Wissenswert: Lebensmittelverschwendung

Foto: flickr.com/Karen Roe, Rafael Robles L, Lars Kasper, NASA Goddard Photo and Video; Montage: Marc Patzwald, Teaserfoto: flickr.com/poniblog

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Die Banane entspricht nicht dem richtigen Krümmungsgrad, der Apfel hat schon eine braune Stelle und das Brot ist auch schon vom Vortag: Weg damit. Obwohl die Nahrungsmittel noch genießbar sind, wird aussortiert. Denn für die Kunden soll immer nur das Beste auf der Ladentheke stehen und auch in manchen Haushalten geht die Wertschätzung von Lebensmitteln verloren. Christine Göbel vom Institut für Nachhaltige Ernährung und Ernährungswissenschaft der Fachhochschule Münster erklärt, welche Konzepte gegen Lebensmittelverschwendung in NRW entwickelt werden.
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Bild: cornerstone/pixeliode

Beim Apfelbauern: Bereits hier wird schon aussortiert. Foto: cornerstone/pixelio.de. Teaserbild: SueSchi/pixelio.de

2,5 Tonnen Lebensmittel – so viel werfen wir in NRW pro Jahr in die Tonne. Diese vermeidbaren Abfälle entstehen auf unterschiedlichen Ebenen: „Denn auf der ganzen Versorgungskette wird weggeworfen“, erklärt Christine Göbel von der FH Münster. Bis zum Beispiel ein Apfel bei uns im Einkaufswagen landet, ist es ein langer Weg.

Es geht los beim Apfelbauer: Bereits er sortiert seine Ernte. Denn er weiß, dass er das Obst, das schon braune Stellen hat, nicht verkaufen wird. Der nächste Stopp: die industrielle Verarbeitung. Hier werden die Äpfel gesäubert. Auch an dieser Stelle landet einiges Obst in der Tonne. Die übrigen Äpfel erreichen nun den Handel: Aber auf die Ladentheke kommen nur diejenigen, die schön rund, knackig und rot sind. Erst jetzt landet der Apfel im Einkaufswagen und somit beim Verbraucher.

Aber gerade an dieser Stelle wird viel weggeworfen: „Der Verbraucher macht mit 40 Prozent den größten Teil der Verschwendung aus“, sagt Christine Göbel. Das sind die Ergebnisse einer aktuellen Studie, die das Institut für nachhaltige Ernährung und Ernährungswissenschaften der FH Münster im Auftrag vom Landesministerium NRW durchgeführt hat.
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Obst und Gemüse landen am häufigsten in der Tonne
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Die Studie hat nicht nur untersucht, an welcher Stelle vermeidbare Abfälle entstehen, sondern auch, wie es in den einzelnen Produktgruppen aussieht: „Obst und Gemüse werden in NRW am meisten weggeworfen“, sagt Christine Göbel, „Fleischwaren dagegen am wenigsten.“ Das liegt daran, dass die Wertschätzung für ein Rindersteak zum Beispiel höher ist als für einen Apfel.
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Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass in NRW zu viele Lebensmittel weggeworfen werden. Jetzt geht es darum, konkrete Maßnahmen zur Verbesserung zu entwickeln. Denn das Ziel des europäischen Parlaments ist es, die Menge der vermeidbaren Lebensmittelabfälle bis 2020 zur Hälfte zu reduzieren – und das gilt für alle Regionen. „Damit das gelingt, haben wir in NRW den Runden Tisch ‚Neue Wertschätzung für Lebensmittel‘ eingerichtet“, berichtet Christine Göbel.
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Vier Strategien gegen Lebensmittelverschwendung
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Bild: martin-fels/pixelio.de

In Reih und Glied: Bild: Im Supermarkt kommt nur das Beste auf die Ladentheke. Foto: martin-fels/pixelio.de

Auf Grundlage der Studie hat der Runde Tisch vier Strategien entwickelt. „Bei der ersten Strategie überlegen wir, welche Rahmenbedingungen wir verändern können“, erklärt Christine Göbel. Hier geht es darum, die Gesetze, Normen und Regeln, die zur Verschwendung führen, zu lockern oder abzuschaffen. Dabei wird besonders auch  das Mindesthaltbarkeitsdatum geprüft. Denn diese Richtlinie bringt viele Gefahren mit sich: Verbraucher neigen dazu, Lebensmittel an dem gesetzten Tag wegzuwerfen – obwohl die Produkte noch einige Tage genießbar sind. Denn das Datum gibt schließlich an, wie lange die Lebensmittel mindestens noch haltbar sind – und nicht höchstens.

Food Sharing – ein Konzept für die Zukunft?
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Der zweite Punkt ist das „Schnittstellen stärken“. Damit sind die einzelnen Übergänge in der Wertschöpfungskette gemeint – also von Produzenten über die Industrie über den Handel bis zum Verbraucher. „Auf der Ebene des Verbrauchers läuft hier gerade ein neues Projekt an: Food Sharing“, erklärt die Ernährungsexpertin. Das ist eine Internetplattform, auf der Privatpersonen, aber auch Händler und Produzenten kostenlos Lebensmittel anbieten können, die sie sonst wegwerfen würden. Ein Blick auf die Homepage lohnt sich: Auf einer Deutschlandkarte kann man sich in seine Region klicken und nachschauen, ob jemand bereits etwas anbietet. Verschiedene Teesorten in der Dortmunder Nordstadt, ein Glas Rotkohl in Lünen und Pesto und Suppe in Essen: Das Projekt scheint gut anzulaufen.
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Foto: GoldstadtTV/flickr.com
Hier landen in NRW 2,5 Tonnen Lebensmittel im Jahr: in der Tonne. Foto: GoldstadtTV/flickr.com

„Als dritte Maßnahme wollen wir die Wertschätzung für Lebensmittel erhöhen“, sagt Christine Göbel. Hier steht vor allem die Ernährungsbildung an Schulen im Mittelpunkt. Für das Thema Lebensmittelverschwendung hat die Universität Paderborn Arbeitsmaterialien erstellt. „Diese verwenden Kölner Schulen bereits im Unterricht“, so die Ernährungsexpertin. Auch für Mitarbeiter im Handel wurden Fortbildungen konzipiert, um die Wertschätzung für die Produkte zu verbessern.

Lebensmittel wertschätzen – in den einzelnen Regionen
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Bei der vierten Strategie geht es darum, die Märkte in der Region zu stärken. „Denn je kürzer die Wege und je weniger Schnittstellen es gibt, desto weniger muss weggeworfen werden“, erklärt Christine Göbel. Dafür sollen regionale Wirtschaftskreisläufe entwickelt werden. Durch die Nähe vom Produzenten zum Verbraucher soll wiederum auch die Wertschätzung verbessert werden.
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Bis diese vier Strategien Effekte erzielen, wird es wohl noch ein wenig dauern – denn die meisten Projekte sind erst im Anlauf. Wenn die Maßnahmen aber richtig umgesetzt werden, werden auf dem langen Weg vom Apfelbauer bis in den Einkaufswagen wohl nicht mehr so viele Äpfel aussortiert.
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