Wenn der Cut kommt: Trennung im Ausland

Wer sich aus einer Beziehung ins Auslandssemester verabschiedet, hat es selbst so gewollt. Es zwingt einen schließlich keiner dazu, den Partner allein zu Hause sitzen zu lassen. Das ist absurd und brutal zugleich. Was bleibt, ist die Entscheidung zwischen A oder B – zusammenbleiben oder trennen. Doch es gibt auch C. Und D. Das zeigen diese vier Trennungsgeschichten von Studierenden aus aller Welt, die für ein Auslandssemester nach Italien gekommen sind.

E-Mail, Facebook, Whatsapp, Skype…“7up, Pepsi, alright, alright, alright alright, ok.“ Alright? Ok? Mitnichten. Die Band Bilderbuch hätte in der schwierigen Frage – Trennung ja oder nein? – vielleicht geraten: „Oifach weida den Blick üba die Abruzzen schwoafn lossn.“ Also ablenken und la Dolce Vita genießen. Aha. Dann wird das schon mit der Gschpusi. Na dann. Doch der Song „Softdrink“ handelt nun einmal von überzuckerten Limonaden und nicht von den unsäglichen Schmerzen einer Trennung. Und diese vier Geschichten zeigen, dass Trennungen nicht immer bitter sein müssen.

1. Die furchtlose Variante

Für Jorge, 22, aus Madrid stand und fiel die Entscheidung, ein Erasmussemester in Perugia einzulegen, mit der Dauer seines Auslandsaufenthalts: Sechs Monate waren für ihn und seine Freundin die Schmerzgrenze. Er studiert jetzt seit knapp zwei Monaten in Italien, seine Freundin hat ihn schon für ein paar Tage besucht. Allerdings wird es bei diesem einen Mal bleiben. „Häufiger hin und her zu fliegen, können wir uns einfach nicht leisten.“

 

Um die Beziehung am Leben zu halten, bleiben nur die täglichen Nachrichten und stundenlangen Telefonate. Ohne das gegenseitige blinde Vertrauen aus ihren drei Jahren Beziehung wäre so eine Art der Beziehung für Jorge nicht denkbar. Vor seinem Auslandssemester Schluss zu machen, war keine Option – weder für sie, noch für ihn. „Wir lieben uns sehr. Wir haben keinen Gedanken daran verschwendet, uns zu trennen.“ Und dass sie bei seiner Entscheidung, ins Ausland zu gehen, Mitspracherecht hatte, war im Nachhinein fast das Wichtigste, findet Jorge. Das Gefühl, dass sie hinter seiner Entscheidung steht, macht ihm vieles leichter. Was er am meisten an ihr vermisst? „Die alltäglichen Dinge. Mir fehlt es, mit ihr herumzualbern oder einfach ein Bier trinken zu gehen. Und sie zu küssen.“ Bis sie das wieder tun können, dauert es noch vier lange Monate. So lange bleibt ihnen nur die Stimme und das Bild des anderen: „Es gibt ja WhatsApp und Skype, wodurch ich den Kontakt zu ihr nach Madrid halten kann. Ohne wäre es schon schwieriger.“

Die wohl romantischste Form, sich auch über Meilen hinweg einander nah zu fühlen:

Ästhetik einer Trennung: Sie lebt in New York, er in Seoul. Ein koreanisches Künstlerpaar macht die 11.000 Kilometer und dreizehn Zeitzonen, die sie voneinander trennen, zu einem gemeinsamen Kunstprojekt. SHINLIART verbindet sie.

2. Das langsame Ausplätschern

Belastungsprobe Auslandssemester: Vielleicht lief’s vorher schon nicht mehr gut. Foto: Judith Koch

So traurig es ist: Manchmal merkt man erst, wie es um die Beziehung bestellt ist, wenn der Prüfstand naht. So wie bei Fatme aus Palästina und ihrem Ex-Freund. Er machte es ihr nicht leicht: „Ich wollte raus aus Palästina, wollte im Ausland studieren, aber er wollte nicht, dass ich gehe. Er hatte Angst vor einer Fernbeziehung, er meinte es würde sehr schwierig werden.“ Ihre Beziehung hat die Trennung nicht überlebt. Die 21-Jährige lebt jetzt schon seit ungefähr drei Jahren in Italien, viel länger als geplant. Ihre neue Freiheit wusste sie mit der Zeit zu schätzen, aber zu Beginn war es hart. Die Liebe schlich sich langsam aus: „Es war nicht leicht einzusehen, dass es nicht funktioniert hat“, sagt sie. „Am Anfang haben wir es noch eine Weile lang versucht, aber die Entfernung und die Zeitumstellung haben es uns sehr schwer gemacht. Und physisch waren wir so weit auseinander – irgendwann hat es nicht mehr geklappt.“ Rückblickend hätte sie lieber gleich Schluss gemacht, die Beziehung hätte es einfach nicht ausgehalten, sagt Fatme. Das Ende kam schleichend:

 

3. Die Zelte abbrechen

Ein Auslandssemester muss nicht immer den Bruch mit dem Partner bedeuten, sondern kann auch die Trennung vom alten Leben sein.

