10 Jahre danach: Nach BSE kräht kein Hahn mehr

Um den Rinderwahn ist es mittlerweile still geworden. Auf den Tag genau zehn Jahre nach der ersten BSE-Diagnose bei einem deutschen Rind machen längst andere Lebensmittelkrisen die Schlagzeilen. Doch ist die Seuche wirklich verschwunden?

Schaut man den weißen, schwarzen und roten Galloway-Rindern auf der Kupferdreher Weide beim sturen Widerkäuen gegen Wind und Wetter zu, fällt es schwer, an Rinderwahn zu denken. Eher schon an Spaghetti Bolognese oder den Weihnachtsbraten. Seit 2006 züchtet der Essener Bauer Heiner Kammesheidt nun schon die schottischen Hochlandrinder mit seiner Familie. Dank ihres zotteligen Fells können die Kühe das ganze Jahr draußen bleiben.

Stehen das ganze Jahr über an der frischen Luft: Galloway-Rinder. Foto: Kammesheidt

Stehen das ganze Jahr über an der frischen Luft: Galloway-Rinder. Foto: Heiner Kammesheidt

Vor zehn Jahren, am 24. November 2000, wurde in Deutschland das erste Rind positiv auf BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie oder einfach „schwammartige Gehirnkrankheit der Rinder“) getestet. Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie rutschten in eine tiefe Vertrauenskrise. Es wurde heftig über die Gesundheit von Nutztieren debattiert. Insgesamt mussten vier Minister ihre Posten räumen. Währenddessen fürchteten sich viele Bürger vor der Creuzfelt-Jakob-Krankheit (CJK), der menschlichen Form des „Rinderwahns“.

406 Fälle in zehn Jahren

Zwischen Januar 2001 und September 2010 wurden in Deutschland an rund 20 Millionen Rindern Schnelltests durchgeführt. In 406 Fällen zeigten sich Krankheitssymptome. Heute müssen Bauern wie Heiner Kammesheidt ihre Tiere wiederholt testen lassen. „Es gibt regelmäßig gewöhnliche Bluttests“, erklärt er. Außerdem müsse jedes geschlachtete Tier, das älter als 24 Monate sei, einem gesetzlich vorgeschriebenen BSE-Schnelltest unterzogen werden. Mit Erfolg: Wurden 2001 noch 125 kranke Rinder aussortiert, fielen in den Jahren 2008 und 2009 jeweils nur in zwei Fällen Kadaver auf. Im Jahr 2010 ist nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz bislang noch kein bedenklicher Fall bekannt geworden.

Auch beim alljährlichen Weinachtsbraten braucht ihr euch nicht zurückhalten. Foto: Lucas Gunkel

Auch beim alljährlichen Weinachtsbraten ist keine Vorsicht mehr geboten. Foto: Lucas Gunkel

Diese Erfolgsgeschichte war allerdings nicht vorherzusehen – auch wenn die Forschung ihr Bestes gibt. Zwar weiß man inzwischen, dass BSE und die verwandte Schafsseuche Scrapie durch fehlgebildete Eiweißpartikel (sogenannte Prionen) ausgelöst werden. Den gesunden Prionproteinen wird die fehlgebildete Form aufgezwungen und das trägt zur Zersetzung des Gehirns bei. Doch ob das letztlich der alleinige Grund für das schwammartige Gehirn ist, oder wie BSE sich heilen lässt, ist nach wie vor unklar.

Generelles Tiermehl-Verbot

Hauptgrund für den Siegeszug gegen Rinderwahn ist das seit Januar 2001 geltende Verbot von Tiermehl als Futtermittel. Die Herstellung von Tiermehl beinhaltet die Neuverwertung von Schafs- oder Rindskadavern. Bestandteile wie Hirn oder Darm stehen im Verdacht, infektiös zu sein.

Zur Zeit des Krisenwinters 2000/2001 standen im Stall von Heiner Kammesheidt noch Gänse anstatt der schottischen Galloway-Rinder. Nach der Vogelgrippe vor ein paar Jahren ist ihm die Vogelhaltung aber zu riskant geworden. „Da kannst du dich als Bauer nicht drauf einlassen“, sagt er mit Blick auf die Reaktion in Politik und Medien damals.

Beim Thema BSE hat sich derweil der Hype gelegt. In den Bundesländern haben die zuständigen Lebensmittelbehörden nach dem Ausbruch der Tierseuche ihre Kontrollen verstärkt. Das nach der BSE-Krise neu gegründete Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat schon über 10.000 Mal Stellung zu kritischen Lebensmittelfragen genommen. Obendrein führen bekannte Forschungsinstitutionen wie das Robert Koch-Institut oder das Friderich-Löffler-Institut ihre wissenschaftlichen Studien zum Thema BSE weiter. Scheinbar lohnt sich das Wahnsinnigwerden wirklich nur noch beim Gedanken an Bolognesesauce – mit Rind.