Duell: Wikipedia – Wissen von jedermann

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Wikipedia ist das meist besuchte Nachschlagewerk weltweit. Mehr als 5800 Autoren gibt es im deutschsprachigen Raum. Kann der Nutzer dann überhaupt noch einen Anspruch auf Wahrheit erheben? Diese Frage stellten sich auch unsere pflichtlektüre-Autoren. Nico Hornig sieht darin kein Problem. Lisa Oenning verweist auf Gefahren der freien Enzyklopädie. 

„Jeder weiß, worauf er sich einlässt“,

meint Nico Hornig.

„Wikipedia ist keine Quelle.“ Diesen Satz müssen sich selbst Studenten höherer Semester anhören, wenn es um das Erstellen wissenschaftlicher Arbeiten geht. Dabei sollte sich diese Erkenntnis inzwischen durchgesetzt haben. Wikipedia hat nämlich ganz andere Qualitäten.

Der Nutzer weiß, worauf der sich einlässt

Das Hauptargument der entschiedenen Wikipediagegner ist, dass jeder an der Enzyklopädie mitschreiben kann. Für sie folgt daraus, dass die Inhalte nicht verlässlich und damit nicht nützlich seien. Dabei weiß jeder, worauf er sich einlässt, wenn er auf der Webseite Informationen nachschlägt. Die Verantwortung dafür, wie mit den Inhalten der Wikipedia umgehen möchte, liegt damit beim Nutzer.

Im Gegensatz zur klassischen gedruckten Enzyklopädie á la Brockhaus bietet Wikipedia seinen Nutzern die Möglichkeit, Änderungen der Artikel detailliert nachzuvollziehen. Das gleiche mit der Encyclopædia Britannica zu versuchen, wäre nicht nur aufwendig und teuer, es würde auch enorm viel Platz im Bücherregal erfordern.

Nicht jeder kann einfach so etwas ändern

Dass Wikipedia nicht per se nur von Experten bestückt wird, liegt in der Natur des Projekts. Kritiker sehen darin eine Gefahr für die Richtigkeit der Informationen. „Wie soll verhindert werden, dass ein dahergelaufener Trottel einfach irgendeine Behauptung aufstellt, ohne sie belegen zu können?“, fragen sie dann mit süffisantem Unterton. Die Antwort ist ganz einfach: So funktioniert das System nicht. Bei Wikipedia wird nicht jede Änderung sofort übernommen. Bei jeder Änderung durch einen Nutzer diskutiert die Community über Sinn und Richtigkeit des Vorschlags. Andere Nutzer bekommen die Änderung erst zu sehen, wenn sie dieses Verfahren überstanden hat.

Durch diesen Prozess kann sich das Projekt auch viel besser an neue Entwicklungen anpassen. Die Aktualität der Enzyklopädie ist nicht an das Erscheinen der nächsten Auflage gebunden. Dadurch kann sich das Bild, das zu einem Thema entsteht, über die Zeit differenzieren. Durch die hohen Abrufzahlen, die Wikipedia aufweist, kommen gerade bei aktuellen Themen viele Menschen mit unterschiedlichen Ansichten mit einem Thema in Berührung. Die Gefahr, ein Thema zu einseitig zu beleuchten, ist damit zwar nicht gebannt, sie ist aber immerhin gemindert.

Transparenz ist das A und O

Der Bearbeitungsprozess einer Wikipediaseite kann sich auch schon mal über einen längeren Zeitraum hinziehen oder komplett ins Stocken geraten. Auch in diesen Fällen zeigt sich die Seite transparent. Sind Inhalt oder Richtigkeit eines Artikels umstritten, fehlen Quellenangaben oder essenzielle Aspekte? In all diesen Fällen findet der Nutzer zu Beginn des Artikels einen Hinweis. Der erklärt das Problem und ruft den User zum Mitmachen auf. Dadurch bleiben Zweifel nicht innerhalb der Community.

