Wenn das Hobby zur Sucht wird

Ob zu Hause, in der Bahn oder in der Uni: Wir sind immer online. Mal eben etwas im Internet nachgucken, kurz den Fahrplan der Bahn checken oder sich mit Freunden verabreden – es gibt viele Vorteile. Doch wenn Menschen sich zu exzessiv in der virtuellen Welt verlieren, kann das Internet auch süchtig machen.

Wenn Felix* aus der Uni nach Hause kommt, schmeißt er seine Tür hinter sich zu und schaltet seinen Computer an. „Endlich ist es so weit“, denkt er sich. Während sein Computer surrend hochfährt, holt sich der 19-Jährige das restliche kalte Mittagessen von gestern. Felix spielt und surft gerne online an seinem PC. „Wenn ich nachmittags aus der Uni komme und endlich wieder online zocken kann, dann kann ich abschalten und der Stress fällt von mir ab. Das ist das, was mir durch den Tag in der Uni hilft“, sagt er. Felix studiert Betriebswirtschaftslehre an der Universität Duisburg-Essen. Er spielt viel. „Sieben Stunden pro Tag sind es mindestens“, überlegt Felix. Wenn er vor seinem Computer sitzt, dann fühle er sich wie in einen Bann gezogen, erklärt er. „Ich kann total schlecht sagen: So, das war genug für heute, ich mache den PC aus und gehe lieber schlafen, um morgen fit zu sein.“ 

Exzessives Spielen und Uni-Leben

Abgabefristen, Klausuren und Vorträge: Stress gehört zum Studium dazu. Es gibt immer etwas zu erledigen oder anzufertigen. Felix sitzt noch dazu täglich sieben Stunden vor dem Computer: „Ich hänge oft etwas hinterher, aber bis jetzt habe ich alles abgegeben. Bei den Klausuren läuft es eher nicht so gut“, muss Felix zugeben. „Wenn ich mich zwischen Lernen und Zeit am Computer entscheiden muss, dann fällt die Wahl nicht schwer“, sagt Felix und schmunzelt ein wenig, während er auf seinen Bildschirm schaut. Er ist durch einige Klausuren durchgefallen und hat welche in spätere Semester geschoben. Felix erzählt, dass er oft nicht zu seinen Seminaren geht. „Wenn es abends zu spät wird, weil ich mich nicht vom PC lösen kann, dann kommt es leider dazu, dass ich meinen Schlaf nachhole, wenn ich an der Uni sein sollte“, sagt er. „Wenn ich in der Uni Anwesenheitspflicht hätte, wüsste ich wohl nicht, wie ich das regeln sollte.“

Professionelle Hilfe für Probleme bei Onlinesucht

Dr. Stefan Kimm bietet Beratungsstunden zum Thema Gaming- und Onlinesucht an. (Foto: Stefan Kimm)

Stefan Kimm ist Psychotherapeut an der Elisabeth-Klinik in Dortmund. Dort haben Gamer und Onlinesüchtige eine Anlaufstelle zur Behandlung. „Es gibt zunächst mal für jeden die Beratungsstunde. Dort können sich Betroffene, aber auch Angehörige oder Lehrer an uns wenden“, sagt Kimm. Meistens sind es aber die Eltern, die sich über das auffällige Verhalten ihrer Kinder informieren wollen. 2015 sind 100 Beratungsgespräche in der Kinder- und Jugendpsychiatrie durchgeführt worden. Davon sind sieben Personen stationär und 16 ambulant in das Therapieprogramm aufgenommen worden. Etwa 35 weitere Gamer sind zu vereinzelten weiteren Sitzungen gekommen. „Von denen, die zur Sprechstunde gekommen sind, waren 50 Prozent behandlungsbedürftig“, sagt Kimm. Dabei schwankt die Zahl der Patienten aber mit einem Muster: „Wenn in den Medien mal wieder das Thema Onlinesucht oder Spielsucht thematisiert wird, möchten sich viele Eltern darüber informieren, ob ihr Kind sich auffällig verhält“, sagt Stefan Kimm. Die meisten hätten aber unbegründete Bedenken.

Studie zu internet- und computerspielbezogener Störung

Die Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zeigt den Anteil der 12- bis 25-Jährigen mit internet- und computerspielbezogener Störung.

