Lehrlingsfiliale: Vier Wochen Generalprobe

Wenn Jill zur Arbeit kommt, sind die meisten ihrer Mitarbeiter schon da. Während diese bereits neue Ware in die Regale räumen und die ersten Kunden beraten, bleibt ihr noch Zeit für ein kleines Frühstück hinten im Büro. Salamibrötchen und O-Saft, manchmal ein Kaffee. Um elf zieht dann auch die 23-Jährige ihren weißen Kittel an.

Jill ist Lehrling beim dm Drogerie-Markt. Und eine Leiterin der Filiale in der Dortmunder Thier-Galerie. Zumindest noch bis Samstag. Danach sind die vier Wochen in der Lehrlingsfiliale beendet, ihre Ausbildung ebenso. Und Jill ist ausgelernte Drogistin.

Wer im Juli die dm-Filiale im Dortmunder Shopping Center mit offenen Augen betreten hat, dem sind die Luftballons und das Schild im Eingangsbereich mit Sicherheit aufgefallen. „Von wegen junges Gemüse!“ steht darauf, „Wir wachsen über uns hinaus“. Wir, das sind die Lehrlinge im letzten Ausbildungsjahr, Jill-Marie Kotte und ihre Kollegen. Vor drei Jahren haben sie ihre Ausbildung bei dm begonnen, im Juni dieses Jahres mit der schriftlichen und mündlichen Abschlussprüfung erfolgreich beendet. Bevor die Drogisten am 1. August in ein festes Arbeitsverhältnis starten, gilt es eine letzte Herausforderung zu meistern: die Lehrlingsfiliale.

„Es ist der krönende Abschluss ihrer Lernzeit, quasi das Gesellenstück“, sagt Tamara Weber, Beraterin für Aus- und Weiterbildung bei dm. „Im mittlerweile zwölften Jahr ist die Lehrlingsfiliale fester Bestandteil der Ausbildung, die Lehrlinge schmeißen nach den Prüfungen einen Monat lang selbstständig eine Filiale im normalen Geschäftsbetrieb.“ Und das ganz ohne Aufpasser und Kontrolle.

Probleme mit der Personalplanung: „Am Anfang war alles tipptopp“

9.30 Uhr, die Thier-Galerie öffnet. Auch der dm Drogerie-Markt lässt das Rollgitter hoch, ein paar erste Kunden warten bereits auf den Bänken davor. Ein ruhiger Morgen. Viel zu tun hat Laura Mönnighoff dennoch. Drei Warenpaletten sind heute angekommen, mehr als normal. Ein Dutzend Flaschen Sonnencreme, Zahnpasta und Kindershampoo warten darauf, in die Regale sortiert zu werden. Eine Kollegin hilft ihr, die andere macht die Kasse.

Laura Mönnighoff, dm-Lehrlingsfiliale

Laura Mönnighoff kennt sich nicht nur im Warenlager aus – auch mit Plfege- und Inhaltsstoffen.

„In den ersten beiden Wochen ging das schneller, da war hier schon morgens alles tipptopp“, sagt die 22-Jährige und schmunzelt. „Da waren wir eher überbesetzt, haben uns etwas mit der Personalplanung vertan.“ Von den anfangs 15 Lehrlingen sind noch zehn in der Filiale, die Übrigen sind im Gebiet dort eingesprungen, wo es Ausfälle wegen Krankheit oder Urlaub gab. Das Team ist im Durchschnitt um die 22 Jahre, ein junger Mann ist dabei, der Rest Mädels. „Klar, da wird sich manchmal angezickt. Aber größtenteils verläuft hier alles harmonisch.“

Laura ist in dieser und der vorherigen Woche die Stellvertreterin von Leiterin Jill. Die anfallenden Aufgabenbereiche Kasse, Bestellung, Fotostation oder Kosmetikberatung besetzten die Lehrlinge abwechselnd. „Wir haben von vornherein klargestellt, dass wir hier alle gleichgestellt sind und jeder die Chance hat, auch mal die Leitung zu übernehmen – für einen Tag oder länger.“ Einmal in der Woche gibt es eine Mitarbeiterbesprechung im Büro. Ein hellblaues Plakat hängt hier über dem Tisch mit Keksen und Cola, unter der Überschrift „Was lief gut?“ kleben viele handgeschriebene Zettel.

Nicht alle vorab gesteckten Ziele sind erfüllt

Teamarbeit. Das sagen die meisten Notizen. „Wir kennen uns zwar aus der Berufsschule, aber in einer Filiale haben wir noch nicht zusammengearbeitet“, sagt Laura. „Wir haben zwar alle dasselbe gelernt, doch hat jeder noch so seine kleinen Lücken. Es ist gut, dass wir hier noch voneinander lernen und gegenseitig die Lücken schließen können.“ Teamarbeit war auch eines der Ziele, die sich die Lehrlinge im Voraus für das Projekt gesteckt haben. Außerdem wollten sie mehr Payback Kunden gewinnen, mehrere am Tag. „Da haben wir uns etwas viel vorgenommen“, sagt Laura und lacht.

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Die Pappbox für Anmerkungen hat es nicht gebracht, das Plakat in der Küche schon.

Ansonsten ist sie aber zufrieden. Die kurze Überforderung bei der Kundenflut am vergangenen Samstag winkt sie ab. „In Stresssituationen hätte ich früher meinen Chef gefragt. Heute löse ich das Problem einfach selber, gehe selbstbewusster mit ungewohnten Situationen um. Wir haben es geschafft, dass die Filiale steht, hatten immer den Durchblick.“

Auch wenn sich für die Kunden nichts geändert hat, haben einige Stammkäufer nach der eigentlichen Besetzung gefragt. „Die meisten haben aber positiv reagiert und sich für die Lehrlingsfiliale interessiert. Besonders die Aktionen sind gut angekommen, die wir in den letzten vier Wochen veranstaltet haben“, sagt Laura. Nagelpflege oder ein Fünf-Minuten-Make-up haben die Mädels angeboten, am Samstag gibt es zum Abschluss eine Fotoaktion.

Mehr als nur Fachwissen: Jill lernt, gelassener mit Kollegen umzugehen

Ein Foto der 15 Lehrlinge steht auch auf dem Küchentisch im hinteren Bereich, gleich neben Jills Brötchentüte. Bevor sie in die Lehrlingsfiliale gegangen ist, hat sie sich vorgenommen, gelassener zu werden im Umgang mit anderen. „Ich habe eine hohe Tendenz zur Perfektion, das kann und darf ich nicht von allen um mich herum erwarten.“ Hat es geklappt? „Joa“, Jill lacht. In der ersten Woche sei es schwierig gewesen, sich an die Arbeitsweisen und –einstellungen der anderen zu gewöhnen.

Heute sitzt sie in der Küche und schneidet ein Brötchen auf, belegt es mit Salami. Um elf beginnt ihre Schicht. „Bis dahin haben die anderen das vorne schon ganz gut im Griff.“

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