Kinotipp: Dunkle Beats

In den letzten drei Jahren erschienen mit Howl und On the Road gleich zwei filmische Lobeshymnen auf die Beat Generation. Der Ende Januar erscheinende Film Kill Your Darlings hingegen beleuchtet ein dunkles Kapitel der Freunde, die heute als Urväter der Beat Generation gelten.

Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William S. Burroughs gehören zu den bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts und gelten als Vordenker der Beat Generation. Zum Zeitpunkt der Filmhandlung aber, 1944, hat noch keiner von ihnen etwas veröffentlicht. Kill Your Darlings zeigt die drei Männer, bevor sie berühmt wurden, und bringt dabei Aspekte der Drei näher, die bislang kaum kommuniziert waren: Angst, Unsicherheit und Zweifel in ihrer Findungsphase, und liefert damit einige Erklärungsmöglichkeiten für ihr späteres Leben und Werk.

Eine neue Vision der Literatur

Lucien Carr (Dane DeHaan) zitiert verbotene Literatur in der Uni-Bibliothek. (Foto: Koch Media)

Lucien Carr (Dane DeHaan) zitiert verbotene Literatur in der Uni-Bibliothek. (Foto: Koch Media)

Dreh- und Angelpunkt zwischen den Dreien ist Lucien Carr (Dane DeHaan). Der Film beginnt damit, dass der 18-jährige Allen Ginsberg (Daniel Radcliffe) aus einem kleinen Ort in New Jersey nach New York an die Columbia University zieht und dort seinen 19-jährigen Kommilitonen Lucien Carr kennenlernt. Die beiden spüren schnell eine tiefe Verbundenheit, die sich anfangs um kontroverse Literatur und klassische Musik dreht. Lucien macht Allen kurz darauf mit Burroughs (Ben Forster) und Kerouac (Jack Huston) bekannt. Die vier eint das Streben nach unkonventionellen Lebensentwürfen und die tiefe Abneigung gegen gängige literarische und gesellschaftliche Normen. Sie kreiren, angespornt von Alkohol, anderen Drogen und dem wilden Jazz aus den New Yorker Untergrund-Bars, die „New Vision“, ein literarisches Manifest, das einen Bruch mit der konventionellen Dichtkunst darstellen soll. Doch Allen entwickelt sich nicht nur als Schriftsteller.

Auch sein sexuelles Leben wird, insbesondere durch Lucien, auf den Kopf gestellt. Dieser jedoch umgibt sich häufiger mit Jack Kerouac, was Allen zunehmend eifersüchtig macht. Geradezu bessesen von Lucien ist David Kammerer (Michael C. Hall), ein Englisch-Professor in seinen Mitdreißigern. Lucien kennt ihn schon seit seiner Kindheit, doch seit mehreren Jahren verfolgt ihn David, egal, wohin Lucien zieht. Davids Ziel ist es, Lucien für sich zu gewinnen, wodurch er Allen und die anderen als Konkurrenten ansieht. Neben Allens Selbstfindung als Schriftsteller nimmt die Beziehung zwischen David und Lucien einen immer wichtigeren Platz in der Handlung ein. Die Obsession Davids wird immer bedrohlicher – und endet letztendlich in einem Mord, für den drei der vier Freunde vorläufig im Gefängnis landen.

Basierend auf wahrer Begebenheit

William, Allen, Lucien und Jack (v.l.) über den Dächern von New York. (Foto: Koch Media)

William, Allen, Lucien und Jack (v.l.) über den Dächern von New York. (Foto: Koch Media)

Regisseur John Krokidas, der zusammen mit seinem College-Freund Austin Hall auch das Drehbuch schrieb, erzählt eine auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte. Im Gegensatz zu den vor wenigen Jahren erschienen Beat Generation-Filmen wie Howl oder On the Road ist es aber keine Lobeshymne auf die Beats. Während der exsessive und sorglose Lebensstil dort oftmals glorifiziert wird, ist „Kill Your Darlings“ reflektierter und zeigt eher die verwundbaren Aspekte der späteren Ikonen. So sind die selbst-postulierten Freigeister gefangen in ihren Zwängen und Abhängigkeiten, insbesondere durch ihre zumeist zerrüteten Familienverhältnisse. William S. Burroughs zeigt sich kleinlaut gegenüber seinem mächtigen Vater, und Jack Kerouac bekommt von seinem Vater noch nicht einmal 100 Dollar für eine Kaution, woraufhin er diese dann bei den Eltern seiner Verlobten besorgen muss und sie dafür als Gegenleistung heiratet.