 

Gemeinsam ist man fernab von der Heimat weniger allein. Foto: Judith Koch

Die 21-jährige Minna aus Helsinki hat alles hinter sich gelassen, ihre Familie, ihre Freunde und ihre finnische Heimat. „Eigentlich wollte ich gar nicht so lange bleiben.“, sagt sie und grinst. Nach Grinsen war ihr allerdings nicht immer zumute. So einfach, wie sie jetzt von ihrer damaligen Entscheidung erzählt, war die Sache rückblickend nämlich nicht. Der Grund für alles war ihr italienischer Freund, der sie motiviert hat, in Italien zu bleiben. „Am Anfang konnte ich mir das alles überhaupt nicht vorstellen. Aber er sagte, ich könne doch schon italienisch, warum ich nicht einfach hierbleiben würde.“ Diese Frage stellte Minna sich schließlich auch. Kurzerhand machte sie Italien zu ihrer neuen Heimat. Aber auch noch eine andere wichtige Entscheidung traf sie, ebenfalls mit der Unterstützung ihres Freundes. Als er Minna singen und Cello spielen hörte und kurz darauf herausfand, dass sie vorher auch ein bisschen Musik studiert hatte, überzeugte er sie, Musikerin zu werden. „Ich habe in dieser Zeit erkannt, dass ich keine Lehrerin werden will, sondern, dass die Musik meine Leidenschaft ist.“ So tauschte sie ihr Sprachwissenschaftsstudium in Helsinki gegen ein Musikstudium am Konservatorium in Perugia aus. Ihre Familie war anfangs ziemlich überrascht, aber mit der Zeit hätten sie sich an Minnas Lebenswandel gewöhnt. Minna bereut heute nichts, obwohl es am Anfang nicht leicht war. Am Konservatorium hatte sie plötzlich nicht mehr den „Erasmus-Bonus“, sondern wurde wie eine ganz normale Studierende behandelt. Mittlerweile fühlt sich die zurückhaltende Finnin wohl unter den beherzten Italienern. Ob es jemals zurück nach Helsinki geht, kann sie nicht beantworten. Erst einmal jedenfalls nicht, sagt sie.

4. Alles auf Null

Der kalte Schock sitzt Jannik aus Bremen heute noch in den Knochen. Alles schien perfekt, der Dreißigjährige war kurz davor, die Eltern seiner neuen italienischen Freundin kennenzulernen. Doch dann verschwand sie ganz plötzlich. Einfach so.

 

Zuerst machte er sich Sorgen, aber auch von ihren Freunden erfuhr er nichts. „Ich habe erstmal gegoogled, was so etwas sein könnte.“ Jannik fand das Phänomen des ghosting. Der Begriff beschreibt eine besonders unangenehme und wohl die feigste Variante, eine Beziehung zu beenden. Denn dabei wird der wichtigste Part einfach weggelassen: Das Schlussmachen.

Gestern war sie noch da, seit heute ist sie spurlos verschwunden. Foto: Judith Koch

Seine Ex-Freundin war verschwunden wie ein Geist. Jannik fragte sich, ob er sie jemals wirklich gekannt hatte. Er fühlte sich betrogen. Und Italien hatte er erst einmal satt. Die Situation überforderte ihn, da halfen weder die malerische Aussicht über die Berge Umbriens noch die permanent heitere Weinlaune seiner Kommilitonen. Er zog sich zurück, um seine Liebe kämpfen, wollte er auch nicht. „Letztendlich hab ich gar nichts gemacht, weil ich auch einfach müde von dem Ganzen war.“ Vor ein paar Wochen hat er sie zufällig an der Uni getroffen. Er erinnert sich noch an sein Herzrasen, aber in der Situation strengte er sich an, cool zu bleiben. „Sie hat mich ignoriert.“ Er traf sie weitere Male. „Mittlerweile haben wir wieder ein bisschen geredet.“ Inzwischen geht es Jannik besser, nach dem „Warum?“ hat er sie aber nie gefragt.

Wer viel wagt, kann viel verlieren. Aber er kann möglicherweise auch umso mehr gewinnen. Und sei es nur die Einsicht, dass die Beziehung nicht mehr passt. Deshalb halten wir es mit Bilderbuch und lassen uns die lauen Nächte in der Ferne nicht verderben. Wir schwoofen mit Vino in der Hand und Sehnsucht im Herzen Richtung Sonnenuntergang – im Kopf die Gewissheit, dass nur auf uns wartet, wer es auch Wert ist.

Beitragsbild: Judith Koch

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