Arbeiten in der Zukunft:
Die Revolution am Schreibtisch

Montagabend, 19 Uhr. Irgendwo im Ruhrgebiet sitzt ein Mann an seinem Schreibtisch. Er trägt eine schwarze VR-Brille. Sein Blick ist aus dem Fenster gerichtet, als würde er die Bäume im Garten beobachten. Tatsächlich ist er mitten in einem wichtigen Meeting. Vor sich sieht er seine Kollegen, dort, in dem ausladenden Konferenzraum in San Francisco. Bei ihnen ist es noch hell, die Uhr zeigt kurz nach zehn. Und obwohl zwischen dem Mann am Schreibtisch und seinen Kollegen 9000 Kilometer liegen, ist er voll dabei.

Sieht so die Zukunft aus? Werden wir von zu Hause aus für multinationale Unternehmen arbeiten, Team-Meetings per Virtual Reality abhalten und dabei in Wirklichkeit über die ganze Welt verteilt sein? Fragt man deutsche Unternehmer, ist diese Vision gar nicht so unwahrscheinlich.

Eine repräsentative Befragung der Marktforschungsagentur Bitkom Research bei Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern ergab, dass solche Technologien schon bald zum Arbeitsalltag gehören könnten. 73 Prozent der Unternehmer glauben, dass sich 3D-Technologien bis 2030 in deutschen Büros durchsetzen werden. Sechs von zehn Unternehmen erwarten zudem, dass Datenbrillen in den kommenden Jahren an Wichtigkeit gewinnen werden.

Fabien Henzler (Foto: Matrix42)

Fabian Henzler arbeitet daran, dass die Vision schon bald Realität wird. Er ist Produktmarketing-Direktor bei Matrix42. Das Unternehmen ist spezialisiert auf die Verwaltung von digitalen Arbeitsplätzen. „Wir befinden uns in der mobilen Ära“, sagt Henzler. Im Moment gehe es vor allem darum, dass Mitarbeiter von überall auf ihre Daten zugreifen können. „Unsere Aufgabe ist es, das zu managen“, sagt er.

Sogenannte Clouds, die das ermöglichen, bringen auch flexiblere Arbeitszeiten mit sich. „Heutzutage sollten Unternehmen niemanden dafür bezahlen, die Zeit von neun bis 17 Uhr abzusitzen“, findet Henzler. Jeder müsse dann arbeiten, wenn er oder sie sich am besten fühlt. Das steigere die Motivation und so auch die Leistungen der Mitarbeiter.

Die Zukunft beginnt heute

Viele Unternehmen haben die Vorteile des „Home-Office“ bereits erkannt und lassen ihre Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten – zumindest ab und zu. Es gibt aber noch immer Vorgesetzte, die davon nichts halten. Sie wollen, dass ihre Angestellten jeden Tag zur Arbeit im Büro erscheinen. „Die Chefs fürchten, dass die Mitarbeiter zu Hause zu sehr abgelenkt sind“, sagt Almuth Knopp. Sie coacht Menschen, die mehr Glück im Leben oder mehr Erfolg im Beruf haben möchten. Sie ist „Expertin für Erfolgreich- und Glücklich-Sein“.

Für Knopp hat die Zukunft des Arbeitens schon begonnen. Mitarbeiter und Unternehmen würden immer öfter auf den eigenen Biorhythmus eingehen. Auch die „Vision Datenbrille“ ist ihrer Meinung nach greifbar – hat aber demnach nicht immer Vorteile. Knopp sieht in Geschäftsreisen noch immer einen großen Vorteil gegenüber virtuellen Meetings. „Wenn die Menschen nicht vor Ort sind, gibt es automatisch mehr Kommunikationsprobleme“, sagt sie. Der Mensch sei ein Wesen mit fünf Sinnen. Mit einer Datenbrille vor den Augen sei es schwierig, die Mimik und Gestik aller Anwesenden genau zu erfassen.

Werden Menschen überflüssig?

Almuth Knopp (Foto: privat)

Gleichzeitig führe eine größere Selbstbestimmung aber auch zu größerer Selbstverwirklichung am Arbeitsplatz, sagt die Expertin für Glücklich-Sein: „Die Mitarbeiter sind motivierter und wollen sich noch mehr einbringen.“ Fabian Henzler warnt jedoch, dass das auch nach hinten losgehen kann. Wer sich zu viel auflade, laufe Gefahr, sich selbst zu überfordern. Die Folge sei Erschöpfung bis hin zum Burn-Out.

Gleichzeitig entsteht parallel mit der Digitalisierung seit Jahren die Sorge, dass nicht alle mit den Entwicklungen mithalten können. Experten nennen diese Menschen „die Abgehängten“. Sie kommen mit dem digitalen Fortschritt nicht klar und sind frustriert. Hinzu kommt: Die Arbeit, die sie ihr Leben lang gemacht haben, wird unter Umständen nicht mehr benötigt. Sie wird automatisiert.