Auch ist der Film thematisch breiter als die beiden Buchverfilmungen On the Road und Howl. Kill Your Darlings ist nicht nur Drama, sondern hat auch Elemente eines Thrillers und die düstere Grundstimmung eines Film Noir. Die Obsession und Abhängigkeit in der Dreiecksbeziehung Allen-Lucien-David stehen im Vordergrund. Prägend für den Film ist aber auch die Diskrepanz zwischen der Euphorie einer beginnenden Rebellion und der gleichzeitige Prozess der Selbstfindung und die damit verbundenen Unsicherheiten und Selbstzweifel.

Daniel Radcliffe als Zugpferd

Tragend für Kill Your Darlings sind vor allem die schauspielerischen Leistungen. Zugpferd des Films ist zweifelsohne Daniel Radcliffe. Für viele der Zuschauer wird es wohl der erste Film sein, in dem sie ihn nicht als Harry Potter sehen. Zurzeit scheint er bewusst kleinere Produktionen vorzuziehen, wie nun mit Kill Your Darlings. Doch auch hier mimt er mit Ginsberg eine große Persönlichkeit, deren Selbstfindungsprozess er sehr ruhig, aber doch mit Bestimmtheit darstellt. Für Radcliffe, wie für sein Filmfigur Allen, ist es eine Art Coming-Of-Age-Film, in dem er eindrucksvoll beweist, dass er aus der Rolle des Zauberlehrlings herausgewachsen ist.

In Erwartung: Jack, Allen, Lucien und William (hinten) planen ihren nächtlichen Streifzug durch die Bibliothek. (Foto: Koch Media)

In Erwartung: Jack, Allen, Lucien und William (hinten) planen ihren nächtlichen Streifzug durch die Bibliothek. (Foto: Koch Media)

Herausragend aus dem durchweg starken Ensemble ist auch der bislang eher unbekannte Dane DeHaan. Dessen Porträt des Lucien Carr ist so überzeugend, dass er für seine Darstellung mehrfach auf internationalen Film-Festivals als bester Darsteller nominiert wurde. Einnehmend präsentiert er seine vielschichtige Figur Lucien, das Bindeglied zwischen Jack, Allen und William. In ihm treffen gleichzeitig eine starke Unsicherheit und übersteigertes Selbstbewusstsein, kindliche Verspieltheit und erwachsener Charme sowie Verzweiflung und Lässigkeit aufeinander.

Darüber hinaus überzeugt der Debütfilm von Krokidas, der das Drehbuch schon vor 12 Jahren geschrieben hat, auch durch den Einsatz der anachronistischen Musik. Denn Krokidas verwendet nicht nur den für die Beat-Autoren stilprägenden Jazz der 40er-Jahre, den so sogenannten Be-Bop. Er setzt auch geschickt aktuelle Musik ein und verdeutlicht so die Zeitlosigkeit der Geschichte einer Rebellion gegen verstaubte und überholte Wertevorstellungen. Eine der besten Szenen des Films, als Ginsberg, Kerouac, Carr und Burroughs die prestigeträchtige Universitäts-Bibliothek mit zensierten Büchern schmücken, wird zum Beispiel durch den 2006er Song „Wolf Like Me“ von TV on the Radio grandios unterlegt.

Insgesamt gelingt Krokidas mit Kill Your Darlings ein beeindruckender Debütfilm, gerade durch seine hohe Reflektiertheit gegenüber der Beat-Generation und die spannende Thematik, die bisher wenig aufgearbeitete Lebensabschnitte der Beats zeigt.

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