Physik bei RTL: Wissensvermittlung oder doch nur Show?

„Der Staubsauger-Professor“ – so hat der Fernsehsender RTL Metin Tolan betitelt, der eigentlich Professor für Experimentelle Physik an der TU Dortmund ist. In der ersten Ausgabe der RTL-Show „Crash Test Promis“ hat er ein Experiment begleitet. Wir haben mit ihm über die Sendung und Physik in der Öffentlichkeit gesprochen.  

Ein handelsüblicher Staubsauger auf dem Rücken von Nina Moghaddam. Der Saugdruck des Staubsaugers hält das Versuchskaninchen unter einer Platte, das unter einem Hubschrauber befestigt ist.

Nina Moghaddam wird nur mit einem Staubsauger unter dem Hubschrauber gehalten. Foto: RTL

Nina Moghaddam fliegt. Sie hängt unter einem Hubschrauber, gehalten von der Kraft eines einzigen Staubsaugers. Dieses Experiment war in der Sendung „Crash Test Promis“ zu sehen. Dort hat der Physiker Metin Tolan der Moderatorin vorher erklärt, warum das möglich ist: Der Staubsauger saugt einen Teil der Luft ab und erzeugt so einen Unterdruck. Ist die Fläche des Staubsaugerrohrs fünf Quadratzentimeter groß, kann damit ein Kilogramm gehalten werden. Und eine physikalische Formel besagt, dass Kraft gleich Druck mal Fläche ist. Wird mit Hilfe eines Aufsatzes auf dem Rohr also die Fläche vergrößert, auf der Luft abgesaugt wird, wird auch die Kraft größer und der Staubsauger kann ein größeres Gewicht halten.

 

Herr Tolan, warum haben Sie das Experiment bei der Sendung begleitet?

Ich wurde von den Machern der Sendung angefragt. Eigentlich habe ich dafür keine Zeit. Ich kann mich ja nicht einfach den ganzen Tag an der Universität rausnehmen. Denn man muss bedenken, dass für diese eine Szene schon ein ganzer Drehtag nötig ist. Aber die waren bereit, das an einem Samstag zu machen. Dann haben sie mir genau die Show erklärt und ein Skript geschickt, wie sie sich das vorstellen. Ich wollte nicht, dass das zu absurd ist.

Woher kam die Idee für das Staubsauger-Experiment?

Man ist schon mit der Idee auf mich zugekommen. Die haben das im Internet gesehen, bei der Show „Clever“ mit Wigald Boning, die mal auf Sat1 lief. Da gab es die Frage, wie viele Staubsauger man braucht, wenn man damit ein Auto hochheben möchte. Die Antwort war: nur einen einzigen. Das haben sie dann ein bisschen verändert und das Experiment mit einem Hubschrauber gemacht, damit es spektakulärer ist. Insofern haben die nach Experimenten gesucht, die einfach gut aussehen. Denn die Physik hinter dem Experiment war ja nicht so kompliziert. Bei der Erklärung, die ich da gegeben habe, würde ich sagen, dass ein Professor dafür etwas over-sized war.

Ein handelsüblicher Staubsauger auf dem Rücken von Nina Moghaddam. Der Saugdruck des Staubsaugers hält das Versuchskaninchen unter einer Platte, das unter einem Hubschrauber befestigt ist.

Kurz nachdem die Moderatorin den Boden verlassen hat, traut sie dem Experiment noch nicht ganz. Foto: RTL

Also war der Show-Effekt wichtiger als die physikalische Erklärung?

Ja, das ist völlig richtig. Das liegt daran, dass ein Sender wie RTL sein Publikum hoffnungslos unterschätzt, glaube ich. Ich habe versucht zu erklären, wie das mit der Fläche und dem Druckverhältnis ist. Das war schon die sparsamste Variante, weil es dann immer hieß: Nein, das wird zu kompliziert. Es wurde auch eine Variante aufgezeichnet, die noch deutlich mehr erklärt hätte, aber dafür haben die sich am Ende doch nicht entschieden. Ich habe gesagt, dass das Erklären vielleicht ein Markenzeichen sein könnte, denn diese sogenannten Promis hat man ja schon mal gesehen und spektakuläre Experimente auch. Ich erlebe das in den letzten Jahren so, dass die Leute nicht nur so etwas Spektakuläres sehen wollen, sondern auch eine Erklärung dafür haben wollen. Ich glaube, dass das tatsächlich anwächst und das habe ich auch gesagt: Trauen Sie den Leuten ein bisschen mehr zu. Aber offensichtlich soll beim Zuschauer gar nicht so einen Reiz ausgelöst werden, dass er sich fragt, wie genau das funktioniert. Das scheint gar nicht das Ziel zu sein.

Haben Sie nach der Ausstrahlung Reaktionen auf die Sendung bekommen?

Ja, ich wurde darauf angesprochen. Die Leute aus meiner Abteilung fanden die Sendung nicht gut, das sind ja alles Physiker. Die sagen, dass das doch klar ist, natürlich funktioniert das. Die Leute aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis fanden das wirklich erstaunlich, dass das funktioniert. So unterschiedlich sind die Meinungen.

Was kann man mit jedem handelsüblichen Staubsauer anstellen: Nina Moghaddam im Selbstversuch - begleitet von Metin Tolan, Professor für experimentelle Physik an der technischen Universität Dortmund.

Professor Metin Tolan erklärt Nina Moghaddam, was gleich mit ihr passieren wird. Foto: RTL

Sie haben schon häufiger Physik für die breite Masse erklärt. Warum finden Sie das wichtig?

Die Antwort, die ich darauf immer gebe, ist für viele überraschend: Das mache ich, weil es mir persönlich Spaß macht. Das ist zunächst ein sehr egoistisches Motiv. Und wenn es dann auch noch anderen Spaß macht, dann ist das ja schön. Ich glaube es gibt nichts Schlimmeres als erzwungene einfache physikalische Erklärungen. Wenn das jemand nicht will, soll er es lieber nicht machen als dass er es schlecht macht. Aber das ist dann auch ein Hobby, wie andere Leute Rosen züchten oder Tennis spielen. Ich könnte jetzt natürlich sagen, wie wichtig es ist den Menschen das zu erklären, aber das ist eine Folgerung davon. Das Grundmotiv ist der eigene Spaß an der Sache.

Wie sollte man Menschen ohne große Vorkenntnisse Physik am besten vermitteln?

Ich denke das Konzept muss immer sein, dass man selber damit zufrieden ist. Und man darf das Publikum nicht ignorieren – viele Dinge, die wir in der Physik als selbstverständlich hinnehmen, sind der Allgemeinheit so nicht bekannt. Und die größte Stärke der Physik ist gleichzeitig ihre größte Schwäche in der Außendarstellung: Man kann Sachen ausrechnen. Aber der normale Mensch weigert sich, komplexer mit Zahlen umzugehen, als die Grundrechenarten zu verwenden.

Das Staubsauger-Experiment wird es bald auch im Hörsaal an der TU Dortmund geben – etwas kleiner und ohne Hubschrauber. Professor Metin Tolan hat das Thema einer Lehramtsstudentin für ihre Masterarbeit gegeben. In ein paar Wochen soll eine Konstruktion mit einer Hebelvorrichtung, Platten und einem Staubsauger fertig sein, mit der der Zusammenhang der Begriffe Kraft, Druck und Fläche in den Vorlesungen veranschaulicht werden soll.

Teaserbild und Beitragsbilder: RTL