Wenn Hipster „Hyper, Hyper“ schreien

Aufs Konzert? Von Scooter? Wie blöd kann man denn sein? Da ist die Dorfdisko doch die günstigere Alternative! Vorurteile gegen die Techno-Band gibt es viele. Pflichtlektüre-Autor Markus Bergmann hat sich dennoch in die Westfalenhalle gewagt. Ein Selbstversuch.

Donnerstagabend, acht Uhr. Schlangen vor der Westfalenhalle 2. Am Einlass kommen die Zweifel. Was mache ich hier eigentlich? Und warum habe ich dafür 48 Euro ausgegeben? Drinnen wummern die Bässe. Gleich geht es los – das Konzert von Scooter.

Alle Lampen an: Scooter setzt auf eine ausgeklügelte Bühnenshow. Foto: Markus Bergmann

Alle Lampen an: Scooter setzt auf eine ausgeklügelte Bühnenshow. Foto: Markus Bergmann

Scooter? Gibt es die noch? Scooter, das ist doch so ein Relikt der 90er Jahre, irgendwo verortet zwischen Gameboys, Ecstasy und Calippo Cola. Vorurteile gegen die Band gibt es viele. Die Texte seien weitgehend sinnfrei, die Musik eintönig und abgestumpft. Soweit die allgemeine Meinung über Scooter, die sich auch ziemlich mit meiner persönlichen deckt.

Trotzdem: Scooter ist eine verdammt erfolgreiche Band. Vor allem im Ausland, wo die Gruppe um Frontmann H.P. Baxxter neben Rammstein der bekannteste deutsche Musik-Export ist. Jetzt feiert Scooter 20. Geburtstag. Seit 1994 hat die Band mehr als 30 Millionen Tonträger verkauft. Die Fangemeinde kann also nicht klein sein. Bloß stehen wahrscheinlich die Wenigsten dazu, eine CD zu besitzen. So wie beim Schmuddelroman „Fifty Shades of Grey“. 

Wir sind auch nur wegen den Likes hier

Ich bin jedenfalls kein ausgewiesener Scooter-Fan. Zum Konzert gehe ich mit drei Kumpels und einer Hipster-Attitüde: Alle finden Scooter scheiße, also müssen wir hin. Lebenserfahrung sammeln. Alles ironisch gemeint, natürlich. Und natürlich sondern wir im Laufe des Konzerts ein Facebook-Posting ab. Wir verdammten Like-Huren.

In der Halle angekommen beschleicht mich das Gefühl, dass ich mit der ironischen Haltung nicht alleine bin. Die Leute sehen alle ganz normal aus, trinken Bier und könnten ebenso gut ins Fußballstadion oder auf ein Coldplay-Konzert passen.  Ich hatte mir das eigentlich so vorgestellt: tausende Raver in Neon-Shirts, wasserstoffblonde Haare inklusive – so wie H.P. Baxxter es vormacht. Stattdessen: Hipster, die „Hyper Hyper“ schreien.

Aber die echten Fans gibt es. Sie sind bloß ziemlich alt. Um uns herum stehen unzählige Enddreißiger in Band-T-Shirts. Ist das etwa die Generation Techno? Aber 20 Jahre nach Scooters erstem Hit „Hyper Hyper“ sind halt auch die Fans der ersten Stunde alt geworden.

Ziemlich jung und frisch kommt die Vorgruppe daher. Die „Jägermeister Blaskapelle“ spielt keinen Techno – sondern Blasmusik. Allerdings aktuelle Chart-Hits. Musikalisch fast wertvoller als der eigentliche Höhepunkt des Abends.

Zeigefinger hoch!

Um zehn nach neun ist es dann soweit: Das Licht geht aus, die Bässe dröhnen. Und dann drehen die Scheinwerfer auf H.P. Baxxter. Seine blondierten Haare leuchten im gleißenden Licht. Die Stimme ist unverkennbar. Und die Stimmung in der Halle explodiert.

Unfassbar: Dutzende Menschen unterstützen unseren Blödsinn in den sozialen Netzen.

Unfassbar: Dutzende Menschen unterstützen unseren Blödsinn in den sozialen Netzen.

Zugegeben: Es fällt ziemlich leicht, zu Scooters Musik abzugehen. Einen Arm hoch, Zeigefinger, Kopf und Beine wippen. Da geht sogar der Ostwestfale in mir aus sich raus. Und weil sich der Rhythmus nicht großartig ändert (Scooters Oeuvre basiert auf einem klassischen Utz-Utz-Utz-Utz), kann man so problemlos mehrere Stunden totschlagen.

Profis unter den Zuhörern versuchen sich im sogenannten Jumpstyle. Immer einen Fuß raus und imaginäre Arschtritte verteilen. Das ist mir etwas zu heikel: Mein Bier in der Hand soll nach Möglichkeit im Becher bleiben.

Aber Jumpstyle ist übrigens einer der Gründe, warum Scooter heute noch so populär ist. So blöd es angesichts der immergleichen Bässe und Synthesizer-Effekte klingt: Die Band hat sich über die Jahre immer wieder neu erfunden. Mit Jumpstyle hat Scooter vor ein paar Jahren wieder eine deutlich jüngere Zielgruppe gefunden.

Alle kommen pünktlich ins Bett

Die Klassiker der Gruppe kennt hier sowieso jeder: „Maria, Maria, I Like It Loud“, „How Much Is the Fish?“ und „The Question Is What Is the Question?“. Je länger das so geht, desto weniger achtet man auf die Bühnenshow. Und die besteht immerhin aus Flammenwerfern, LED-Wänden, Nebel und gutgebauten Tänzerinnen. Aber statt der Band könnte auch gut und gerne einen Laptop mit dem Scooter-Party-Mix für Stimmung sorgen. H.P. Baxxter heizt zwar ordentlich ein – seine beiden Kollegen, die es tatsächlich gibt, bleiben aber ganz unauffällig hinter ihren Keyboards.

Und sie machen pünktlich Schluss. 90 Minuten dauert das Spektakel. Noch vor elf gehen die Lichter aus. Vielleicht ist das dem Alter der treuen Fans geschuldet. Oder der Tatsache, dass die Show kein Riesenerfolg ist. H.P. Baxxter zieht sein Programm solide durch – aber eigentlich hatte Scooter mit mehr Fans gerechnet. Das Konzert sollte ursprünglich in der Westfalenhalle 1 stattfinden.

Aber wahrscheinlich geht die Party backstage noch weiter, als wir unsere Jacken holen. Denn wie sagt H.P. Baxxter am Ende von „Jumping All Over the World“ so schön: „And now – all ladies to the VIP!“

1 Comment

  • Peter Ilias sagt:

    20 Jahre Scooter wer hätte das gedacht, als die Band anfging. Für mich ist es heute ein Teil meiner Jugend, und ich fühle mich gleich 20 Jahre jünger wenn ich Ihre Lieder höre. Leider gehen Sie erst wieder übernächstes Jahr auf Tour 🙁 Außerdem fehlt in dem Tourplan ein Konzert im tiefen Norden. Bremen Hamburg oder Kiel wäre echt klasse!!!

      Zitat:  Antwort:

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