Selbst ist der Leser

Wer mit Wikipedia arbeitet und über die Seite Informationen bezieht, muss immer eine kritische Distanz bewahren. Die Enzyklopädie gibt ihren Usern alle Werkzeuge in die Hand, um die Angaben zu überprüfen. Was der Nutzer daraus macht, liegt letztendlich in seiner Hand. Das haben auch schon einige Unidozenten erkannt und erklären das auch in ihren Seminaren. Denn auch wenn Wikipedia nicht als Quelle taugt: „Die Fußnoten können Sie sich schon mal genauer angucken.“

 „Selbst deutsche Leitmedien nutzen Wikipedia unkritisch“,

sagt Lisa Oenning.

Ein digitales Lexikon für alle von allen – das klingt im ersten Moment gut. Doch die meisten verkennen die Gefahren einer solchen Enzyklopädie. Ein kleines Beispiel gefällig?

Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Wilhelm Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. Fällt hier etwas Besonderes auf? Erst einmal ist es nur ein ungewöhnlich langer Name eines Politikers, mit dem heute jeder eine gefälschte Doktorarbeit verbindet. Diesen langen Namen hat aber ein unbekannter Autor auf Wikipedia zum Anlass genommen, sich einen Scherz mit der Leserschaft zu erlauben: Er hat in den Namen Wilhelm eingefügt – und am darauffolgenden Tag titelte die BILD-Zeitung: „Müssen wir uns diesen Namen merken?“ Aber nicht nur Redakteure des Boulevardblatts hatten den Namen einfach übernommen, sondern auch deutsche Leitmedien wie Spiegel Online hatten sich unkritisch der freien Enzyklopädie bedient. Das Tragische: Obwohl skeptische Wikipedia-Autoren Verdacht schöpften, blieb der falsche Name in der Enzyklopädie, weil es ja einen glaubwürdigen Einzelnachweis gab: und zwar auf Spiegel Online.

Falsche Informationen können dramatische Folgen haben

Diese Situation ist das beste Beispiel dafür, dass falsche Informationen durch Wikipedia in die Welt getragen werden. Wer soll bei 35 Millionen Beiträgen in 280 Sprachen schließlich noch einen Überblick behalten? Deshalb kann es möglicherweise dauern, bis Usern oder Autoren ein Fehler auffällt. Neben inhaltlichen Fehlern gibt es auch vielzählige Rechtschreibfehler, die darauf hinweisen, dass die Community-Mitglieder die Beiträge manchmal unzureichend prüfen. Karl-Theodor zu Guttenberg mag damals vielleicht über diesen Fehler geschmunzelt haben – aber nicht jeder Falscheintrag hat so geringe Konsequenzen: Er kann potenziell auch den Ruf einer Person zerstören.

Wikipedia hat eine verheerende Monopolstellung

Und dabei hat dieses digitale Nachschlagewerk mittlerweile weltweit eine Monopolerstellung erreicht und altbewährte Lexika wie etwa den Brockhaus vom Markt vertrieben. Schüler nutzen Wikipedia, um Referate vorzubereiten. Studenten bedienen sich oftmals unerlaubterweise der Enzyklopädie, um wissenschaftliche Arbeiten zu schreiben. Und auch Journalisten nutzen wie im oben genannten Beispiel die Plattform, um ihre Leserschaft zu informieren. Genau aus diesem Grund ist es umso wichtiger, dass die Informationen der Wahrheit entsprechen und nicht jede beliebige Person dort publizieren darf.

Quellen prüfen kostet Zeit

Zwar können die Nutzer die Quellen selbst auf Wahrheitsgehalt prüfen – das ist aber mit einem großen zeitlichen Aufwand verbunden. Und überhaupt: Wie viel Glauben kann man diesen Quellen schenken, die unbekannte Autoren ausgewählt haben? Im Fall Guttenberg zeigt sich: Selbst diesen Literaturnachweisen sollten Nutzer äußerst kritisch gegenüberstehen.

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Foto: stockxchng/bizior, S. Hofschlaeger/pixelio.de, Montage: Fehling
Teaserfoto: Alex Sanz / flickr.com