Freiheit und Techno

All The Time Hafen

Seit fünf Jahren veranstaltet das Dortmunder Musik- und Künstlerkollektiv „ALL THE TIME Techno-Partys in leerstehenden Lagerhallen, Häusern oder am Ufer des Kanals. Dortmund sehen sie als eine Kulturbrache ohne kreative Freiräume – ein Zustand, den sie mit ihren Aktionen verändern wollen. Mit Beats für die kulturelle Nutzung von Leerständen.

Die scheppernden Beats knallen gegen die Backsteinwände der alten Lagerhalle. Draußen, in der kalten Dunkelheit der Nacht, sind sie nicht mehr als ein dumpfes Basswummern. Der Weg zum Rave ist ein wenig wie ein Abenteuertrip durch urbanes Brachland. In eine unauffällige Seitenstraße, durch einen Zaun hindurch, durch dichtes Gestrüpp, Schlamm und über stillgelegte Schienen. Das Basswummern wird lauter. Dann sieht man es: ein kleines Backsteingebäude, versteckt im Dickicht. Ganz unscheinbar. Die dunkle Eisentür öffnet sich und das Basswummern verwandelt sich in ohrenbetäubenden, pulsierenden Techno.

Fast so minimalistisch wie die Musik leuchten einige wenige Lichter durch den wabernden Nebel einer Nebelmaschine. Die Menge tanzt euphorisch vor dem provisorischen DJ-Pult. Der Jockey schaut auf das Vinyl, das sich vor ihm dreht. Hinter ihm tanzen projizierte Traumbilder an der alten Backsteinwand. An den Wänden im Nebenraum hängen noch die vergilbten Pin-Up-Kalender der Handwerker, die hier seit Langem nicht mehr arbeiten. Nein, das ist kein Dokumentarfilm über das technoide Berlin der frühen Neunziger. Das ist 2015, im Herzen des Ruhrgebiets. 

Pin-Up-Girls aus einer anderen Zeit: Wo früher Mechaniker an Autos schraubten, wird heute zu Techno-Beats getanzt. Foto: Dust in the Wind Photography

Eine subkulturelle Familie

Die Atmosphäre ist familiär. Man kennt sich. Und wenn nicht, kommt man auf den alten Sofas im Vorraum schnell ins Gespräch. Hier trägt keiner den unsichtbaren Schutzschild der distanzierten Coolness, in den sich viele Clubgänger in pseudo-schicken Großraumdiscos hüllen. Keine alkoholgetränkte Agressivität, keine klobigen Anmachen und hahnenkampfgleichen Schlägereien. Es ist ein wenig, wie das Zusammentreffen einer subkulturellen Familie. Die am ersten Mai Geburtstag hat. Fünf Jahre ist es her, dass eine Handvoll junger Männer aus Dortmund (Phillip, André, Marc, Daniele, Bene) ein Musik- und Kunstkollektiv gründete. Ihr Credo: Kunst, Freiheit, Techno. Ihr Name: ALL THE TIME.

André ist ein Mann der ersten Stunde, sein Kollege Michi stieß kurze Zeit später hinzu. An ihre ersten Berührungen mit Techno erinnern sich die beiden Kollektivmitglieder gerne. „Also ich war das erste Mal im Soundgarden auf einer Technoparty, keine Ahnung, wie die hieß“, erklärt André. Auch Michi erinnert sich an die erste Technoerfahrung: „Als Kind war ich ja im selben Kindergarten wie André, und ich weiß noch, wie ich ihn zu meinem Geburtstag eingeladen habe, und er hat mir da einen kleinen Kassettenrekorder geschenkt, den hat wohl seine Mutter besorgt, und darauf haben wir dann immer „Too Unlimited“ gehört.“ André lacht: „Ach ja genau, diesen bunten von Philips, mit dem kleinen Micro dran. Richtig gut!“ Erste Schritte machte die ALL-THE-TIME-Crew mit den Betreibern des damaligen Dortmunder Clubs „VRSTCK“ im Hoeschpark. „Wir haben zum Beispiel mal ein Schiff gemietet und sind mit einer Partycrew und Musik über den Kanal gefahren.“

Der „Rave“ als Gesamtkunstwerk: In alten Lagerhallen treffen Musik, Streetart und Lichtinstallationen aufeinander. Foto: Dust in the Wind Photography

Die Verbindung von Kunst und Musik

Schnell war den jungen Männern aber klar, dass was Eigenes her musste. Schon früher waren André und Michi mit dem Fahrrad durch Dortmund gefahren und hatten sich über die vielen leerstehenden Gebäude gewundert. Die Idee, Freiraum-Partys zu veranstalten, schwebte schon lange im Raum. Vor fünf Jahren war es dann soweit: Die erste ALL THE TIME konnte steigen. „Da wir von Anfang an Musik und Kunst verbinden wollten, haben wir dann auch direkt Künstler eingeladen, die während der Party ausgestellt haben“, erinnert sich André. Und der Name? „Also der Name stammt von DJ Koze, das Logo stammt von mir und die Idee liegt ja auf der Hand, eben Allzeit Techno“, meint André. „Stammt aber eigentlich auch von dir“, wirft Michi ein und lacht.

