zeigt, dass Menschen zu vielen Dingen bereit sind, die sie normalerweise nicht gemacht hätten und wie leicht sich Menschen manipulieren lassen.“

Auf der Bühne haben die Schüler es geschafft, das Feuer mit dem Lupeneffekt der Brille anzuzünden. Aber dann breitet es sich schnell aus. Zu schnell. Nach kurzem Überlegen ruft Ralph: Tretet es aus! Und die ganze Gruppe beginnt zu stampfen, allen voran Jack, der Gruppenanführer. Fast schon freudig trampeln die Schüler wild auf dem Boden herum. Jack stimmt einen Ruf an: „Wir stampfen!“ und die anderen antworten direkt darauf. Eine Szene, die Eindruck hinterlässt und einerseits zeigt, wie hilfreich Gruppen sein können, wenn es darauf ankommt, aber wie gefährlich schnell sie auch eine Brutalität entwickeln, die nicht mehr so leicht aufzuhalten ist.

Aufführungen

 

Beitragsbild: Christina Strunck

Fotos: Christina Strunck