Der Ruhrpott-Surfer

Das Wellenreiten ist im Ruhrgebiet nicht gerade ein Volkssport, und die Wellen auf Rhein und Ruhr lassen auch eher zu wünschen übrig – Surfer gibt es deshalb nur wenige. Tristan Schade ist einer der wenigen Ruhrgebietssurfer, kommt aus Witten und studiert Sport und Deutsch auf Lehramt an der TU Dortmund. Im Interview mit der pflichtlektüre erzählt der 22-Jährige über sein besonderes Hobby und wie es ihm als dem einzigen TU-Surfer bei den deutschen Hochschulmeisterschaften in Südfrankreich ergangen ist.

pflichtlektüre: Wie kommt jemand aus dem Ruhrgebiet eigentlich zum Surfen?

Tristan auf dem Campus der TU. Der lässige Kleidungsstil lässt leicht einen Surfer hinter dem Lehramtsstudenten vermuten. Foto: Maren Bednarczyk

Tristan auf dem Campus der TU. Brauner Teint und ein lässiges Lächeln - so muss ein Surfer aussehen. Foto: Maren Bednarczyk

Tristan Schade: Das ist schon ein bisschen länger her. Das ist über meinen Vater beziehungsweise über Bekannte gekommen, weil wir regelmäßig schon seit längerer Zeit nach Frankreich in den Sommerurlaub fahren, und da hat sich das dann irgendwie ergeben.

Wann hast du das erste Mal auf dem Brett gestanden?

So mit etwa zwölf Jahren. Da war das erste Mal Interesse da, aber in dem Alter habe ich das noch nicht wirklich ernsthaft wahrgenommen und verfolgt. Das hat dann erst während der Pubertät zugenommen.

Du wohnst mitten im Ruhrpott, wo trainierst du dann überhaupt?

Ja, trainieren ist so ´ne Sache. In Deutschland ist es sowieso recht schwer mit dem Surfen. Du musst dafür an die Nordsee fahren, oder an die Ostsee, wo ich auch relativ viele Freunde habe. Oder man nimmt es auf sich und fährt zwei, drei Stunden nach Holland. Und es gibt auch noch die Möglichkeit, Skateboard zu fahren – fürs Gleichgewicht. Schwimmen kann man auch trainieren, für die Kraft zum Paddeln, denn man paddelt ja durch die Wellen erst mal raus aufs Wasser.

Wann und wie oft stehst du im Jahr auf dem Brett?

Hier in Europa zu jeder Jahreszeit, solange es die Wassertemperaturen zulassen. Im Winter fliege ich dann auf die Kanaren oder nach Lanzarote, oder noch weiter weg nach Australien. Insgesamt bin ich so vier bis fünf Monate im Jahr auf dem Wasser.

In NRW gibt es immer mehr neue Surf-Simulatoren, die Wellen künstlich erzeugen, im letzten Jahr zum Beispiel „The Wave“ in Bottrop. Wäre das auch was für dich?

Die stehende Welle, genau. Da war ich auch schon, aber das ist nochmal was anderes, das kommt dem „Flusssurfen“ sehr nahe. Da stehst du ganz anders auf dem Brett und fährst nicht mit der Welle, sondern es kommt dir ständig Wasser entgegen. Das ist der Unterschied zum „normalen“ Surfen, dabei fährt man ja auf dem Wasser mit der Welle und bewegt sich dann vorwärts und beim Flusssurfen stehst du die ganze Zeit auf einer Stelle.

In welchen Surfbrett-Klassen surfst du genau?

Auf dem Shortboard stand Tristan bei den Hochschulmeisterschaften nur zum Spaß. Auf dem Longboard hatte er höhere Ansprüche. Foto: ADH Open / Jo Wyneken

Auf dem Shortboard stand Tristan bei den Hochschulmeisterschaften nur zum Spaß. Beim Longboarden hatte er aber höhere Ansprüche. Foto: ADH Open / Jo Wyneken

Bei den Hochschulmeisterschaften letzte Woche bin ich Shortboard und Longboard gefahren. Einmal auf einem Brett, was relativ kurz ist, ungefähr mannshoch, und in der Longboardklasse kann man erst mit einem Brett ab 2,75 Meter Länge starten. Die Longboards sind auch breiter und dicker, darauf macht man andere Manöver. Da kann man drüber laufen und irgendwelche Kunststücke machen. Auf dem Shortboard ist man radikaler, schneller und viel wendiger unterwegs. xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

Gibt es gefährliche Situationen auf dem Wasser oder auch Unfälle? Bist du mal einem Hai begegnet?

Ja, Unfälle gibt es durchaus. Zum Beispiel wenn man eine Welle surft und dann kommen andere Leute, die in dieselbe Welle reinstarten. Auch beim Surfen gibt es Vorfahrtsregeln, und wenn die nicht beachtet werden, kann es unter Umständen zu Unfällen kommen. Ein Hai ist mir zwar noch nicht begegnet, aber was mir schon passiert ist, dass in großen Wellen einmal meine „Leash“ gerissen ist. Das ist ein dünnes Seil, das den Knöchel mit dem Surfbrett verbindet, damit es nicht wegschwimmt. Mein Brett ist dann zum Strand getrieben, und ich war ungefähr 100 Meter vom Strand entfernt – in zirka drei Meter hohen Wellen mitten im Meer. Da musst du dann erstmal gucken, wie du wieder an Land kommst.

