Die Straße als Bühne

Ein Arbeitstag im Büro – nicht mit dem 26-jährigen Sven aus Dortmund. Mit seinem Klavier reist er quer durch Deutschland, ob nach Frankfurt, Münster oder Hamburg. Er verdient sein Geld als Straßenmusiker. Was er daran am meisten schätzt? Sein Publikum, das sich Zeit nimmt und seinen melancholischen Klängen lauscht.

Auch ohne Musikstudium arbeitet Sven als Pianist. Foto: Christiane Reinert

Auch ohne Musikstudium arbeitet Sven als Pianist. Fotos und Teaserbild: Christiane Reinert

Das Klavierspielen ist für Sven mittlerweile zur Leidenschaft geworden, doch das war nicht immer so. Mit sechs oder sieben Jahren, genau kann er sich nicht mehr dran erinnern, fing der Zwang – die Pflicht – an. Seine Schwester wollte unbedingt Klavierspielen lernen, deshalb wollten seine Eltern, dass er es auch lernt. Seitdem spielt er. Früher übte er häufiger und länger: „Vor allem während meines Studiums habe ich mehr Klavier gespielt, als für das Studium zu lernen“, erzählt Sven heute.

Eigentlich hatte er auch den Gedanken Musik zu studieren, „aber das war nicht so meins“, erklärt der Dortmunder. Denn er wollte nur Klavierspielen und „beim Musikstudium muss man halt noch ein Nebenfach, Gesang und so weiter belegen“, sagt Sven. Deshalb beschloss er Sport und Theologie an der TU Dortmund zu studieren.

Doch sein Studium lässt er nun seit zwei Jahren für seinen Beruf als Straßenpianist pausieren. Gegenwärtig hat er nicht mehr so viel Zeit, zu den Auftritten in der Fußgängerzone kommen noch seine „Projekte“, wie neue Melodien komponieren, seine Internetseite und die Aufnahmen seiner CD’s. Dennoch mag er seinen Beruf als Straßenpianist.

Komponieren braucht seine Zeit

Seine ersten Erfahrungen als Straßenpianist machte Sven vor drei Jahren im Zuge der ersten „Spiel Mich“ Aktion in Dortmund. Überall in der Innenstadt waren Klaviere aufgestellt, an denen er und andere spielen und Trinkgeld verdienen konnten. Fasziniert von dieser Idee hat er inzwischen sein eigenes Klavier, mit dem er durch fast ganz Deutschland tourt. So spielte er schon in Hamburg, Frankfurt, Freiburg, Mainz und vielen anderen Orten in Nordrhein Westfalen.

Mit eigenen Stücken tritt Sven in der Fußgängerzone von Münster auf.

Mit eigenen Stücken tritt Sven in der Fußgängerzone von Münster auf.

Hauptsächlich spielt er selbstkomponierte Stücke mit melancholischer Stimmung. Bis er ein neues Lied geschrieben hat, dauert es meist eine Weile: Komponieren heißt nicht gleich, dass er sich an sein Klavier setzt und anfängt. Er pausiert dann, spielt andere Stücke oder improvisiert. „Dann entstehen auch oft einfach mit der Zeit bestimmte Melodien, die sich dann so einprägen im Kopf oder in den Fingern. Das hat viel mit Gefühl zu tun“, erläutert Sven. Dazu kommen noch eigene Interpretationen von bekannten Künstlern: Aus der Klassik, Chopin und Schumann und aus der zeitgenössischen Klassik, Ludovico Einaudi und Yiruma. Darüber hinaus spielt er moderne Popsongs nach, wie beispielsweise Phil Collins „Anotherday in Paradise“ oder Bruno Mars „Just The Way You Are“.

