Eine Liebeserklärung an die Couch

In einem selbstgebauten Bungalow in luftiger Höhe aufwachen, einer forensischen Wissenschaftlerin bei der Kriminalarbeit zusehen – das passiert nicht jedem. Pauline schon: Sie hat sich in die Welt des Couchsurfings gewagt. Zunächst war sie skeptisch, ließ sich dann aber zu ihrem ersten Trip überreden und tauchte in kuriose Welten ein.

Nur durch Jody verlor Pauline ihre Vorurteile gegenüber dem Couchsurfing. Foto: Pauline

Nur durch Jody verlor Pauline ihre Vorbehalte gegenüber dem Couchsurfing. Foto: Pauline Schröter

Während eines Auslandssemesters in Australien lernt Pauline Jody kennen. Ob beim Spaziergang, beim Kochen oder beim nächtlichen Bier in der Bar: Immer wieder redet Jody mit einer unendlichen Begeisterung über das Couchsurfing. Pauline ist zunächst kaum angetan: „Bei Fremden auf der Couch schlafen?“, dachte sie sich. „Ja komm, geh dir noch ein Bier holen und lass mich in Ruhe.“ Aber irgendetwas löst Jody mit seinen verträumten Geschichten wohl doch in ihr aus: Ein paar Spaziergänge und viele Gedanken später stecken Pauline und Jody mitten in der Planung für eine Route durch die Wohnzimmer der australischen Ostküste. „Nach dem Trip war ich auch Feuer und Flamme, es war sehr sehr cool,“ sagt Pauline lächelnd.

Wissenschaftler und Schwulenbars

Nach ihrem ersten Mal auf der Couch reist Pauline auch alleine von Sofa zu Sofa. Was sie dabei manchmal erlebt hat, kann sie heute kaum noch glauben. Auf einer Reise nach Adelaide kommt sie beispielsweise in eine Couchsurfing-Wohnung voller wirrer Blätter, Zeichen, Analysen. Eine forensische Wissenschaftlerin empfängt Pauline und führt sie in die Welt der Kriminalanalyse ein. „Ich hab mich fast gefühlt wie bei CSI. Sie hat mir alles genau erklärt, das war echt spannend.“ Abends wird sie von der Wissenschaftlerin auf einen Drink mit Freunden in eine Bar eingeladen. Stadt anschauen, nette Leute kennenlernen, ein bisschen abhängen: Gespannt macht sich Pauline auf den Weg. Nach endlosen Irrwegen durch die dunkle, völlig fremde Gegend kommt sie in der Bar an. Und muss erst einmal stocken, als sie sieht: Es ist eine Schwulenbar: „Alle ihre Freunde waren schwul! Man weiß einfach nie, was einen erwartet“, erzählt sie lachend.

Pauline bei ihrer Reise auf der Great Ocean Road. Foto: Pauline xy

Pauline bei ihrer Reise auf der Great Ocean Road. Foto: Pauline Schröter

Manche denken anders über das Couchsurfing, zum Beispiel hier: eine Kneipe, gemütliches Studententreffen. Das Wort Couchsurfing fällt. Einige nicken wissend und teilen wohlwollend mit, man wärme gerade einen alten Lappen auf. Man sei auch in der Community angemeldet, es würde sich aber sowieso keiner melden, vielleicht einmal im Jahr. Andere sind ähnlich befremdet wie anfangs Pauline. „Couchsurfing? Hört sich cool an, wäre mir aber zu heftig. Dann schläfst du und es raubt dich irgendeiner aus. Hätte ich keinen Bock zu.”

Wirklich so gefährlich?

Dazu kann Pauline nur mit den Schultern zucken. Bei der Frage nach den Gefahren seufzt sie und sagt: „Natürlich ist es schon mal vorgekommen, dass etwas passiert. Aber wer sich wirklich ernsthaft mit Couchsurfing befasst, kann vorsorgen. Dazu gibt es eine Reihe von Sicherheitssystemen auf der Seite.“ Auf den Profilen hinterlassen Surfer Referenzen, die nicht gelöscht werden können. Durch die Zentrale in San Francisco kann jeder seinen Wohnort verifizieren lassen. Das so genannte „Vouchen“ zeigt, wer vertrauenswürdig ist. „Gevoucht wirst du nur von jemandem, der dir so traut, dass er dir sein Leben anvertrauen würde“, sagt Pauline überzeugt. Je mehr Voucher also, desto besser. Die Vorbehalte gegen Couchsurfing sind womöglich trotzdem gerechtfertigt. Aber für Pauline stehen die positiven Erlebnisse im Vordergrund.

Das selbstgebaut Bungalow auf dem Apartmenthaus von innen. Foto: Pauline

Das selbstgebaut Bungalow auf dem Apartmenthaus von innen. Foto: Pauline Schröter

New York: Professorin in Wellblechbungalow

Da ist zum Beispiel die Geschichte von einem Bungalow über den Dächern New Yorks. Pauline reist mit ihrem Freund Jody in die Großstadt. Vor der Anreise bekamen die beiden die Information, ihre Unterkunft befände sich in einem hohen Apartmentgebäude, ganz oben. „Da gab’s keine Klingel und keinen Aufzug. Wir sind dann einfach Treppen hochgelaufen, Treppen hochgelaufen, Treppen hochgelaufen…“, sprudelt es nur so aus Pauline heraus. „Irgendwann kamen wir oben auf dem Dach raus und dachten uns: Was soll denn das jetzt?“ Bis sie – in der luftigen Höhe – einen Bungalow entdecken. Und eine Professorin, die mit einer Katze, einem Hund und allerlei Vögeln dort wohnt. „Und das alles mitten in New York! Sie hat erzählt, dass sie den Bungalow aus verschiedensten Materialien selbst zusammengebaut hat!“, erzählt Pauline, als könnte sie es heute immer noch nicht glauben.

Wer so reist wie Pauline, muss mit allem rechnen. Vor allem aber muss man beim Couchsurfing Vertrauen in den Menschen haben: „Ein gewisses Restrisiko wird immer bleiben. Aber ich hab‘ durch Couchsurfing schon so viel Tolles erlebt, was ohne einfach nicht möglich gewesen wäre“, sagt Pauline. Deswegen ist für sie eines ganz klar: Mal was wagen, eine Reise planen, Rucksack auf, in die Welt hinaus und Couchsurfen. Es lohnt sich.

Von Isabel Sonnabend