Book-Crosser statt Bücher-Muffel

Düstere Aussichten am Welttag des Buches. Immer mehr Deutsche wollen keine Bücher mehr lesen. Das geht aus einer Studie der Stiftung Lesen hervor. Auch an den Universitäten ist die negative Entwicklung zu spüren. Ein Trend aus den USA könnte in der Bundesrepublik bald aber vielleicht schon die Wende einleiten. Beim Book-Crossing darf jeder kostenlos Bücher verstecken, suchen und natürlich lesen. Mehr noch: Book-Crosser dürfen ihre verstaubten Bücher auf Welt-Reise schicken.

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Laut einer Studie der Stiftung Lesen liest jeder vierte Deutsche keine Bücher mehr. Foto: Simone Hainz/pixelio.de

In ganz Deutschland feierten Buchhandlungen, Verlage und Bibliotheken am 23. April den Unesco-Welttag des Buches. Mit fremden Wesen in ferne Fantasieländer eintauchen, spannungsgeladene Verfolgungsjagden miterleben oder an der Seite von Winnetou durch den wilden Westen reiten: Seit der Erfingdung des Buchdrucks reißen Bücher große und kleine Lesefreunde in ihren Bann. Doch es werden immer weniger „Leseratten“ – zumindest in Deutschland. Laut einer Studie der Stiftung Lesen liest jeder vierte Deutsche keine Bücher mehr. Zum Vergleich: Vor etwa 20 Jahren war es nur rund jeder Fünfte, der auf ein gutes Buch verzichtete. Eine negative Entwicklung, die scheinbar auch auf den Universitäten zu spüren ist.

Michael Niehaus ist Professor für neuere deutsche Literatur an der Technischen Universität in Dortmund. Seine Einschätzungen decken sich mit dem Ergebnis der Studie. „Nach meinem Gefühl, lesen die Studenten heute deutlich weniger Bücher als früher – Ende der siebziger Jahre“, erklärte Niehaus gegenüber pflichtlektuere.com. Vor allem habe er aber festgestellt, dass die Bereitschaft der Studenten deutlich gesunken sei, Bücher zu kaufen. Das Internet allein will der Professor dafür allerdings nicht verantwortlich machen. Im Gegenteil: „Das hat einen riesigen Informationsvorteil“, betonte Niehaus. Vielmehr fehle den Studenten heute die Vorstellung, dass ein Buch eine gute Investition sei. „Das halte ich für eine negative Entwicklung.“

Mit Book-Crossing den Spaß an Büchern wiederfinden

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Auf einem kleinen Etikett hält jeder Book-Crosser die ID des jeweilige Buches fest. So kann er die "Reise" zu jeder Zeit nachverfolgen. Foto: Christian Kleber

Ähnlich dachte auch der Amerikaner Ron Hornbaker und machte fast auf den Tag genau vor zwölf Jahren aus der Not eine Tugend. Er entwickelte die Idee des „Book-Crossing“ – ein Trend, dem nach Angaben des freien Buchclubs heute etwa 990.000 sogenannte „Book-Crosser“ in mehr als 130 Ländern folgen. Die Idee ist einfach wie genial: Wer ein Buch gelesen hat und es nicht im Schrank verstauben lassen will, schickt es kurzerhand auf die Reise und bereitet damit vielen anderen Menschen eine kostenlose Freude. Einfach das Buch in einen Book-Crossing-Plastikbeutel packen und irgendwo liegen lassen. Egal wo, ob in der U-Bahn, auf der nächsten Parkpank oder im Supermarkt-Regal zwischen Erbsen und Möhren. Wer das Buch findet, darf darin herumschmökern und es anschließend erneut auf die Reise schicken. Das ist nicht nur ein aufregendes Such- und Versteckspiel, sondern auch völlig kostenlos.

Einziger Haken: Wer Teil der großen Book-Crossing-Gemeinschaft werden will, muss sich im Internet dafür registrieren lassen. Sinn und Zweck dahinter ist, dass jeder Book-Crosser die Reise der gelesenen Bücher nachverfolgen kann, anhand einer persönlichen ID-Nummer. Diese bekommt jedes Buch zugeteilt, bevor es freigelassen wird – wie es die Book-Crosser zu sagen pflegen. Wer ein Buch findet, trägt online einfach die ID-Nummer des gefunden Buches ein und schon weiß jeder, der es zuvor selbst auf die Reise geschickt hat, wo es ist und wie es dem neuen „Besitzer“ gefällt.

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Im Dortmuner Café Max befindet sich eine offzielle Book-Crossing-Zone. Jeder darf sich ein Buch mitnehmen. Foto: Christan Kleber

Im Laufe der vergangenen Jahre hat sich das „Book-Crossing“ immer weiter entwickelt. So finden nicht nur auf der ganzen Welt regelmäßig Book-Crossing-Treffen statt, seit einiger Zeit gibt es auch hoch offizielle Book-Crossing-Zonen. Eine davon befindet sich in einem kleinen Café in der Dortmunder Innenstadt, dem Café Max. In einem schmalen Holzregal, direkt auf der linken Seite des Raucherbereichs, warten mehr als 30 Bücher auf interessierte Book-Crosser. „Jeder der will, darf sich ein Buch aus dem Regal nehmen und später selbst wieder auf die Reise schicken. Oder alternativ: Ein eigenes registriertes Buch ins Regal stellen“, erklärte die Chefin des Café das Prinzip.

Weitere Anreize sind für Professer Niehaus erstrebenswert

„Das ist eine sehr schöne Idee“, findet auch Prof. Dr. Michael Niehaus. Er erklärt sich den Reiz am Book-Crossing so, dass die Bücher durch das aufregende Such- und Versteckspiel eine andere „Aura“ bekommen und deshalb für viele anziehender wirken. „Doch es scheint mir bis jetzt eher eine Randerscheinung zu sein“, sagte Niehaus, der bislang noch nie etwas von dem Trend gehört hatte. In der Tat wächst die Book-Crosser-Gemeinschaft in Deutschland noch recht langsam. Ein möglicher Grund: Erst seit Mai 2010 steht die Book-Crossing-Homepage auch in deutscher Sprache zur Verfügung. „Dennoch finde ich es gut und halte es für richtig, dass solche und auch andere Anreize zum Bücherlesen geschaffen werden“, erklärte Niehaus. „Das ist auch auch im Hinblick auf die Zukunft absolut erstrebenswert.“

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