Schockierende Feststellungen in Essen

„Wer Arbeit sucht, der findet auch.“ Dieser Meinung sind auch in der Finanzkrise noch viele Menschen. Drei Essener Medizinstudenten erfuhren das Gegenteil. Über ein Jahr beschäftigten sie sich mit Langzeitarbeitslosen unter 25 Jahren und machten schockierende Feststellungen.
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Anna, Kai und Nora wollten nicht im Labor sondern mitten im Leben forschen. (Fotos: Sophie Mono)

Blut, überall Blut. An den Wänden, auf dem Boden. Die Wohnung ist verwüstet, teuflische Fratzen blicken auf sie herab. Genau wie der schwarze Mann. Er ist fast immer da. Dunkel gekleidet und bedrohlich spricht er zu ihr. Yasmin (Name von der Redaktion geändert) erlebte dieses Höllenszenario jahrelang jede Nacht. Ohne das Forschungsprojekt „support 25“ des Essener JobCenters wäre sie vermutlich noch heute davon überzeugt, dass dies alles wirklich geschieht, und dass ihr Ehemann sie schlägt. In Wahrheit fügte sich die junge Frau regelmäßig selbst Verletzungen zu. Sie ist schizophren, lebt fast ständig in Angstzuständen. Anfang 20 ist sie, und doch hat sie keine Chance, einen Job zu finden. Wenn sie zum JobCenter kommt, ist sie oft übersät von blutigen Hämatomen, ihre Stimmung schlägt ständig um. In diesem Zustand einen Job zu finden, ist für sie unmöglich, sie ist Langzeitarbeitslose.

Auch Rüdiger (Name von der Redaktion geändert), ist psychisch krank. Er hat sich das Blutbad nicht nur vorgestellt, sondern es tatsächlich miterlebt. Damals, als sein Vater vor Rüdigers Augen die gesamte Familie ermordete, und nur ihn am Leben ließ.

„Ihre Erzählungen klangen wie ein Horrorfilm“
Kai Jochheim ist Mitarbeiter beim Essener Projekt „support 25“. Als psychologischer Berater arbteitete er über ein Jahr lang an psychischen Problemen von Arbeitslosen. Noch immer muss er schlucken, wenn er an seine Begegnungen mit Yasmin und Rüdiger denkt. Er war daran beteiligt, dass die Krankheiten der beiden entdeckt wurden, sprach mehrmals mit ihnen. „Ich hatte danach selbst ein paar Nächte lang Alpträume, ihre Erzählungen klangen wie ein Horrorfilm“, gibt er zu. Kai ist selbst erst 25, Medizinstudent an der Essener Uni und Doktorand. Über ein Jahr lang forschte er für seine Doktorarbeit. Allerdings nicht wie viele seiner Kommilitonen im Labor, sondern mitten im Leben.

Sein Arbeitsplatz: Die Lützowstraße 49. Hier, tief im sozialen Brennpunkt des Essener Nordens, liegt das JobCenter (ehemals Arbeitsamt), und genau dort, in der U25-Abteilung, hat Kai sein Büro. Geräumig und freundlich ist es dort, ein wenig chaotisch, aber dennoch gemütlich. In den Nebenzimmern sitzen die Beamten des JobCenters. Jeder von Kais Patienten ist anders, und doch haben sie alle Gemeinsamkeiten mit Yasmin: Sie sind zwischen 16 und 25 Jahren alt, sie sind Langzeitarbeitslose und sie haben psychische Probleme, sind krank. Wissen tun das die wenigsten von ihnen.

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Viele Menschen, die in die Arbeitsagenturen und JobCenter kommen, sind unfähig zu arbeiten.

JobCenter-Beamte merkten, dass etwas nicht stimmt
Die Patienten kommen aus den Nebenzimmern. Mehr oder weniger regelmäßig erscheinen sie dort bei den Beamten des JobCenters, um sich Gelder abzuholen oder zum x-ten Mal nach Arbeit Ausschau zu halten. „Bei diesen Treffen haben die Beamten irgendwann festgestellt, dass mit vielen der jungen Langzeitarbeitslosen etwas nicht stimmt“, erzählt Kai. Deshalb wurde im März 2007 das Projekt „support 25“ vom JobCenter Essen, von der Rheinischen Klinik Essen und von Kais Professor und Chefarzt Dr. Hebebrand ins Leben gerufen.

„Natürlich ging es mir zunächst um die Forschung. Ich wollte wissen, was zuerst da war: Die Arbeitslosigkeit oder die psychischen Krankheiten.“ Nachdem ein Psychologe und ein Psychiater erste Gespräche mit den Betroffenen geführt haben, sollten diese zu Kai geschickt werden. Der wollte sie mit Fragebögen und in persönlichen Gesprächen analysieren, sie an Therapeuten vermitteln, ein bisschen forschen, und dann mit seinen Ergebnissen seine Doktorarbeit verfassen. Sehr schnell merkte er jedoch: Es ist nicht möglich, einfach nur zu forschen. Viel zu intensiv waren die Gespräche mit den Betroffenen, viel zu hart die Schicksale der jungen Menschen. „Denn was ich dort erlebt habe, war so erschreckend, dass es einen wütend macht. Mir war schnell klar, dass ich den Leuten wirklich helfen möchte“, sagt Kai heute.