André lacht

„Dortmund ist eine Kulturwüste“, meint André, DJ und Mitbegründer von ALL THE TIME. Foto: ALL THE TIME

Zu Beginn blieb ALL THE TIME ihrem Prinzip nicht immer treu: Auch Clubs mussten manchmal, wenn auch selten, herhalten. Einmal feierte ALL THE TIME im Dortmunder Club „Le Grand“. Eine „Notlösung“, wie es die Techno-Crew damals nannte. Eine Aktion, für die das Kollektiv Kritik aus den eigenen Reihen einstecken musste. Deshalb gilt seitdem grundsätzlich: Von Clubs fernhalten. Nur im damaligen Kulturzentrum „Hafenliebe“ machte die Gruppe noch ab und zu eine Ausnahme – in diesem Fall auch mit Wohlwollen der Anhänger. „In der Hafenliebe waren wir oft, weil wir eh alle da gearbeitet haben“, erinnert sich André, „und weil ich nebenan gewohnt habe, quasi im Keller.

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Mal ein Bier trinken, ohne vorher ins Portemonnaie zu gucken

Für ihre Liebe zum Leerstand hat Michi eine klare Begründung: „Im Kulturhauptstadtjahr hat mir der Stadtsoziologe Tino Buchholz mal erzählt, die Menge der leerstehenden Fläche der acht größten Ruhrgebietsstädte ergebe in der Summe eine neunte Ruhrgebietsstadt. Ob das jetzt stimmt oder nicht, ist im Prinzip scheißegal. Denn dass es im Ruhrgebiet jede Menge ungenutzten Leerstand gibt, sieht jeder, der hier mal ein Stündchen spazieren geht. Und gleichzeitig mangelt es überall an Freiräumen. Also an Orten, wo sich Leute frei von jeder Verwertungslogik und plumpem Konsum kreativ und ungezwungen entfalten können. Mal ein Bier trinken ohne vorher ins Portemonnaie zu gucken. Es sich bei Geldnot einfach selbst von der Bude mitbringen. Mal eine Wand anmalen, ohne sich vorher eine Genehmigung zu holen oder hinterher das beschissene Nordstadtlogo drunter setzen zu müssen. Mal ein Stündchen schlafen, ohne dass ein Türsteher kommt und dich rausschmeißt oder direkt einen Krankenwagen ruft.“

Michi, DJ und All-The-Time-Mitglied, ist der Meinung: „Im Ruhrgebiet gibt es zu viele ungenutzte Freiräume.“ Foto: ALL THE TIME

Ob ALL THE TIME mal sesshaft wird? André lächelt schelmisch: „Sag niemals nie. Nein, Spaß beiseite. Zurzeit sieht’s nicht so aus. Wir wollen alte, authentische Locations präsentieren und die Leute in Dortmund immer wieder dazu animieren, die Stadt neu zu entdecken und in allen Facetten zu begreifen. Außerdem ist ALL THE TIME eine private Initiative, wir finanzieren uns bloß durch Eintrittsspenden und das passt mit Clubs nicht wirklich zusammen.“ Denn das Kollektiv hat nach eigener Ansicht eine klare kulturelle Mission: Dortmund sei, gerade für junge Leute, eine vom Fußball erstickte Kulturbrache. „Die Amtsträger der Stadt Dortmund tun ja bekanntlich viel für alte Leute. Seniorenzentren oder Doppelhaushälften für Ein-Kind-Familien im Zentrum sind da ein gutes Beispiel. Die hiesige Regelung mit der Sperrstunde spielt den Clubinhabern natürlich auch nicht gerade in die Hände.

Andererseits liegt es auch an den Veranstaltern selber, dass hier nicht wirklich was passiert. So viele sitzen seit Jahren auf ihren festgefahrenen Konzepten, manche davon geklaut, manche davon schon früher scheiße. Es gibt aber natürlich auch Ausnahmen.“ Michi wirft ein: „Unser Resident DJ Sergej macht nämlich hervorragende Veranstaltungen auch in etablierten Clubs, aber der ist ja auch gut ausgebildet. Man könnte eigentlich eher sagen, Sergej etabliert die Clubs. Im neuen Club Tyde zum Beispiel feierte die geschlossene Hafenliebe mit ihm vor kurzem ihre Auferstehung. Von solchen Projekten gibt es in Dortmund leider viel zu wenig.“