Quelle: BZgA-Forschungsbericht/Februar 2017

Felix spielt heute online sein Lieblingsspiel: Counter Strike. Er hat sich mit anderen Gamern bei Skype verabredet und spielt mit seinen vier anderen Leuten in einem Team gegen fünf zufällige Spieler. „Das hat seinen Reiz, sich mit anderen Spielern zu messen. Es geht nicht darum, dass es ein Ego-Shooter ist. Es ist jedes Mal eine Herausforderung schneller zu reagieren, als der Gegenspieler.“

Flucht in die virtuelle Realität

„Die meisten Menschen, die zu uns kommen, haben durch ihr exzessives Spielen schon einen Verlust erlebt. Manche haben die Schule abgebrochen, bei anderen ist sogar die Beziehung daran zerbrochen“, sagt Stefan Kimm. Das Ziel der ambulanten Therapie sei es, mithilfe von Gruppensitzungen daran zu arbeiten, dass das Spielen wieder zu einem Hobby wie jedes andere wird. „Bei unseren stationären Patienten hingegen hilft es nur, sie komplett von dem Spiel zu lösen.“ Dabei wird versucht, den Gamern über zwölf Wochen lang mit Bewegungs- und Musiktherapie zu zeigen, dass das reale Leben Vorteile gegenüber dem Virtuellen bietet. „Nicht zuletzt fehlt dann in der virtuellen Welt auch der körperliche Part einer Beziehung“, weiß Kimm.

Bei Felix im Zimmer wird es immer dunkler und stickiger. Draußen geht die Sonne unter. Sein Team hat schon wieder gewonnen. Und das sogar mit großem Vorsprung. Felix war dabei sogar der zweitbeste Spieler. Auf dem Gebiet fühlt sich der 19-Jährige sicher und hat alles unter Kontrolle. Das ist in der realen Welt nicht immer der Fall. „Menschen fliehen nicht einfach so in die virtuellen Welten“, sagt der Psychotherapeut. Computerspiele würden nicht süchtig machen wie zum Beispiel Tabak. Es gebe immer einen biografischen Vorfall, der dann für die Betroffenen der Auslöser ist, in die virtuelle Welt abzutauchen. Felix überlegt: „Mir fällt ein, dass sich meine Eltern früh in meiner Kindheit getrennt haben. Kann gut sein, dass ich deshalb angefangen habe, mich zurückzuziehen.“

Die Suchtgefahren im Netz sind vielfältig

„Bei Felix würde ich sagen, dass zumindest ein Beratungsangebot nicht schlecht wäre“, sagt Kimm. „Man müsste sich mit dem Betroffenen unterhalten und dann im Fall der Fälle eine Diagnose stellen.“ Felix selber sagt, dass er mittlerweile einsehen würde, dass er ein Problem mit dem Spielen hat. Es koste ihn täglich zwar enorm viel Zeit, aber das Spielen mache ihn trotzdem ein Stück weit glücklicher. Deshalb sei er auch noch nicht so weit, dass er sich behandeln lassen würde: „Ich denke, ich bekomme das noch so in den Griff.“ Vielleicht fehlt ihm noch ein Rückschlag, ein Verlust, der ihn umstimmt. Möglicherweise entschließt Felix sich dann professionelle Hilfe zu kontaktieren.

Die Suchtgefahr im Internet lauert allerdings nicht nur bei Computerspielen: Vom harmlos erscheinenden Sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter, Snapchat oder Instagram, über Online-Shopping, bis hin zu Internetpornografie, hat alles das Potential zur Sucht zu führen. Am besten ist es, mit einem Auge auf sein Mediennutzungsverhalten zu achten und rechtzeitig Abstand zu nehmen, falls das Hobby zur Sucht wird.

 

Anlaufstellen für Betroffene und Angehörige

Elisabeth-Klinik, Dortmund: Marsbruchstraße 162a. Ansprechpartner: Dr. phil. Stefan Kimm.

Online-Ambulanz-Service für Internetsüchtige (OASIS), Bochum: Alexandrinenstraße 1-3. Ansprechpartner: Dr. med. Bert te Wildt. 

HELIOS St. Josefs-Hospital Bochum-Linden, Bochum: Axstraße 35. Ansprechpartner: Dr. med. Andreas Richterich.

 

*Name von der Redaktion geändert

Beitragsbild: flickr.com/songzhen, (lizenziert nach der Creative Commons Lizenz)

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