„Wir sind sehr naiv an die Sache herangegangen“
Etwas später als Kai stiegen Nora Bartels und Anna Weitel in die Forschungsarbeit im JobCenter ein. „Wir sind anfangs sehr naiv an die Sache herangegangen“, erzählen alle drei. „Wir haben gedacht, dass so etwas nur in Einzelfällen im Fernsehen passiert.“ Dass es aber hier in Essen so unglaublich viele Fälle gibt, das hätten sie niemals vermutet. 97 Prozent der jungen Langzeitarbeitslosen haben eine psychische Störung, 35 Prozent sogar mehrere auf einmal. Schnell fanden die Doktoranden heraus, dass die Ursachen so erschreckend wie vielseitig sind: Schwere Familienverhältnisse, mangelnde soziale Struktur, Vernachlässigung, Gewalt in der Familie (bei über der Hälfte) und sexueller Missbrauch (bei 16 Prozent) sind bei vielen an der Tagesordnung. „Deshalb haben viele nie gelernt, ihren Tag zu strukturieren. Sie leiden an Schlafstörungen, Manie oder Depressionen und flüchten sich in Alkohol oder Drogen und Selbstverletzungen“, berichtet Anna. Manche kriegen in der U-Bahn Angstzustände und halten deshalb keine Verabredungen ein, andere haben Mord in der eigenen Familie miterlebt und können keine sozialen Kontakte pflegen. Verwunderlich ist es nicht, dass sie nicht fähig sind zu arbeiten.

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Nach über einem Jahr im JobCenter werten die Studenten nun ihre Ergebnisse aus.

Erster Selbstmordversuch bereits mit zwölf Jahren
Etwa vier Mal kam während der Forschungsphase jeder Patient für eine dreiviertel Stunde zu einem der Doktoranden. „Wir waren sehr überrascht, wie offen die Menschen zu uns waren. Es war erschreckend, dass viele noch nie vorher mit jemandem über ihre Probleme gesprochen haben“, erklärt Nora. Auffällig häufig drehte sich das Gespräch auch um das Thema Selbstmord. Ganze 27 Prozent haben bereits einen Suizidversuch hinter sich.

So wie Christina (Name von der Redaktion geändert). Ihr „erstes Mal“ war mit zwölf. Damals trank sie eine ganze Flasche Reinigungsmittel. Ihre Mutter lachte sie nur aus. Nora war es, die Christina Jahre später von einem erneuten Selbstmordversuch abhielt. „Ich war alleine mit ihr und sie sagte, sie denke darüber nach, sich noch am selben Tag aus dem Fenster zu stürzen. Ich bin ganz schön ins Schwitzen gekommen, denn ich wusste nicht, in wie weit ich sie alleine lassen konnte“, erinnert sich Nora. Genau wie Kai und Anna hat sie durch die Konfrontation mit der Praxis ihr Blickfeld erweitern können. Nicht zuletzt deshalb, weil Christina ihrem Rat folgte, und sich behandeln ließ. „Man kann vielen Menschen schon spontan Lasten nehmen, wenn man einfach mit ihnen redet.“

Öffentlichkeitsarbeit für die Sicherung des Projekts
Auch wenn es Christina inzwischen besser geht, machen die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit die Doktoranden fassungslos. „Es ist Wahnsinn, dass die Probleme der Jugendlichen wenn überhaupt erst dann entdeckt werden, wenn sie einen Job suchen und dabei scheitern.“ Deshalb fordern die drei nun öffentlich stärkere Auflagen für den Besuch beim Kinderarzt, gründlichere Arbeit des Jugendamtes und vor allem die finanzielle Sicherung und Ausweitung des Projektes „support 25“. „Jedes Jahr aufs Neue wird gebangt, ob das Projekt vom Land überhaupt noch weiter unterstützt wird. Dabei besteht ein enormer Behandlungsbedarf. Denn man kann den Jugendlichen dadurch tatsächlich helfen.“ Dessen sind sich die Medizinstudenten sicher. Sie haben 100 der circa 300 Patienten nach einem Jahr noch einmal zu sich bestellt und ihnen die gleichen Fragebögen wie zuvor vorgelegt. 71 Prozent ging es nach den mehrmonatigen Therapien in Kliniken und bei Psychologen besser, über die Hälfte hatte einen besseren Einstieg ins Berufsleben.

Auch Yasmin geht es mittlerweile besser. Wie viele andere hat sie nach den Gesprächen mit Kai, Nora und Anna ihre Krankheit durch Therapien bekämpft. Blutige Horrorszenarien sieht sie heute nicht mehr. Doch ob sie einmal vollkommen geheilt sein wird, ist nicht abzusehen, zu spät wurde ihr Leiden entdeckt. Aber die Doktoranden sind sich sicher: „Besser spät als nie.“

Text und Fotos: Sophie Mono

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