Der Popliterat ist zurück: Benjamin von Stuckrad-Barre

Benjamin von Stuckrad-Barre

Benjamin von Stuckrad-Barre

Ich bekenne: Benjamin von Stuckrad-Barre ist mein Lieblingsautor. Oder zumindest war er es und ist es vielleicht wieder? Als ich sein erstes Buch las, Soloalbum, 1998 erschienen und verfilmt unter anderem mit Nora Tschirner und Matthias Schweighöfer, war es so, als würde ich Maradonas Sololauf bei der WM 1986 noch einmal miterleben. Dabei tun sich leider noch viel mehr Parallelen zu dem argentinischen Fußballvirtuosen auf, als vielleicht förderlich ist. Aber dazu später mehr.

Ein kurzer Rückblick zum Soloalbum: Was hatte mich damals gefesselt? Es war neu und magisch und riss mich direkt rein. Die Sprachgewalt und die messerscharfe Beobachtungsgabe des Wortefetzers, so wie einst das Feuilleton Stuckrad-Barre charakterisierte, haute mich um. Ähnlich wie der kleine Fußballgott aus Argentinien. Kraftvoll, neu und explosiv und vor allem mit der gewissen Portion Arroganz. Von keinem anderen Autor kann ich behaupten alle Werke zu besitzen, auf einer Lesung gewesen zu sein, seinen Newsletter bestellt und sogar gelesen zu haben. Kurz gesagt: Mit meinen damals 19 Lebensjahren war Stuckrad-Barre für mich ein Rockstar und sein Werk Soloalbum das Ventil für mein verkorkstes Liebes- und Sozialleben.

Comeback nach Drogenkarriere

Und jetzt, nach fünf Jahren seines letzten Buches und zehn Jahre meiner weiteren literarischen Sozialisation, kehrt der Wahl-Berliner, Wahl-Schweizer und gebürtige Bremer wieder auf die Bühne zurück. Es scheint ruhiger geworden zu sein um seine Person, aber in der öffentlichen Wahrnehmung spielt er nach wie vor eine Rolle. Der Spiegel druckte eine recht positive Rezension ab und auch bei Online-Versandhäusern wie amazon wird sein Buch mit Spannung erwartet. Vielleicht auch der Tatsache geschuldet, dass der Literat nach einer von Drogen und Essstörung geprägten Episode seines Lebens nun ein Comeback gibt. Da ist er wieder, der Vergleich mit Maradona, der nach seiner Drogenkarriere den Weg ins große Geschäft als argentinischer Nationaltrainer wagt. Allerdings etwas medienwirksamer.

Was erwartet den Leser? Bei der einstigen Lichtgestalt der Pop-Literatur hat sich der Ton verändert. In seinem neuen Buch: „Auch Deutsche unter den Opfern“ gibt Stuckrad-Barre einen teils launigen und gut beobachteten Querschnitt durch deutsche Phänomene, Persönlichkeiten und Wahrheiten. Abwechslungsreich durch Reportagen, Erzählungen, Mono- und Dialogen sowie Sittengemälden führt er den Leser kurzweilig über gut 300 Seiten. Dabei gibt er entweder gekonnt dem Streik der Berliner Polizisten, die als Protestaktion für mehr Lohn in den Berliner Plötzensee springen, der Lächerlichkeit preis. Oder die eigene Drogenvergangenheit und den Ausweg in Zusammenarbeit mit Udo Lindenberg wird abgearbeitet.

Dies macht zugleich die Stärke des Buches aus. In kleinen Geschichten verpackt bildet der Autor die deutsche Realität ab. Ob bei einem Kinobesuch mit Til Schweiger oder auf einer Lesung mit Roger Willemsen, Stuckrad-Barre nimmt die Position des feinen Beobachters ein und überlässt es dem Leser, sich ein Urteil zu bilden. Humorig wie beim Besuch der Google-Party, oder tragisch bei dem Nachruf auf den todkranken Christoph Schlingensief.

Sein neues Buch: Auch Deutsche unter den Opfern

Sein neues Buch: Auch Deutsche unter den Opfern

Der Rebell kommt immer mal wieder durch

Erschienen sind die Textschnipsel teils bei der Berliner Zeitung oder Der Welt. Dies ist wahrscheinlich auch der Grund, warum der Ton nicht mehr so scharf und krawallig ist wie in seinen älteren Werken. Nur manchmal kommt noch der Spötter in Stuckrad-Barre durch, als Christoph Schlingensief in der Show von Reinhold Beckmann bekannt gibt: „Ich mache nicht mehr jeden Scheiß mit“, was Stuckrad-Barre mit dem Spruch kontert, dass dies nun eine wirklich große „Text-Bild-Schere“ sei.

Mein Fazit: In jedem Fall ein lesenswertes Buch für diejenigen, die einen anderen Blickwinkel auf Persönlichkeiten und Begebenheiten Deutschlands werfen möchten und dies durch die Perspektive eines journalistischen Autors tun möchten.

Ob ich meinen alten Lieblingsautor nun wieder gefunden habe? Das ist mir noch nicht recht klar. Aber ein starkes Comeback ist es in jedem Fall. So wie Maradona nun auch die Qualifikation für die Weltmeisterschaft geschafft hat. Nur eben als Trainer.

Das Buch „Auch Deutsche unter den Opfern“ ist am Montag, 22. Februar erschienen.