Gehörlosen-EM: Stiller Jubel

Es ist still im Dortmunder Südbad – und das, obwohl Luca Germano gerade Europameister im 400 Meter- Freistil geworden ist. Rasant hat er das Finale zu einer Ein-Mann-Show gemacht und seine Kontrahenten abgehängt. Der Italiener hat sogar seinen eigenen Europarekord geknackt. Dennoch herrscht Stille auf der Tribüne. Lautstarke Atmosphäre? Fehlanzeige. Erkennt das Publikum den Erfolg Germanos etwa nicht an?

Gehörlosen Schwimm-EM (Sieger Herren 400m Freistil)

Sieger im 400m Freistil der Herren (v.l.): Artur Pióro (Polen), Luca Germano (Italien), Nicky Lange (Deutschland). Foto: Melanie Meyer

Ganz im Gegenteil: Wild winken die Fans auf der Tribüne mit Fahnen, werfen die Hände zum Jubel in die Höhe. Germano blickt voller Freude zu ihnen hinauf. Dass das Jubelgeschrei fehlt, stört ihn nicht – denn der junge Italiener ist gehörlos.

Germano ist einer der erfolgreichsten Teilnehmer der 10. Schwimm-Europameisterschaft der Gehörlosen. Diese findet seit Sonntag im Dortmunder Südbad an der Ruhrallee statt und dauert noch bis einschließlich Samstag. Italien hatte bis gestern vier Goldmedaillen gesammelt – sie gehen alle auf Germanos Konto.

Doch auch das deutsche Team schlägt sich bisher sehr gut: zwölf Medaillen, darunter vier goldene. Der Deutsche Gehörlosen Sportverband gibt sich zufrieden, man habe bereits jetzt das Minimalziel übertroffen. „Wir sind momentan direkt hinter den starken Russen und Ukrainern auf Platz drei. Das ist fantastisch“, sagt Vizepräsident Peter Fiebiger.

Visuell statt akustisch

Aber wie kann man sich so eine gehörlosen Meisterschaft vorstellen? Tatsächlich sehr ruhig. Die meiste Zeit ist das Floppen der flippigen Badelatschen das Einzige, was neben dem Wasserplätschern zu hören ist. „Das ist wirklich der große Unterschied zu den Wettbewerben von Hörenden“, sagt Fiebiger. Zum Zeichen von Jubel und Anerkennung klatschen Gehörlose nicht in die Hände, sondern heben die Arme und winken mit den Händen. „Es muss eben eher visuell ausgedrückt werden“, sagt Fiebiger.

Starter_Gehörlosen-EM; Foto: Peter Schöler

Leuchtet die Lampe grün, dürfen die Schwimmer starten. Foto: Peter Schöler

Auch das Startsignal besteht aus einem visuellen Impuls. Es ertönt zwar auch ein schriller Pfiff und dann ein Startton, doch für die Schwimmer ist das wenig interessant, da sie es nicht hören können. Vielmehr orientieren sie sich an einer kleinen Ampelanlage, die neben jedem Startblock steht. „Die Ampel ersetzt quasi das ‚Auf die Plätze, fertig, los'“, sagt Fiebiger.

Das ist für die Sportler natürlich eine besondere Konzentrationsaufgabe: Sie müssen sich nicht nur auf einen möglichst idealen Absprung ins Wasser vorbereiten, sondern immer noch mit einem Auge auf die Farben der Ampel schielen.

Klare Regeln für die Teilnehmer

„Deshalb starten eigentlich auch keine Gehörlosen in den Klassen der Hörenden“, sagt der Vizepräsident, „auf ein akustisches Signal reagiert man einfach schneller, als auf ein optisches. Deshalb wären die Gehörlosen ständig im Nachteil.“ Außerdem sei durch das fehlende Gehör auch die Motorik bzw. der Gleichgewichtssinn gestört, was ebenfalls für ungerechte Wettkampfbedingungen sorgen würde.

Bei einer eigenen Gehörlosen-EM kann so etwas nicht auftreten. „Man darf auch erst ab einer bestimmten Gehörlosigkeit teilnehmen, die zuvor von einem Arzt bestätigt wird“, sagt Fiebiger. So können keine unfairen Wettkampfbedingungen zustande kommen.

Gehörlosen-EM

Vizepräsident Peter Fiebiger. Foto: Melanie Meyer

Vieles bei der Gehörlosen-Europameisterschaft im Dortmunder Hallenbad ist etwas besonderes. So treten zwar insgesamt „nur“ 120 Starter aus 18 verschiedenen Nationen an, dafür nehmen diese teilweise an bis zu fünf Disziplinen teil. „Das ist hier wirklich anders als bei den Hörenden, wo die Schwimmer sich meist spezialisieren“, sagt Fiebiger. Auch die Altersspanne ist bemerkenswert: „Der Jüngste ist zwölf, der Älteste 39“, sagt Fiebiger. Und sie treten alle in einer Klasse an.

Auch im deutschen Team finden sich 13-jährige Teilnehmerinnen, die ihre erste internationale Luft schnuppern. Da sei es schon eine riesige Leistung, wenn sie ins Finale kommen. Und genau das schaffte zum Beispiel die 14-jährige Linda Müller.

Umgangssprache: Gebärdensprache

Eine wahrliche Hürde für den Hörenden zeigt sich dann am Buffet. Wer ein Würstchen bei den netten Damen vom Buffet kaufen möchte, der muss erstmal deren Sprache beherrschen – die Gebärdensprache. Sprachlos wie im Urlaub in einem Land mit fremder Sprache steht man da schonmal an der Kasse und guckt irritiert aus den Badelatschen.

Überall stehen Menschen und diskutieren eifrig mit ihren Händen. Aber wie verstehen sich so vielen Nationen denn überhaupt?

Fans bei Gehörlosen-EM

Winken und Fahnen schwenken: Fans bei der Gehörlosen-EM. Foto: Melanie Meyer

„Das ist kein Problem“, sagt Fiebiger. Während es national unterschiedliche Sprachen und Dialekte gibt, gibt es auch eine internationale Gebärdensprache. Diese baut auf den Elementen der nationalen Sprachen auf. „Das unterscheidet sich dann zum einen in den Gesten, aber auch in den Formungen des Mundes“, erklärt Fiebiger. Er selbst beherrscht die Gebärdensprache, da seine Eltern gehörlos waren und er quasi mit ihr aufwuchs.

Nationalen Stolz zeigen die Gewinner natürlich nicht durch lautes Mitsingen der eigenen Nationalhymne. Doch als die Fahne gehisst wird und für alle Hörenden zunächst die Europahymne und dann die italienische Hymne ertönt, fasst sich Luca Germano ans Herz. Ein Dolmetscher schreibt die Musik für ihn in die Luft und die Fans heben die Hände zum Jubel.

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