Theater: Perestroika im Bühnenlicht

Es begann 1978, sagt Hans-Werner Engel. Ein deutsches Theater reiste damals in die Sowjetunion. Mit offizieller Erlaubnis des Kreml spielten sie das Nachkriegsdrama „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert. Damals, sagt Engel, damals hat es begonnen. „Die Russen hatten ja nicht geglaubt, dass die Deutschen im Krieg auch gelitten haben. Aber als sie das Stück sahen, haben sie verstanden, dass das Leid auf beiden Seiten war. Viele sagen, das war der Beginn der deutsch-russischen Entspannung.“

Beckmanns gespaltenes Ich: Wer sieht, wer sieht nicht? Michael Creutz (vorne) mit Adam Hildenberg. Foto: Bernd Müller.

Schritt ins Unbekannte: Michael Creutz (vorne) mit Adam Hildenberg. Foto: Bernd Müller.

Staatenfreundschaft durch Theater? Es ist schwer zu sagen, wo bei dem Ereignis die Legende anfängt. Doch die Idee, und das weiß Hans-Werner Engel, ähnelt frappierend dem Projekt, das er selbst in den letzten drei Jahren organisiert hat. Eine Kooperation zwischen deutschem und russischem Theater. Wieder ein Auftritt in Russland. Wieder mit dem Stück „Draußen vor der Tür“. Und wieder ein Projekt, das seine Spuren hinterlassen hat.

1.000 Kilometer zum Spielort

„Bei der dritten Probe hat Herr Engel uns gesagt: Wir fahren übrigens nach Smolensk“, sagt Michael Creutz. Der Schauspieler des Schloss-Spiel-Ensembles bei Hagen war platt. „Ein Auswärtsspiel in tausend Kilometer Entfernung, das hab ich auch noch nicht gehabt.“ Die Regisseurin der Smolensker Studenten-Gruppe „Miracle“ hatte mit Engel die Idee entwickelt. Zuerst ging es nur um ihre russische Gruppe. Die wollte das Stück auch auf Deutsch proben, um damit in der Partnerstadt Hagen aufzutreten.

Doch Engel hatte eine andere Idee. „Ich habe gedacht: Wenn die Russen das Stück spielen, können wir das auch.“ Im Rahmen des Ruhr.2010- Projekts „Twins“, das sich gezielt an Partnerstädte richtet, beschlossen sie, das Stück auch mit der Hagener Gruppe einzuüben. Die Russen spielten in Deutschland. Die Deutschen spielten in Russland.

Russen spielen ein Stück über deutsche Kriegsheimkehrer

Die deutsche Schauspielgruppe erlebte in Russland bewegende Momente. Foto: Bernd Müller.

Die deutsche Schauspielgruppe erlebte in Russland bewegende Momente. Foto: Bernd Müller.

Zunächst gab es aber einige Hürden. Vor allem das Thema schien nicht leicht vermittelbar. In „Draußen vor der Tür“ geht es um einen deutschen Kriegsheimkehrer namens Beckmann, der in der Gesellschaft keinen Platz mehr findet. Creutz spielt die Rolle des optimistischen Seelenteils von Beckmann, im Stück „der Andere“ genannt. Es ist ein tiefgründiges, geschichtslastiges Werk – und ein sehr deutsches. Ob die Russen sich damit identifizieren könnten?. Und dann war da noch die Sprache: Würden die Russen das Stück trotz geringer Deutschkenntnisse verstehen?

Zur Premiere kommen gleich drei Fernsehteams

Die Aufführung sollte Antworten geben. Die Hagener traten im Smolensker Kammertheater auf, ein Theater, das 300 Zuschauer fasst. Doch als an jenem Abend die Kassen öffneten, standen 800 Leute Schlange. Drei russische Fernsehteams kamen, um zu filmen. Der Andrang überwältigte die Hagener Schauspieler. Noch viel mehr aber faszinierte Michael Creutz die Reaktion auf das Stück: „Wenn man die Begeisterung der Leute sieht, obwohl das Deutsch für sie schwer zu verstehen ist, das ist toll. Wir Deutschen kriegen jeden Tag unsere Geschichte um die Ohren geknallt. Aber die Russen wollten das deutsche Kriegstrauma wirklich verstehen. Sie wollten sich damit auseinander setzen. Wir hatten so schnell einen so guten Draht zum Publikum. Man konnte die Begeisterung förmlich mit Händen greifen.“

Nächtliche Diskussionen

Wie aber verstanden die Zuschauer das Stück? Was war mit der Sprachbarriere? Hans-Werner Engel hat eine Theorie: „Die Russen haben noch ein ganz anderes Gespür für Gefühle als wir. In Deutschland muss man denen die Gefühle vor die Schwarte knallen. Die Russen spüren die feineren Töne.“ Sie begriffen den Inhalt nicht über die Sprache, sondern über Emotion. Die Worte folgten später.

