Digitale Steinzeit

Neulich hat mein Bruder einen Schatz entdeckt. Als er die Osterdeko vom Dachboden schleppte, stieß er dort auf eine Bücherkiste. Unter den üblichen Schnulzen-Romanen von Utta Danella lagerten darin Computer-Ratgeber aus den Neunziger Jahren.

PC-Fahrschule für Windows 95

Computerratgeber anno 1995. Fotos: Jana Fischer, Teaserbild: Wikimedia Commons / Cornellanense

Nicht ganz so wertvoll wie die britischen Kronjuwelen ? Vielleicht, aber für uns mindestens so prähistorisch wie ein Stapel mittelalterlicher Handschriften. „Die PC-Fahrschule für Windows 95“ gab Computer-Neulingen einst „Zwanzig Fahrstunden für Einsteiger und Aufsteiger“ – mit einem technischen Gefährt, das sich aus heutiger Sicht auf dem Level von Carl Benz‘ erstem Automobil bewegt.

Mausklicks und Disketten

Die Lektionen starten mit grundlegenden Fertigkeiten: „Um bestimmte Aktionen ausführen zu können, muß eine Maustaste kurz gedrückt werden. Dieser Vorgang heißt „Mausklick“. Verwenden Sie immer die linke Maustaste, solange wir nicht ausdrücklich die rechte Maustaste nennen.“ Klar: Für Digital Natives wie uns wirkt das wie der gutgemeinte Tipp, beim Laufen ein Bein vor das andere zu setzen . Damals allerdings bekam der Leser hübsch der Reihe nach erklärt, wie das alles funktionierte: „Ordner schließen“, „Programme starten“, „Diskette formatieren“. Am Ende erklärte das Kapitel „Pause am Rastplatz – die Windows-Spiele“ dem frischgebackenen PC-Experten die Regeln von Solitär, Minesweeper und Free Cell.

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Kalle surft im Internet - mit Modem, aber ohne Briefmarken.

Für die Fortgeschrittenen erschien im selben Jahr „Kalle surft im Internet“, in dem der Titelheld mit einfachen Worten das World Wide Web erklärt. „Das ist so was wie Brieffreundschaft, bloß braucht man nicht mehr zur Post,  um Briefmarken zu kaufen“, erläutert Kalle dem unbedarften Leser. Im Anhang gibt es zusätzlich noch zeitgemäße Surftipps. Leider findet man auf der empfohlenen „Caught in the Act“-Fanpage inzwischen keine Informationen über halbnackte holländische Boybands mehr – stattdessen bekam ich unter dem entsprechenden Link eindeutige Angebote von noch leichter bekleideten Damen.

Trost im Technikwahn

Was mich etwas beunruhigt: All diese Relikte aus der Technikantike sind in Wirklichkeit jünger als ich selbst. Andererseits bilden sie den perfekten Trost für alle, die im kollektiven Gadget-Rennen den Anschluss verloren haben. Liebe Technik-Hipster: Mag sein, dass das iPhone vier vor zwanzig Jahren pure Science Fiction gewesen wäre. Unsere Kinder werden es im Museum trotzdem genauso ungläubig anstarren wie wir eine Dampfmaschine.

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