Mythos kreative Bewerbung: Achtung, Gefahr!

Sehr geehrte Damen und Herren, mit großem Interesse habe ich Ihre Anzeige gelesen und bewerbe mich hiermit auf die freie Stelle. Ich bin besonders ehrgeizig und kommunikativ, meine Stärken sind Teamfähigkeit und fachlichen Kompetenz.

Die Standardeinleitung für die Standardbewerbung. Hat jeder schon einmal selbst geschrieben oder gelesen. So oder zumindest so ähnlich. „Ich freue mich auf eine positive Rückmeldung und verbleibe mit freundlichen Grüßen“, Lebenslauf, Zeugnisse, Poststempel. Ein wenig aussagekräftiges Portfolio.

„Christine, 27, strukturiert, kommunikativ, positiv denkend, sucht Job!“, steht mit Kugelschreiber auf einem gelben Haftnotizzettel geschrieben. Er klebt auf der Handfläche einer jungen Frau mit Hornbrille, die den ausgestreckten Arm lächelnd in die Kamera hält.  Christine Heller will sich beruflich umorientieren und in der Online-Kommunikation Fuß fassen. Die Kritzelei auf dem Haftzettel ist die Einleitung ihrer Bewerbung – einem knapp zweiminütigen Video, dass die digital-affine „Punktefrau“ auf ihrem gleichnamigen Blog ins Netzt gestellt hat.

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Christine Hellers Bewerbung ist nicht nur initiativ, in erster Linie ist sie kreativ. Eine individuelle Web-Kampagne mit Video, Infografik und Blogcharakter statt haptischer Bewerbungsmappe.

Das Internet macht´s möglich: Es schafft nicht nur neue Arbeitsstellen für Webdesigner oder Social Media Manager, das WWW verändert auch die Art und Weise der Jobsuche und -findung. Statt mit einer Stellenanzeige in der Zeitung rekrutieren heute viele Arbeitgeber ihre Bewerber über Karrierenetzwerke wie Xing oder LinkedIn, die meisten Unternehmen freuen sich auf eine „aussagekräftige Bewerbung per Mail“ oder verweisen direkt auf ein Onlineformular.

Moderne Medien als Plattform der Selbstdarstellung

Die Bewerbung 2.0 nutzt alle Trümpfe, die das Netzt aufbietet. Gerade in der Kreativ- und Werbebranche gilt es, sich und das eigene Können möglichst attraktiv zu präsentieren. Wer aus der Masse herausstechen und Eindruck hinterlassen will, dem stehen die Wege der modernen Medien offen. Kreativität ist das Stichwort.

Brandon Kleinmann bewirbt sich mit einer Facebook-Bilderstrecke

Brandon Kleinman präsentiert sich auf Facebook als Bewerber mit Visitenkarte 2.0. Teaserbild: Knorre, Fotos: Screenshot

Christine Hellers Web-Kampagne ist nicht die einzige ihrer Art: Brandon Kleinmann zum Beispiel hat seine Vita in eine Bilderserie auf Facebook verpackt, der Franzose Victor Petit verschickte Fotos mit integriertem QR-Code. Mit einem Onlineprofil in Amazon-Optik lässt sich Philippe Dubost „in den Warenkorb“ packen und als Web Product Manager plakativ einkaufen.

Auffallen um jeden Preis – ist das wirklich nötig? Muss es das aufwändig produzierte Video sein oder gleich eine ganze Web-Kampagne? Ist die „Normalo-Bewerbung“ auf weißem DIN A 4-Papier längst überholt?

„Wer in der Kreation eingestellt werden möchte, muss was können.“

Mehr als ein Dutzend Bewerbungen gehen täglich bei Jari Richardson ein, mindestens drei davon sind kreative. „Das ist normal“, sagt er. Der 24-Jährige ist Human Resource Manager bei BBDO Düsseldorf, einer der führenden Werbeagenturen auf dem deutschen Markt. „Wer in der Kreation eingestellt werden möchte, muss was können.“ In die Bewerbung gehöre demnach „alles was kreativ ist, zum Beispiel Kampagnen aus früheren Projektarbeiten, Scribbles (Zeichnungen, Anm. d. Red.), Plakate oder auch eigene YouTube-Channels.“

Hinten Lebenslauf, vorne Foto - und ein QR-Code lässt Victor Petits Bewerbung sprechen.

