Durchwurschteln als Lebensstrategie

Christian Ankowitsch ist gebürtiger Österreicher. Allerdings hat ihn sein Weg des „Durchwurschtelns“ nach Berlin verschlagen. Dort lebt der 50-Jährige. Von 1993 bis 2001 arbeitete er für die „Zeit“, danach war er als freier Journalist und Buchautor tätig. Der „Kleine Seelenklempner“ ist sein dritter Ratgeber. pflichtlektüre-Autor Linus Petrusch sprach mit Christian Ankowitsch über sein neues Buch.

Unplanbarkeit als Lebensphilosophie: Autor Dr. Christian Ankowitsch hält das Durchwurschteln für eine unterschätzte Strategie. Foto: J. Fischnaller

Unplanbarkeit als Lebensphilosophie: Autor Dr. Christian Ankowitsch hält das Durchwurschteln für eine unterschätzte Strategie. Foto: J. Fischnaller

pflichtlektüre: Mir ist beim Lesen des Buches aufgefallen, dass Sie ewig lange studiert haben. Wie viele Semester waren es am Ende?

Ankowitsch: 22 Semester. Dazu muss ich aber sagen, dass ich schon etwas älter war. In den 70er Jahren gab es noch nicht diese rigiden Studienpläne und Studienordnungen. Als ich auf die Universität kam, habe ich erst einmal zwei Semester dafür gebraucht, um drauf zu kommen, dass mir niemand mehr sagen wird, was ich machen soll. Es hat lange gebraucht, bis ich das verstanden habe.

pflichtlektüre: Gab es denn auch zu dieser Zeit schon die Ehrgeizlinge, die total schnell fertig werden wollten – oder hat jeder die fehlende Struktur ausgenutzt?

Ankowitsch: Klar gab es die Ehrgeizlinge. Sie kennen ja die urwüchsigen Animositäten zwischen den Geisteswissenschaftlern und den Medizinern… Sie hatten ja schon immer ihre Stundenpläne und rigiden Vorschriften, wann sie welche Prüfung machen mussten. Daher haben wir Geisteswissenschaftler immer auf sie herab gesehen. Ein bisschen tue ich das heute noch (lacht). Aber darin schwangen natürlich immer die Befürchtungen der zukünftig Brotlosen mit, dass wir nicht so genau wussten, was wir später mal machen sollten.

pflichtlektüre: Immerhin waren Sie Statist im Theater und saßen für den Film „Before Sunrise“ mit Ethan Hawke im Café!

Ankowitsch: Ja – und mit Julie Delpy! Rücken an Rücken. Das hätte ich natürlich auch als fleißiger Medizinstudent machen können – das muss ich der Ehrlichkeit halber dazu sagen. Aber es hat mir nicht geschadet, ein Bummelstudent zu sein (lacht). Irgendwann wurde ich dann doch fertig.

pflichtlektüre: Was unterscheidet Ihren Ratgeber von vielen anderen?

Ankowitsch: Ich habe eine tiefe Abscheu vor Ratgebern, die mit Behauptungen daherkommen wie: Ich sage Ihnen, wie Sie Ihr Studium in sechs Semestern hinbekommen, wie Sie in einer Woche 10 Kilo abnehmen und wie Sie jede Frau ins Bett bekommen, egal wie Sie aussehen.
Die Ratgeber rechnen immer damit, dass wir als Individuen für alles verantwortlich sind und sein müssen. Das halte ich für vollkommen unzulässig!

Autor Christian Ankowitsch: „In den 70er Jahren gab es noch nicht diese rigiden Studienpläne und Studienordnungen."

Autor Christian Ankowitsch: „In den 70er Jahren gab es noch nicht diese rigiden Studienpläne und Studienordnungen."

pflichtlektüre: Sie waren ja mit dieser Strategie des, wie Sie es nennen, „Durchwurstelns“ erfolgreich, haben es immerhin zum „Dr.“ gebracht, schreiben Bücher, haben für die „Zeit“ gearbeitet.

Ankowitsch: Nicht alle meine Fantasien waren realisierbar, leider. Das ist das Schmerzliche am Erwachsen- und Älterwerden. Das Gefühl ereilt einen spätestens dann, wenn man sich sagen muss: „Großer Sänger wirst du wohl nicht mehr!“ Das tut mir in der Seele weh, weil ich das gerne geworden wäre. Aber vielleicht kommt es doch noch. Und ich gründe mit 60 eine Rentnerband!

pflichtlektüre:  Stimmt. Der Zug ist noch nicht abgefahren!

Ankowitsch: Eben. Das ist ein schönes Bild. Dauernd fahren Züge ab, in denen wir nicht drinnen sitzen. Diese Züge müssen wir auch fahren lassen, ohne ihnen ewig hinterher zu weinen. Im Großteil der Züge werden wir nicht drin sitzen. Hauptsache wir sitzen irgendwann in irgendeinem Zug!

pflichtlektüre: Haben sie einen Rat an die Studenten von heute? Auch wenn sich das System verändert hat.

Ankowitsch: Kein System der Welt ist so autoritär, dass man darin keine Bewegungsmöglichkeiten hätte. Daher könnte jeder als erstes schauen, wie er sich innerhalb des starren Systems nach seinen Vorstellungen bewegen kann, wo seine Freiheiten liegen.
Hat man erst mal entsprechende Nischen und Ecken gefunden – sie möglichst nicht mit perfekten Plänen vollpflastern. Eher durchwursteln.

pflichtlektüre: Danke für das Gespräch.

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