Wenn Mama und Papa mitstudieren wollen

Ein Beitrag von Hannah Sanders

Duisburg. In Amerika nennt man sie „helicopter parents“: Überfürsorgliche Eltern, die ihre Kinder überallhin begleiten und stets mitreden wollen. Auch bei der Auswahl des Studiengangs. Dabei sollen junge Menschen doch gerade im Studium Selbstständigkeit und Eigenverantwortung lernen. Die Uni Duisburg-Essen trennt jetzt den Nachwuchs von den Eltern: Mama und Papa bekommen eine eigene Sprechstunde.

Das perfekte Studienfach zu finden ist nicht einfach. Den einen Studiengang, der zu einem passt, in dem man gut ist. Perspektiven soll er haben und dabei bitte auch noch Spaß machen. Wie gut, dass die angehenden Studenten nicht allein gelassen werden bei der Auswahl einer akademischen Laufbahn: Mama und Papa stehen bereit, um dem Nachwuchs den nötigen Schubs zu geben. Sie wissen, was das Beste für ihre Sprösslinge ist – häufig denken sie das zumindest.

Verstärkter Andrang besorgter Eltern

Studienberaterin Silke Gramsch kümmert sich nicht nur um die angehenden Studenten, auch deren Eltern wollen informiert werden.

Studienberaterin Silke Gramsch kümmert sich nicht nur um die angehenden Studenten, auch deren Eltern wollen informiert werden.

Silke Gramsch vom Akademischen Beratungszentrum der Uni Duisburg Essen (UDE) kennt die Diskussionen zwischen Eltern und Kindern. „Wenn wir Beratungen mit angehenden Studenten und deren Eltern haben, dann gehen die Vorstellungen in manchen Fällen doch sehr auseinander“, sagt sie. „Da trauen sich manche Studienanwärter gar nicht zu sagen, was sie wirklich wollen.“ Um dem wachsenden Andrang besorgter Eltern zu begegnen, bietet das Akademische Beratungszentrum der UDE jetzt erstmals Sprechstunden nur für Eltern an. Sie sollen sich informieren können, etwa über die Auswahlmöglichkeiten an Fächern oder das Bachelor/Master-System. Im Stadtpavillon der UDE mitten in der Duisburger Fußgängerzone warten Silke Gramsch und ihre Kollegin Michaela Christoph auf interessierte Eltern. „Es ein Testlauf, mal sehen was draus wird“, sagt Gramsch.

Bemuttern, auch wenn die Kinder schon erwachsen sind

Eltern, die ihre Kinder bemuttern, auch wenn diese längst keine mehr sind, heißen in Amerika „helicopter parents“. Wenn Mama und Papa den Nachwuchs wie Hubschrauber umkreisen, jederzeit bereit zu landen und sich in die Studienwahl ihres Sprößlings einzumischen. Doch wenn Eltern überall mitreden wollen, erleichtert das den Kindern kaum die Entscheidung – im Gegenteil. Der Druck auf die angehenden Studenten wächst eher. Bevor sie sich über die eigenen Wünsche klar werden können, haben die Eltern alles schon durchgeplant. „Aber es macht keinen Sinn, etwas zu studieren, nur weil die Eltern es wollen. Schließlich sitzt man selbst in der Vorlesung und nicht Mama und Papa“, sagt Silke Gramsch.

Jede Menge Infos, jede Menge Auswahl – welches Fach ist das richtige? Fotos: Hannah Sanders

Jede Menge Infos, jede Menge Auswahl – welches Fach ist das richtige? Fotos: Hannah Sanders

Noch hält sich der Andrang bei dieser ersten Elternsprechstunde in Grenzen. Durch die großen Glasfenster des Pavillons scheint die Sonne. Fein säuberlich gestapelte Infoflyer liegen aus. An einer Säule hängt eine lange Liste mit allen Studienfächer der UDE. „Manche rufen auch einfach an und fragen, was wir überhaupt so im Angebot haben“, sagt Gramsch. „Die wissen noch gar nicht, was sie wollen.“ Kurze Zeit später kommt eine erste Mutter. Sie lässt sich über Studienmöglichkeiten für ihre Kinder informieren, erste Frage: „Wie sehen denn da die Zukunftschancen aus?“ Nach dem Gespräch verschwindet sie ganz schnell, ein Interview will sie nicht geben. Alles inkognito, alles top secret – denn der Nachwuchs weiß nichts von ihren Bemühungen.

Rat der Eltern bleibt wichtig

Draußen schlendern Eis schleckende Passanten vorbei. „Das Wetter spielt natürlich gegen uns“, meint Michaela Christoph, „vielleicht wären sonst mehr da.“ Bei Sonnenschein kann das Interesse für die akademische Karriere des Nachwuchses anscheinend schon mal aussetzen. „Es gibt solche und solche Eltern“, sagt Silke Gramsch, „Man kann nicht pauschal sagen, alle Eltern sind überbesorgt oder alle Eltern sind dieses oder jenes. Der Andrang wächst aber auf jeden Fall, die Eltern wollen mehr wissen.“ Dabei spielt auch die verkürzte Schulzeit eine Rolle. Die Schulabgänger werden jünger, da wollen die Eltern eher bei der Studienwahl mitreden. Und für viele angehende Studenten ist der Rat der Eltern ein wichtiges Entscheidungskriterium. „Schwierig wird es, wenn die Eltern nicht nur beraten, sondern dominieren“, sagt Michaela Christoph.

beratungsgesprach3Kurz darauf kommen noch ein paar Interessierte vorbei. Die Babians informieren sich für ihre Tochter. Die macht im nächsten Jahr Abi. „Ihr Berufswunsch steht zwar schon seit Jahren fest, aber man sollte trotzdem früh genug daran denken, sich zu informieren, über Fristen und Termine zum Beispiel“, meint Klaus Babian. „Unsere Aufgabe ist es da zu sagen, ‚Kümmre dich drum'“. Dennoch soll sie ihre eigene Entscheidung treffen: „Ihr Wunsch geht natürlich vor, wir ziehen sie da nicht an der Hand hinter uns her.“

Am Ende ist Silke Gramsch zufrieden mit der ersten Elternsprechstunde. Alle Eltern sind mit neuen Infos, vielen Flyern und vielleicht auch ein bisschen mehr Gelassenheit nach Hause gegangen. „In den gemeinsamen Gesprächen trauen sich die Eltern manchmal gar nicht, vor ihrem Kind nach dem Bachelor/Master-System zu fragen“, sagt Gramsch. „Oder den Studienanwärter ist es unangenehm, dass die Eltern dabei waren. Da ist das so schon ein guter Ansatz.“ Bei Bedarf können Eltern und Kinder immer noch zusammen zu den normalen Sprechzeiten kommen. Die nächste Elternsprechstunde soll im Mai stattfinden. Und wenn das Wetter dann nicht ganz so gut ist, landen vielleicht auch mehr besorgte „helicopter parents“, um sich zu informieren.

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