Hinten Lebenslauf, vorne Foto - und ein QR-Code lässt Victor Petits Bewerbung sprechen.

Bewerbungen in Form eines Reisepasses oder entfaltbaren Akkordeons lagen schon auf seinem Schreibtisch. „Das sind gute Catcher, kreative Bewerber bringen sich so ins Gespräch – das muss aber nicht unbedingt positiv sein“, gibt Richardson zu bedenken.

„Mit ihrer Bewerbung lenken sie die Aufmerksamkeit nicht ausschließlich auf ihre Stärken, sie betonen auch die Schwächen. Eine Interessentin hat ihren kompletten Lebenslauf gerappt: Die Texte waren gut, aber sie hat uns darüber hinaus keine vernünftigen Arbeitsproben geliefert, und wurde nicht eingestellt.“ So schön die Verpackung auch sei, letztendlich komme es auf die Qualität der Inhalte an.

„Knisterndes Papier in der klassischen Bewerbungsmappe ist was Handfestes“

Diese Auffassung scheint in der Kreativbranche verbreitet zu sein. Marc Scheunemann, seit drei Jahren Art Director bei der T.W.O. Agentur für Werbung und Markenprofil mit Sitz in Düsseldorf, muss „die Art und Weise der Bewerbung überzeugen. Ein schöner Rahmen schadet nicht, man kann sich damit aber auch schnell in die Nesseln setzten“, sagt er und spielt wie Richardson auf die Problematik des ungewollten Negativeffektes an.

Scheunemann bevorzugt die klassische Mappe gegenüber digitalen Bewerbungen. „Ich mag die Haptik, das knisternde Papier beim Umblättern. Das ist was Handfestes.“ Durch eine gut aufbereitete PDF-Datei klicke er sich jedoch auch, das sei mittlerweile schließlich Usus. Soziale Medien professionell in die Bewerbung einzubinden, hält der Art Director nicht für verkehrt. „So zeigt der Interessent, dass er sein Konzept durchdacht hat und präsentiert sich auf allen Kanälen so wie er gesehen werden möchte.“ Entscheidend sei trotz der aufwändigsten Bewerbung der „Nasenfaktor“ im persönlichen Gespräch. „Wenn die menschliche Ebene stimmt, klappt es auch bei der späteren Zusammenarbeit“, betont Scheunemann.

Philippe Dubost: Kreative Bewerbung in Amazon-Optik, Screenshot

Ein Web Product Manager zum Einkaufen: Philippe Dubost "verkauft" das Produkt Persönlichkeit in Amazon-Optik. Foto: Screenshot

Besser, bunter, bombastischer – ist die kreative Bewerbung nur ein Hype? Eine hippe Erscheinung im Zuge der sich ausbreitenden Medienkanäle?

„Kreativität hat nichts mit Medien zu tun“, sagt Irmgard Diephaus. „Kreativität besteht darin, ein gutes Bild von dem Bewerber zu zeichnen und dessen Geschichte spannend zu erzählen. Das geht ganz einfach mit den klassischen Bewerbungselementen Anschreiben, Foto, Lebenslauf. Die Wahl weiterer Medien hängt dann davon ab, wer die Bewerbung später in den Händen hält.“