Wie kann man sich denn deine Ausrüstung vorstellen? Hast du auch als Ruhrgebietler volles Equipment zu Hause?

Ich habe alles selber, das sollte man auch haben, wenn man das Ganze dementsprechend betreibt. Auch, wenn man nur so zum Spaß surfen geht, ist es doch schon ganz hilfreich, eigenes Equipment zu haben.

Und was kostet der Spaß?

Es ist ein teurer Sport, der Neoprenanzug fängt so bei 100 Euro an, und ein billiges Brett bekommt man ab 300 Euro, und da ist der Höhe des Preises keine Grenze gesetzt. Das geht bis 2000 Euro hoch ungefähr. Ich habe aber viele Freunde, die in dem Bereich arbeiten, die machen mir gute Preise, verkaufen mir diverse Klamotten und so weiter. In den Ferien jobbe ich auch als Surflehrer in einem Surfcamp.

Wie war denn deine Woche in Südfrankreich bei den deutschen Hochschulmeisterschaften?

Die ADH Open fanden an der Atlantikküste in einer Bungalowanlage in Seignosse statt. In den Bungalows haben nur Studenten gewohnt. Jeden Tag gab es Parties im „Pavillon“, dem zentralen Gebäude, aber auch Konzerte. Während des Contests war dann auch am Strand viel los.

Rambazamba an der Atlantikküste in Südfrankreich. Tausende Studenten fuhren zu den ADH Open nach Seignosse. Foto: ADH Open / Andy Rowley

Rambazamba an der Atlantikküste in Südfrankreich. Tausende Studenten fuhren zu den ADH Open nach Seignosse. Foto: ADH Open / Andy Rowley

Und wie läuft ein solcher Surfcontest ab?

Man muss zwischendurch relativ viel warten. Die ungefähr 300 Teilnehmer wurden in 3er- oder 4er-Gruppen eingeteilt. Die Gruppen sind dann je 15 Minuten im Wasser und treten gegeneinander an. Pro Welle bekommen sie dann eine bestimmte Punktzahl von den „Judges“ (der Jury). Die beiden besten Wellen werden pro „Heat“ (Durchgang) gewertet. Die beiden Besten eines Heats kommen in die nächste Runde.

Wie hast du am Ende abgeschnitten? Warst du zufrieden?

Es war nicht so rosig, wie es hätte sein können. Es ist im Longboard ein bisschen blöd gelaufen. In der Open Class waren meine Ansprüche relativ niedrig, weil ich Shortboard nur so zum Spaß gefahren bin und weil der Hochschulsport das bezahlt hat. Ansonsten sind 35 Euro Startgebühr immer so ´ne Sache, dafür, dass du, wenn du nicht so weit kommst, relativ viel Geld einfach so hergibst. Und Longboard fahr ich schon ein bisschen länger und auch ernsthafter, bei den deutschen Meisterschaften war ich schon mal im Finale. Letztendlich bin ich bei den ADH Open dann Neunter geworden. Das Finale wäre schon ganz gut gewesen, Zweiter oder Dritter.

Woran lag´s?

Es ist an einer Unaufmerksamkeit gescheitert. Es war eigentlich ein Heat mit vier Surfern, einer hatte eigentlich gesagt, er macht nicht mit, weil er kein Brett hatte. Und der Dritte, der noch dabei gewesen wäre, kam zu spät aufs Wasser. Wir haben dann nicht damit gerechnet, dass er doch noch dazukommt. Wir dachten, wir wären nur zu zweit im Wasser und sind dann einfach ein bisschen vor uns hin gesurft. Letztendlich ist der Zuspätkommer dann leider besser gefahren als wir. Bestraft wurde er dafür nicht, beim Surfen sieht man das alles immer ganz locker.

Wie sehen deine Freunde im Ruhrgebiet dein besonderes Hobby?

Einfach Spaß haben und die Zeit mit Freunden verbringen, das ist Tristans Devise beim Surfen. Hier analysiert er mit einem anderen Surfer die Wellen des Atlantiks. Foto: ADH Open / Jo Wyneken

Einfach Spaß haben und die Zeit mit Freunden verbringen, das ist Tristans (links) Devise beim Surfen. Hier analysiert er mit einem anderen Surfer die Wellen des Atlantiks. Foto / Teaserfoto: ADH Open / Jo Wyneken

Ich seh das nicht zwangsläufig als etwas Besonderes an. Meine Freunde wissen, dass ich surfe und surfen teilweise auch selbst. Mein Freundeskreis besteht generell hauptsächlich aus „Funsportlern“, deswegen gilt mein Sport darin als mehr oder weniger alltäglich. An der Uni hörte man dann allerdings eher so „ohoo“, wenn man das mal dem Prof gesagt hat, weil man eine Freistellung für einen Surfcontest oder so brauchte.

Warum gerade das Surfen?

So genau kann ich das nicht sagen. Sicherlich ist da auch der mystische oder Naturaspekt dabei, denn man ist eins mit dem Wasser und mit der Natur. Und Wellen sind ja doch irgendwo Naturgewalten, mit denen man sich als Surfer gerne misst. Letztendlich bedeutet Surfen für mich aber einfach Spaß haben und Zeit mit Freunden verbringen. Danach und währenddessen geht’s einem gut!