Leben mit Intoleranzen

Nicht alles essen zu dürfen, was man vielleicht möchte: Das ist für Menschen mit einer Lebensmittelintoleranz Alltag. Wenn dann auch noch zwei unterschiedliche davon zusammen kommen, stellt das selbst diesen Alltag ein wenig auf den Kopf. Pflichtlektüre-Reporterin Linda Hopius hat mit einer betroffenen Studentin gesprochen.

laura_portrait_klein (Foto: Linda Hopius)

Laura lebt seit zwei Jahren mit Lebensmittelunverträglichkeiten. Teaser: Marianne J./pixelio.de, Foto: Linda Hopius

Lauras Wohnung in der Dortmunder Innenstadt sieht aus wie jede andere Studentenwohnung auch: Bad, Schlafzimmer, Küche, Flur. Einen Teil der Weihnachtsdekoration hat sie noch nicht abgeräumt. Aber irgendwas ist anders.

Genaues Hinsehen in der Küche lässt einen Besucher stutzen: Kein Brot, kein Gemüse, kein frisches Essen auf der Anrichte, obwohl es gerade Mittag ist. Frisches Obst sucht man ebenfalls vergebens. Auch eine weihnachtliche Keksdose fehlt, obwohl alles andere an Weihnachtskram ja noch steht. Aber da, ein zum Teil geöffneter Adventskalender auf dem Küchenschrank. Darauf angesprochen meint Laura nur: „Die Schokolade haben zum Großteil mein Freund und mein Besuch gegessen.“ Denn für die 25-jährige Studentin der Sprachwissenschaften kommt Schokolade nicht in Frage – Laura ist seit fast zwei Jahren Histamin- und Fructose-Intolerant.

Früher konnte Laura noch alles essen

Es sei ein schleichender Prozess gewesen, sagt sie. Früher hat sie gerne und viel Obst gegessen, war auch sonst experimentierfreudig, was verschiedene Gerichte angeht, und hat Freude am Essen gehabt. Zuerst kam die Fructose-Malabsorption, kurze Zeit darauf die Histamin-Intoleranz.

All ihre einstigen Lieblingsgerichte darf sie heute nicht mehr essen: „Es wäre einfacher aufzuzählen, was ich noch essen darf.“ Bei zwei Intoleranzen, die sich nur in wenigen Punkten überschneiden, bleiben nicht mehr viele Lebensmittel übrig. Abwechslung und ausgewogene Ernährung sehen anders aus.  So besteht Lauras Mittagessen meistens aus Reis mit bestimmten Soßen, manchmal in Verbindung mit Zucchini oder Hähnchenfleisch. Ab und zu gibt es Kartoffeln, aber seltener, und in kleinen Mengen, denn auch Kartoffeln enthalten Fructose.


Nicht immer ist nur das drin, was draufsteht

Laura hat auch schon verschiedene Fertiggerichte oder Tiefkühlkost probiert, ein paar Sachen gäbe es da. „Allerdings muss ich da immer aufpassen, was da alles genau drin ist.“ Denn gerade in Fertiggerichten oder Gewürzmischungen aus der Tüte ist meist Hefeextrakt als natürlicher Geschmacksverstärker enthalten – auch wenn das Gegenteil von der Werbung beschrieben wird. Es gibt eine handvoll Fertigprodukte, die keine solchen Zusatzstoffe enthalten: die sind allerdings ziemlich teuer.

Ähnlich sieht es bei Zucker aus: „Wenn man so genau auf die Inhaltsstoffe achten muss, sieht man erst mal, wo überall Zucker drin ist.“ Diese Produkte fallen für sie ebenfalls weg. Auch viele Milchprodukte, die Laura eigentlich essen könnte, wird Zucker beigemischt, und „nur auf die Dauer Naturjoghurt, das wird auch langweilig“. Kann man, mit so vielen Geboten denn noch im normalen Supermarkt einkaufen? „Ich weiß ja mittlerweile, was ich essen darf und was nicht. Wenn das einmal klar ist, geht das Einkaufen auch ganz normal.“

Internetforen haben sehr geholfen

Lunchpaket (Foto: Linda Hopius)

Was für uns ein normales Lunchpaket ist, kann Laura nicht essen. Foto: Linda Hopius

Eine große Hilfe, gerade am Anfang ihrer Intoleranzen, sind spezielle Internetforen für Menschen mit Lebensmittelunverträglichkeiten gewesen. Dort werden Tipps und Kochrezepte und sogar ganze Einkaufslisten für die verschiedenen Intoleranzen zur Verfügung gestellt. Diese sind nicht allgemein gültig, die Intoleranzen prägen sich bei jedem Menschen anders aus. „Man fühlt sich einfach besser, zu wissen, dass man nicht die Einzige mit so einem Problem ist.“ Denn aus Lauras Freundes- und Bekanntenkreis ist kaum jemand in einer ähnlichen Situation.