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Mit dem Fahrrad zur Party: ALL THE TIME will, dass ihre Anhänger mit den abgelegenen Locations neue Seiten ihrer Stadt kennenlernen. Foto: Dust in the Wind Photography

Letzte Bastion für Kreative

Dabei hat das Ruhrgebiet große Potentiale
. Es ist eine der letzten Bastionen für günstige Mieten und geringe Lebenshaltungskosten. Ein Schlaraffenland für Kreative. „Jetzt schon ist festzustellen, dass in Städten wie Hamburg oder Köln die Künstlerszene weit in die Vororte gedrängt wird. Dadurch leidet häufig die Qualität der Kunst. Bei uns ist das anders. Ein zweites Berlin wird es hier nicht geben, aber das ist auch gut so. Und von dem Dortmunder Hafen und seiner Speicherstraße können viele in Hamburg nur träumen.“ Im Hafen soll auch das neueste Projekt des Kollektivs verwirklicht werden: die „Maschinerie“, ein alternatives Kulturzentrum.

Mit ihrem Konzept stößt ALL THE TIME auf mehr und mehr Anhänger. Angst davor, dass ihre Untergrund-Bewegung zu groß wird und von Mitläufern verwässert, haben André und Michi nicht: „Wir machen kaum Werbung und veröffentlichen die Location erst kurz vor Beginn der Veranstaltung, damit auch nur die Leute kommen, die wirklich Bock drauf haben. Durch die Ausstellungen und die sehr spezielle Musik haben wir aber auch eine enge Zielgruppe und Leute, die auf solche Aktionen nicht klarkommen, fühlen sich meist nicht wohl und hauen von selbst wieder ab.“

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Sergej P. am Turntable: Der Resident-DJ des Kollektivs ist auch in der etablierten Club-Szene bekannt. Foto: Dust in the Wind Photography

Stressig ist das Organisieren von Freiraum-Partys allemal. DJs, Künstler und Generatoren müssen schließlich jedes Mal aufs Neue organisiert werden. Trotz allem – André und Michi erleben immer wieder persönliche Sternstunden: „Es ist schön, wenn die Leute 15 Kilometer am Kanal entlang spazieren, um uns zu suchen und dann den Spaß ihres Lebens finden“, erklärt André mit verträumtem Blick. „Aber am schönsten ist, wenn die Polizei kommt und so begeistert ist, dass sie bereuen, Dienst zu haben. Und danach einfach wieder abhauen, weil sie nicht bleiben dürfen. Wir holen uns in letzter Zeit schließlich immer das OK der Location-Besitzer.“ Michi meint: „Das Schönste ist, wenn das Bier alle ist und man nach einer Stunde voll Durst wieder einen Kasten findet, der die ganze Zeit direkt vor der eigenen Nase stand. Passiert eigentlich jedes Mal. Und wenn das Wasser leer ist, denn dann fangen auch die an zu trinken, die vorher gesagt haben, sie müssten noch Auto fahren.“

Techno mit 80

Die Mitglieder von ALL THE TIME haben ganz verschiedene Berufe und Lebensentwürfe. Wo das Kollektiv in weiteren fünf Jahren steht? Michi lächelt und gibt sich – einem Mitglied eines Untergrund-Kollektivs gebührend – rätselhaft: „In genau fünf Jahren sitze ich höchstwahrscheinlich in irgendeinem alten, städtischen Bunker und hoffe, dass die Bombe nicht genau auf meinen Kopf fällt. In Dortmund, Tel Aviv oder Gaza City. Wir werden sehen.“

Zweiter Versuch. Auf die Frage, ob mit 80 Jahren immer noch zu Techno geraved wird, oder ob dann Schaukelstuhl und Pfeife bevorzugt werden, sind die beiden geringfügig konkreter. „Techno im Schaukelstuhl, hört sich cool an.“, meint André, während Michi erklärt: „Mir wird im Schaukelstuhl immer schlecht, ich lieg lieber im Bett. Und mit Pfeife rauchen hab’ ich aufgehört wegen Günther Grass.“

Nicht wie in anständigen Clubs

In diesem Moment verstummt plötzlich die Musik. In der Halle ist es stockfinster. „Wir müssen anne Tanke Sprit holen gehen! Generator ist abgeschmiert!“, ruft jemand durch der Dunkelheit. Im schwarzen Nichts glühen Zigarettenspitzen. Aufflammende Handydisplays erleuchten vergnügte Gesichter. Es wird geredet und gelacht. Stimmengewirr statt stampfender Beats. In einem anständigen Club wäre das niemals passiert. Und gerade deshalb ist es etwas Besonderes. 

All The Time (Record Release Party) from THE XZ on Vimeo.

 

 

 

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