Lehramtstudenten – mit dem Latein am Ende

Veni, vidi, vici: Wer da nur Bahnhof versteht, kann kein Lehrer an einem Gymnasium oder einer Gesamtschule werden. Dazu braucht man das Latinum. An der Uni werden dafür drei Semester eingeplant. Der zusätzliche Aufwand hält die Studenten aber vom eigentlichen Studium ab. Sie kämpfen deshalb unter dem Motto: Studi, studi, studi.

Nach sechs Semestern Latein, hält Lars Purschke sein Latinum in den Händen. Foto: Sarah Müller

Nach sechs Semestern Latein, hält Lars Purschke sein Latinum in den Händen. Foto: Sarah Müller

Stolz hält Lars Purschke ein Blatt Papier hoch, vorsorglich hat er es in eine Schutzhülle gepackt. „Nicht zu glauben“, sagt der 29-Jährige, „es ist jetzt auf den Tag genau einen Monat her, dass ich dieses Zeugnis bekommen habe.“ Noch immer ist Lars erleichtert. Kein Wunder, es war ein langer und harter Weg, bis er das Latinum in seinen Händen hielt. „Sechs Semester habe ich mich damit gequält.“ Lars studiert Englisch und Deutsch auf Lehramt an der Uni Bochum und wird später einmal an einem Gymnasium oder einer Gesamtschule unterrichten. Das geht aber nicht ohne  Lateinkenntnisse. „Ich habe sogar überlegt, Lateinlehrer zu werden“, sagt Lars, „das würde wenigstens den ganzen Aufwand rechtfertigen.“

Lars findet Latein für das Fach Englisch absolut überflüssig. Das Problem sei, dass es keine Verbindung mehr zwischen dem Lateinischen und der heutigen Aussprache des Englischen gebe. „Vielleicht ist es nützlich, wenn man ganz alte englische Texte liest, so bis zum Jahr 1750.“ Ansonsten sieht Lars nur einen Nutzen im Latinum: „Es ist besonders dann sinnvoll, wenn man eine Karriere im Vatikan anstrebt.“

Gabriele Schwabe ist anderer Meinung. Sie unterrichtet Latein an der Ruhr-Uni-Bochum und erkennt dementsprechend auch den Sinn in der Auseinandersetzung mit dem Lateinischen. „Das Latinum ist nicht dazu da, um die Sprache sein Leben lang zu beherrschen, sondern um zu lernen, mit einer anderen Sprache umzugehen als der Muttersprache.“ Latein sei das Rüstzeug, um jede andere europäische Sprache präzise zu analysieren. „Die intensive Beschäftigung mit der Sprache fördert außerdem das Lesevermögen der Studenten. Das bleibt im Studium sonst häufig auf der Strecke.“

„Latein ist absolut überfrachtet“

An den Unis in NRW müssen die Studenten drei aufeinander folgende Lehrveranstaltungen besuchen, bevor sie sich zur Latinumsprüfung anmelden. Wer die Abschlussprüfung nicht schafft, darf nur einmal wiederholen. Fällt ein Student beim zweiten Versuch wieder durch, darf er in NRW für die Fächer mit Lateinanforderungen und die entsprechende Schulform nicht mehr Lehrer werden. Auch nach jedem einzelnen Kursus gibt es eine Prüfung, um sich für den nächsten zu qualifizieren. Für die zweite und dritte Lehrveranstaltung werden außerdem Intensivkurse in den Semesterferien angeboten. Lars Purschke hat den ersten Kursus dreimal wiederholt, bis er sich für den zweiten gerüstet sah. „Latein ist absolut überfrachtet.“ Damit meint Lars nicht nur die Überfrachtung mit viel Wissen in kurzer Zeit, er meint auch die Teilnehmer, die zusammen in einem Hörsaal sitzen. Im Wintersemester 2008/2009 gab es an der Ruhr-Universität Bochum 465 Anmeldungen für den ersten Lateinkursus, der lediglich vier Mal angeboten wurde. Es sitzen dann mehr als 100 Studenten in einem Hörsaal, um die lernintensive Sprache zu büffeln.

Carolin Wildöer ist froh, dass die ganze Lernerei vorbei ist. Foto: Sarah Müller

Carolin Wildöer ist froh, dass die ganze Lernerei vorbei ist. Foto: Sarah Müller

Die überfüllten Hörsäle sind auch für Carolin Wildöer Grund gewesen, sich von der ersten Stunde an zu ärgern, das Latinum nicht in der Schule gemacht zu haben. Carolin studiert im neunten Semester Kunst und Englisch auf Lehramt an der TU Dortmund. Sie hat einen langen Weg über die Stolpersteine des Forum Romanum hinter sich. Während sie den zweiten Kursus besuchte, hat sie parallel noch einmal den ersten wiederholt, weil sie sich nicht gut genug vorbereitet fühlte. Trotz des vielen Lernens hatte Carolin in der Probeklausur für den dritten Kursus nur eine fünf minus. „Ich hatte mehrere Heul- und Weinkrämpfe. Ich habe sogar überlegt, ob ich mir ein Zelt auf dem Campus aufschlage, weil ich nur noch an der Uni war, um Latein zu lernen.“ Carolin hat dafür insgesamt fünf Semester gebraucht. „Das war der absolute Albtraum.“

„Das ist eine einfache Milchmädchenrechnung“

Für Lateinlehrerin Gabriele Schwabe ist ganz klar, warum sich die Studenten so schwer mit der lateinischen Sprache tun. „Das ist eine einfache Milchmädchenrechnung.“ In der Schule habe man fünf Jahre Zeit, sich mit Latein zu beschäftigen. An der Uni seien es im Optimalfall aber nur 40 bis 45 Wochen. Außerdem lasse ab dem 20. Lebensjahr das Erinnerungsvermögen stark nach, was gerade das Vokabellernen erschwere.

„Die Horrormeldung, dass das Latinum keiner schafft, ist Quatsch“, sagt Gabriele Schwabe. Die Quote liege bei 88 Prozent. Damit meint Gabriele Schwabe 88 Prozent der Studenten, die sich zur Prüfung angemeldet haben. Damit sind allerdings nicht die Studienabbrecher und die Studenten, die die Kurse mehrere Male besuchen, erfasst. Zur Abschlussprüfung melden sich pro Semester lediglich zwischen 20 und 40 Studenten an, in manchen Jahren sind es nicht einmal zehn Studenten.

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