Deshalb stößt sie bei manchen ihrer Bekannten auch oft auf taube Ohren. Denn so gut man mit der Intoleranz zuhause über die Runden kommt: Man will ja auch mal abends weggehen, oder einfach nur zusammen mit den Kommilitonen in die Mensa. Gerade das ist für Laura sehr schwierig, da die Unimensen und Cafeterien zwar Snacks und Mittagessen für Vegetarier, Veganer und zum Teil auch für Menschen mit Laktose-Intoleranz anzubieten haben, aber meistens ist für sie dann trotzdem nichts dabei. Also nimmt sie sich ihr Essen von zuhause mit, häufig auch nur ein paar Reiswaffeln für zwischendurch. „Da muss man sich dann öfter anhören ´Wie, DU machst eine Diät?` oder ähnliches“. Auch gäbe es ab und zu komische Blicke und Nachfragen, was sie denn da für ein „Vogelfutter“ dabei habe, oder auch Kommentare wie „Du stellst dich ja nur an.“ Gerade auf Partys, wo die Studentin eben nur zu Wasser greifen kann, stoße sie öfter auf Unverständnis.

Falsche Lebensmittel haben böse Folgen

Dabei hat Laura guten Grund, auf Dinge zu verzichten, die sie vielleicht auch gerne essen würde. Denn die Folgen sind in ihrem Fall für sie nicht mehr tragbar. „Ich habe über Weihnachten auch mal das ein oder andere gegessen, was ich nicht hätte essen dürfen… und das rächt sich jetzt.“ Die ganze erste Januarwoche habe sie daraufhin mit Schlappheit, Müdigkeit und Magenproblemen zuhause gesessen: „Man fühlt sich einfach richtig mies.“ Wenn es allerdings nicht nur bei kleinen Mengen der „verbotenen Lebensmittel“ bleibt, können die Folgen auch ganz anders aussehen: Im schlimmsten Falle kann es bei ihr zu Schweißausbrüchen, Herzrasen und sofortiger, starker Schläfrigkeit kommen. Eine Salamipizza zum Beispiel wäre eine „ganz fiese Mischung“, auf die sie besser verzichten sollte.

Rotwein Foto: Linda Hopius

Auf Rotwein und anderen Alkohol muss Laura auch verzichten. Foto: Linda Hopius

„Man fühlt sich einfach besser, wenn man verzichtet.“ Es sei zwar oft nicht einfach, bedeute aber einen großen Gewinn an Lebensqualität für sie. Mitleid möchte Laura aber auf keinen Fall, einzig allein der unsensible Umgang mit dem Thema nervt sie: „Wenn ich mich erkläre, heißt es dann ´Das ist aber ganz schön blöd` und es wird mitleidig geschaut. Kann schon sein, aber es ist nun mal so, und ich lebe damit.“ In anderen Situationen habe sie aber einfach keine Lust, sich dauernd rechtfertigen zu müssen, gibt Laura resigniert zu. Um „blöden Bemerkungen“ zum Beispiel beim Abendessen mit Verwandten aus dem Weg zu gehen, esse sie dann einfach, was sie mag.

Für solche Gelegenheiten hat sie dann einen Joker parat: Zwei kleine Kapseln, die das fehlende körpereigene Enzym zum Abbau von Histamin enthalten, ermöglichen ihr ein beschwerdefreies Essen. Allerdings sind diese Kapseln sehr teuer: 30 Stück kosten rund 25 Euro. Bei zwei Kapseln pro Mahlzeit geht das schon ins Geld. Deswegen spart sie sich diese für besondere Gelegenheiten auf.

Für den Moment: Keine bessere Möglichkeit

Diese Kapseln sind momentan Lauras einzige Lösung, mit der sie das essen könnte, was sie möchte. Sie waren auch eine Empfehlung aus dem Internet – auf welches sich die Studentin in Ernährungsfragen am meisten verlässt. „Mein Hausarzt wusste mit der Diagnose nichts wirklich anzufangen und hat mich zum Allergologen geschickt“. Aber auch der konnte ihr nicht mehr weiterhelfen, als zu sagen, welche Lebensmittel sie lieber weglassen sollte. Ihr vorheriger Hausarzt habe ihr sogar nur empfohlen, probiotischen Joghurt zu essen und joggen zu gehen: „Ich fühlte mich irgendwie nicht ernst genommen.“

Sie würde sich wünschen, dass das Thema Lebensmittelunverträglichkeiten mehr in den Fokus der Ärzte rückt: Zum einen, um von ihnen eine kompetente Beratung zu erhalten, zum anderen aber auch, um auf die Probleme aller Betroffenen aufmerksam zu machen. „Ich hoffe ja, dass die Medizin irgendwann mal soweit ist, sodass ich wieder mehr essen kann.“ Denn fast nur von Reis und Zucchini leben: Das wäre nichts für Laura.