„Eine Frau hat uns erzählt, dass sie die ganze Nacht mit ihrem Sohn darüber diskutiert hat.“ Am nächsten Tag suchten auch die Hagener das Gespräch: Sie luden das Smolensker Publikum zu einer gemeinsamen Diskussion. Dabei konnten auch die Deutschen lernen. „Ich war erstaunt“, sagt Creutz. „Die Russen waren so kritisch. Viele empfinden die Sowjets als viel schlimmer als die Deutschen. Mein Gastgeber hat mir später gesagt: „Passt immer auf, was in euren Geschichtsbüchern steht.“

Die gemeinsame Geschichte prägte den ganzen Aufenthalt. Bei einem Spaziergang durch die Innenstadt etwa wurde Creutz plötzlich von einem seiner Kollegen angesprochen. „Er hat zu mir gesagt: An der Stelle, wo wir gerade stehen, hat mein Großvater in Uniform gestanden.“ Es waren Augenblicke, die alle Teilnehmer berührten. Hans-Werner Engel erinnert sich an einen anderen Aufenthalt: „An meinem letzten Tag hat die Großmutter in meiner Gastfamilie plötzlich zu mir gesagt: „Auf Wiedersehen, mein lieber Mann.“ Auf Deutsch. Und keiner aus der Familie wusste, dass sie Deutsch kann.“ Sie hatte es seit dem Krieg nicht mehr benutzt.

Sprachaustausch beim Feiern

Verständigung durch Theater - trotz Sprachbarriere. Foto: Bernd Müller.

Verständigung durch Theater - trotz Sprachbarriere. Foto: Bernd Müller.

Doch nicht nur die Russen, auch die Deutschen erweiterten ihre Sprachkenntnisse. „Die Russen lieben es ja unheimlich, zu feiern“, erzählt Hans-Werner Engel. „Sie haben sich riesige Mühe gegeben und sogar Sänger eingeladen. Da mussten wir natürlich auch singen. Das wird erwartet. Sie haben uns den Text vorgesagt und wir haben Russisch gesungen. Die Russen haben sich kaputtgelacht.“

Im Jahr zuvor waren die Russen in Deutschland gewesen.  Das größte Kompliment hätte ihn eine Gruppe Schulkinder gemacht, sagt Engel. „Sie sind vor 500 Schülern aufgetreten. Und die ganze Zeit über war es muchsmäuschenstill. Dazu gehört schon einiges. Die Russen waren überwältigt.“

Gemeinsamer Schluss in Hagen

Diesen Sommer kommen die russischen Schauspieler wieder nach Hagen, zumindest Teile der Gruppe. Zum Kulturhauptstadt-Jahr haben sich die Hagener einen besonderen Schlusspunkt ausgedacht: Das Stück soll am 25. Juni gemeinsam gespielt werden. Der russische Hauptdarsteller Andrej Kurganov wird kommen und Teile des Textes abwechselnd mit dem deutschen Hauptdarsteller sprechen. „Er ist ein ganz genialer Künstler“, sagt Engel. Der deutsche Text bereitet Kurganov mittlerweile keine Probleme mehr. Er kann zwar kein Deutsch, aber zum Lernen fand er eine kreative Lösung: „Er hat sich den Text in Lautschrift auf die Unterarme geschrieben.“

Vielleicht sind die Hagener am Ende legitime Nachfolger der Gruppe, die 1978 in der Sowjetunion spielte. Zumindest haben die Schauspieler aus Hagen und Smolensk einen kleinen Beitrag zur Völkerverständigung geleistet – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Bis heute erinnert sich Hans-Werner Engel an eine Frau, die ihn am nächsten Tag ansprach. „Sie sagte: Ich kann zwar kein Deutsch, aber dennoch habe ich alles begriffen. Und am Ende konnte ich nichts sagen und bin weinend nach Hause gegangen.“

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