Handwerker gesucht

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Für viele junge Menschen ist ein Studienabbruch eine schwere persönliche Krise. Oft kann ein Abbruch aber auch eine Chance sein. Denn gerade im Handwerk werden junge, qualifizierte Fachkräfte dringend gebraucht. Dieses Jahr starten 15 von Bildungsministerin Wanka angestoßene „Leuchtturmprojekte“, Kooperationen zwischen Handwerkskammern und Hochschulen. Das Handwerk will vor allem Studienabbrecher anwerben.

Inan Dömnez hat sein Studium gehasst. „Nach einigen Wochen bin ich nicht mehr zu den Vorlesungen gegangen. Ich habe mir dann immer gesagt, dass ich die nachhole. Was ich natürlich nie getan habe.“ Nur wenige Monate war der 25-jährige Bochumer im Fach Elektrotechnik eingeschrieben. Dann war schnell klar: Studium ist nichts für ihn. Zu theoretisch, zu realitätsfern. Doch statt den Studiengang zu wechseln, machte er gleich kurzen Prozess mit seiner Akademikerlaufbahn: Studienabbruch.

Fälle wie Inan sind keine Seltenheit. Im Gegenteil: die Zahl der Studienabbrecher ist seit Jahren konstant hoch. Woran das liegt? Vielleicht daran, dass mittlerweile jeder zweite Schüler Abitur macht. Daran, dass die Abiturienten zudem immer jünger werden und sich von der Berufsentscheidung überfordert fühlen. Und Abiturienten sich oft dem unsichtbaren Zwang ausgesetzt fühlen, mit ihrem Abitur auch studieren zu müssen, statt es mit einer Ausbildung zu „verschwenden“. Die Entscheidung, mit einem Studium zu beginnen, wird so in unserer heutigen Zeit immer mehr zu einem selbstverständlichen, unreflektierten Automatismus. Studium – das ist Norm. Dementsprechend groß ist dann auch das Gefühl des Versagens, wenn man das Studium abbrechen muss. Statt die Lernform Studium an sich infrage zu stellen, wechseln viele beschämte Studenten dann hastig in andere Studiengänge. Nur um wieder Misserfolge zu erleben. Studienabbruch: Das ist allzu oft der erste Schritt in einen Teufelskreis des Versagens, kann zu tiefgehenden, persönlichen Krisen führen. Und schadet der Volkswirtschaft.

Die Zahl der Lehrlinge sinkt

Das ist paradox. Denn die Zeit, die an der Uni verbracht wurde, ist keineswegs umsonst – auch wenn kein Abschluss vorliegt. Das angeeignete Wissen bleibt auch ohne Bachelor-Urkunde erhalten. Gleichzeitig fehlen in vielen Ausbildungsberufen, vor allem in Industrie und Handwerk, qualifizierte Arbeitskräfte. Die Zahlen sind eindeutig: In den nächsten 10 Jahren suchen 200.000 Handwerksunternehmer einen Nachfolger. Die Zahl der Lehrlinge sinkt hingegen beständig. 2008 gab es im Handwerk 480.000 Lehrlinge, 2012 nur noch 400.000.

Bedenken über diese Entwicklung hat letztes Jahr auch Bildungsministerin Wanka geäußert. Sie möchte die Perspektiven für Studienabbrecher im Handwerk attraktiver machen. Ab diesem Jahr werden bundesweit 15 sogenannte „Leuchtturmprojekte“ gefördert. In diesen Projekten sollen Kooperationen zwischen Handwerkskammern und Hochschulen entstehen und kleine sowie mittelständische Unternehmen bei der Anwerbung von Lehrlingen beraten werden. Außerdem wird Studienabbrechern ermöglicht, ihre Ausbildungszeit zu verkürzen.


Studienabbrecher im Handwerk: hier die Zahlen auf einen Blick

Auch Inan Dömnez hat sich nach dem Studienabbruch für das Handwerk entschieden. Mit Hilfe der Handwerkskammer (HWK) in Dortmund erfolgte die Vermittlung in einen Bochumer Ausbildungsbetrieb. Vom Elektrotechnik-Studenten zum Elektriker-Azubi. Jörg Hamann von der HWK in Dortmund ist davon überzeugt, dass gerade Studienabbrecher von einem Einstieg in Handwerksberufe profitieren können. „Studienabbrecher sind im Handwerk sehr gefragt. Sie haben an der Universität theoretisches Wissen gesammelt, sind oft älter und damit auch reifer als viele der Jugendlichen, die mit 16 eine Ausbildung anfangen“, erklärt Hamann. „Das Handwerk wird aufgrund der technischen Entwicklungen immer komplizierter. Die Anforderungen steigen. Gerade in Zeiten, in denen Fachkräfte so dringend gebraucht werden, haben Studienabbrecher mit ihren Zusatzqualifikationen hohe Aufstiegsmöglichkeiten.“

Studierende der Ingenieurs- und Geisteswissenschaften haben mehr Chancen

Bislang konnte die HWK in Dortmund so gut wie jeden Studienabbrecher erfolgreich vermitteln, so Hamann. Auch wenn er einräumt, dass ehemalige Studenten der Ingenieurs- und Naturwissenschaften bessere Chancen im Handwerk haben. „Der Bezug zwischen einem Elektrotechnik-Studium und einer Ausbildung zum Elektriker ist natürlich höher, als der irgendeines Geisteswissenschaftsstudiums.“ Aber in Anbetracht der Tatsache, dass gerade in den Natur- und Ingenieurswissenschaften die Abbrecherzahlen besonders hoch sind, ist das nicht allzu schlimm.

Für Inan war der Wechsel ins Handwerk die richtige Entscheidung. „Im Handwerk hat man am Ende des Tages ein sichtbares Ergebnis vor Augen. Im Studium dauert das gute drei Jahre.“ Der 25-jährige ist zufrieden. Sein Appell: Nicht am Studienabbruch verzweifeln, sondern seine Erfüllung in einer Ausbildung suchen.

Beitragsfoto: flickr.com/jk.fotografie

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