Die Delphi-Studie „2050: Die Zukunft der Arbeit“ der Bertelsmann-Stiftung rechnet bis 2050 mit einer weltweiten Arbeitslosigkeit von mindestens 24 Prozent. Derzeit sind es gerade einmal sechs Prozent. Der Grund: Immer mehr Maschinen und Roboter übernehmen unsere Arbeit. „Die meisten Menschen wird man für die Wirtschaft nicht mehr brauchen können. Sie sind überflüssig“, sagte der israelische Zukunftsforscher Yuval Noah Harari gegenüber dem Handelsblatt. Ein Szenario, das die Vision über Abgehängte und soziale Spannungen noch bekräftigt. „Wir müssen auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen eingehen“, sagt Fabian Henzler deshalb. Jeder Mitarbeiter müsse in seinen individuellen Bedürfnissen gefördert werden, damit er sich nicht ausgeschlossen fühle.

Hierarchie hat ausgedient

Gleichzeitig ist die Digitalisierung auch ein guter Anlass, um Strukturen komplett neu zu denken. Christian Kaschuba ist Organisationsberater beim Hamburger Unternehmen ORGANEO. Er sagt: „Auch in Zeiten der Digitalisierung brauchen wir den Menschen. Er wird nicht überflüssig.“ Die Welt werde immer dynamischer und komplexer. Alte Muster könnten dieser Entwicklung nicht mehr standhalten. Unternehmen brauchen daher eine veränderte Organisation und ein neues Verständnis von Führung.

Christian Kaschuba (Foto: Kaschuba)

Bei zunehmender Dynamik des Marktes würden hierarchische Strukturen zunehmend problematisch. Das altbewährte Prinzip, dass die Manager denken und die Mitarbeiter ausführen, funktioniere heute nicht mehr. Globale Märkte, die sich ständig ändern, verlangen aber schnelle Entscheidungen. Ein Unternehmen müsse auf Überraschungen reagieren können. Da es für überraschende Probleme kein bereits bewährtes Wissen gibt, versage hier das klassische Managements. Für kreative Problemlösung brauche es eine neue Form der Zusammenarbeit mit weniger Hierarchie und mehr Teamwork. „Das Management ist heute oft zu weit weg vom Problem. Handlungs- und Entscheidungskompetenz sollte sich an Können, Motivation und Nähe zum Problem orientieren“, schlägt Kaschuba vor.

Wo früher die klassische Organisationspyramide das Denken über Organisation und Führung bestimmt habe, helfe bei zunehmender Marktdynamik ein anderes Bild: Als alternatives Modell biete sich das einer netzwerkartigen Kreisorganisation mit einem Zentrum und einer Peripherie an. Im Zentrum befänden sich neben der Geschäftsführung Bereiche wie z.B. Buchhaltung, Controlling oder Personal. In den äußeren Kreisen würden interdisziplinär besetzte Teams „nah am Markt“ mit einem hohen Grad an Selbstorganisation arbeiten.

Mitarbeitende würden hierbei nicht mehr feste Stellen besetzen, sondern könnten zwischen mehreren Teams wechseln und dabei verschiedene Rollen inne haben. „Für die komplexen Fragestellungen der Zukunft brauchen wir immer noch Menschen“, erklärt Kaschuba. Maschinen könnten nämlich keine Lösungen finden für Probleme, die es vorher noch nicht gab.

In vielen Unternehmen ist diese neue Struktur noch Zukunftsmusik. Zunächst muss auch das Bild des typischen Bewerbers komplett neu gedacht werden. Statt eine bestimmte Stelle auszuschreiben, werden Unternehmen künftig vielseitige Menschen suchen. Nach der Einstellung hat der neue Mitarbeiter keine feste Aufgabe, sondern sucht sich selbst Betätigungsfelder.

Vom festen Beruf zum losen „Bildungsportfolio“

Keine feste Aufgabe im Unternehmen? Für viele Schüler und Studierende aus heutiger Sicht kaum denkbar. Sie werden von früh auf daran gewöhnt, sich auf einen bestimmten Bereich zu spezialisieren. „Das Schulsystem ist stark auf Strukturen und Disziplin getrimmt“, sagt Fabian Henzler. Lehrer und Professoren müssen daher künftig zu einer Art Dienstleister werden und ihre Informationen ungezwungener und flexibler anbieten, sagt er.

Auch die Delphi-Studie der Bertelsmann-Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Struktur der Bildung verändern muss. Statt einen bestimmten Beruf zu erlernen, sollte jeder ein „Bildungsportfolio“ mit verschiedenen Fähigkeiten und Interessen entwickeln. Dann kommt ein Mitarbeiter individuell zum Einsatz, je nachdem, welche Fähigkeit gerade gefragt ist. Und das kommt dann allen zugute: der Wirtschaft, dem Unternehmen und vor allem dem Menschen selbst.

 

Titelbild: Heinrich-Böll-Stiftung/Flickr (nach Creative-Commons-Lizenz)