Standortwechsel zu jeder vollen Stunde

Auch wenn Sven die Freiheit hat, selber zu entscheiden, wo und wann er mit seinem Klavier auftreten möchte, da die meisten Städte Straßenmusiker als kulturelle Bereicherung ansehen, steckt dahinter immer ein logistischer Schwerstakt und Zeitaufwand. Von einem fast normalen neun- bis zehnstündigen Arbeitstag bleiben ihm ungefähr vier Stunden Spielzeit. Der Rest der Zeit geht für die Fahrt zum jeweiligen Ort mit seinem Transporter und die Standortwechsel zu jeder vollen Stunde drauf.

Sein Klavier wiegt rund 200 Kilogramm und ist auf Rollen, ansonsten würde er es nicht alleine bewegen können. Mithilfe einer Rampe und viel Schwung bekommt der 26-Jährige das Klavier aus seinem Transporter rein und raus.

Das Einzige, was ihn vom Spielen abhalten kann, ist schlechtes Wetter. Für alle anderen Situationen ist er gewappnet. Gegen die Sonne hat er an seinem Klavier einen großen Sonnenschirm. Im Sommer ist er mit T-Shirt und Cappy unterwegs. Im Winter zieht er sich dicker an. So trägt er schwarze Handschuhe mit offenen Fingern, einen Schal und eine Mütze, um die Kälte von sich zu halten.

Ruhige Momente

Auch wenn die Leute hektisch an Sven vorbeieilen, spielt er weiter.

Auch wenn die Leute hektisch an Sven vorbeieilen, spielt er weiter.

Es liegt Sven nicht besonders, mit anderen Musikern gemeinsam zu musizieren, „ich hab das Gefühl, dass ich alleine erfolgreicher bin, als wenn ich mit Begleitung spiele. Ich will ja meine Kunst unter die Leute bringen, “ erklärt der Dortmunder. Früher hat er das ab und zu getan, heute kommt es nicht mehr in Frage. Er spielt lieber für sich alleine.

Für Sven ist es zudem wichtig, spontan darüber zu entscheiden, wo er spielen möchte. Deshalb kommen feste Veranstaltungen nicht für ihn in Frage, da sie ihn als Straßenpianisten zu sehr einbinden würden. „Für mich läuft es auf der Straße einfach besser“, findet Sven, weil es ihm dort mehr Spaß mache, aufgrund der Nähe zum Publikum. Mit seinem leicht melancholischen Musikstil bringt er viele hastig vorbeieilende Passanten in der Fußgängerzone zum Innehalten. Dabei schätzt er vor allem die Momente, in denen alles ruhig um ihn wird und das Publikum und er den Trubel des Alltages für einen Augenblick vergessen können. Das möchte er mit seinen Auftritten erreichen.

Jeder Tag bringt etwas Neues

Sven verdient sein Geld als Straßenpianist

Sven verdient sein Geld als Straßenpianist.

Trotzdem gibt es auch schlechte Tage im Leben von Sven als Straßenmusiker. So treten immer mal wieder die Beamten des Ordnungsamtes an Sven heran. Stets mit anderen Gründen. Mal ist es sein Sonnenschirm oder sein Klavier, mal hält man ihn für einen Verkäufer anstatt eines Straßenmusikers. Dabei hat jede Stadt andere „Spielregeln“. Darunter fällt auch die Vorgabe, dass Straßenmusiker jede volle Stunde den Standort wechseln müssen und die Vorgabe zu welcher Zeit und welchen Tagen musiziert werden darf.

Deshalb wollte das Ordnungsamt Düsseldorf im Mai dieses Jahres ihm das Spielen auf einem Sonntag verbieten. Sie verwiesen auf das Flugblatt für Straßenmusiker in der Innenstadt und wollten sein Klavier abtransportieren lassen und ihm ein Bußgeld ausstellen. Zwar steht in den „Spielregeln“ von Düsseldorf, in welchen Stunden musiziert werden darf, aber nicht an welchen Tagen. Somit hat der Dortmunder noch einmal Glück gehabt. Dennoch lässt er sich davon nicht entmutigen und spielt so lange weiter – wenn es nach ihm geht, noch an vielen anderen Orten: „In den Bergen vielleicht mal, einfach so aus Spaß.“