Diephaus ist zertifizierter Business- und Bewerbungscoach, weiß „aus eigener Erfahrung, wie Personaler ticken.“ Diesen Empfänger zu erreichen und mit der persönlichen, auf den Job zugeschnittenen Geschichte zu überzeugen, sei das A und O einer guten Bewerbung. „Beim Lesen des Anschreibens entsteht das Bild des Bewerbers im Kopf des Arbeitgebers – hier muss die Botschaft übermittelt werden. Der Rest steht und fällt mit den Elementen wie dem Foto und nicht zuletzt dem Bewerbungsgespräch. Ob die Geschichte gefruchtet hat und authentisch ist, zeigt sich hier und nirgendwo anders.“

Kreativ mit den klassischen Bewerbungselementen umgehen, rät Irmgard Diephaus. Foto: Maike Knorre

Kreativ mit den klassischen Bewerbungselementen umgehen, rät Irmgard Diephaus. Foto: Maike Knorre

Videos und QR-Codes sind im mittelständischen Logistikunternehmen hinderlich

Die Person und ihr Profil stehen im Vordergrund – das gilt vor allem in mittelständischen Firmen wie beispielsweise der Beumer Group, internationaler Hersteller von Intralogistik. Bei dem Familienunternehmen aus dem Ruhrgebiet sind medial aufwendig aufbereitete Bewerbungen eher hinderlich als nützlich, sagt Regina Schnathmann, zuständig für Public Relations und Kommunikation bei Beumer.

„Mit kreativen Formaten macht man uns eher Arbeit als Freude. Wir erhalten rund 4.000 Bewerbungen im Jahr und haben nur eine kleine Abteilung, um diese zu bearbeiten. Struktur und Vollständigkeit der Unterlagen ist wichtig, um den Überblick zu behalten.“ Zu diesem Zweck hat die Firma vor zwei Jahren ein elektronisches Bewerbungs-Tool eingeführt, das alle online eingegangenen Bewerbungen sammelt. „Videos oder QR-Codes sind da zu viel des Guten und verkomplizieren den direkten Zugang zu essentiellen Informationen.“

Unerwartetes Urteil der Personaler – ein Kompliment an die klassischen Werte

Hinderlich, ein Ablenkungsmanöver, unnötige Unkosten. Ein unerwartetes Urteil. Kreative Berufe sind in, die Werbebranche gefragt. Bewerber gibt es zahlreiche, originelle Ideen wie die von Christine Heller auch. Auffällig verpackte Bewerbungen sind dennoch kein Muss, die Personaler der großen Agenturen positionieren sich eindeutig: Kreative Bewerbungen sind „nice to have“, sagt Marc Scheunemann, „schön aber nicht entscheidend“, urteilt Jari Richardson.

Eine ernüchternde Wirkung für den Mythos Medienzwang, ein Kompliment an die klassischen Werte. So aufwändig die Aufmachung auch sein mag, letztendlich kommt es doch auf das an, was dahinter steht.

Weiterlesen: Bewerber, geht vom Gas! (Kommentar)

2 Comments

  • Paul sagt:

    Wenn man genauer drüber nachdenkt, ist das sogar ziemlich schlüssig. Ein Auto mit einem schönen Design ist auch „nice to have“, aber wenn der Motor nichts taugt dann kann es noch so gut aussehen, fahren will damit keiner. Optimal ist da natürlich eine kreative Bewerbung die gleichzeitig die Stärken des Bewerbers darstellt. Allerdings ist sowas sehr aufwändig und kommt auch nicht überall gut an. Ich bin trotzdem ziemlich froh, dass die meisten ihre Stimme der klassischen Bewerbung geben. Die meisten Bewerber stehen da schon vor einer Hürde, wenn derartige kreativ Bewerbungen zum Standard werden würden, hätte das keinen nutzen, weder für Unternehmen noch für Bewerber. Somit gilt weiterhin: Die perfekte Bewerbung transportiert einen relevanten und gut formulierten Inhalt und glänzt dabei durch orthografische Richtigkeit (http://www.deinebewerbung.de/unser_blog/perfektes-bewerbungsschreiben.page.htm). Sobald man diese Grundvorraussetzungen geschaffen hat, hat man immernoch die Möglichkeit ein kreatives extra zu setzen.

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