Tollwut – eine schäumende Krankheit

Von Schaumschlägern bis zum Quantenschaum. Foto: Stefanie Brüning

Von Schaumschlägern bis zum Quantenschaum. Foto: Stefanie Brüning, Teaserbild: flickr/stijn

Die gelben Schilder mit einem roten Fuchs sind wohl den meisten von uns noch bekannt: Tollwut-Impfgebiet. Als Kinder bekamen wir zu hören: „Wenn ein zahmes Wildtier kommt, darfst du es nicht anfassen. Es könnte Tollwut haben.“ In Deutschland ist dieser Hinweis inzwischen überflüssig. Viele Urlaubsorte, so auch EM-Land Ukraine sind jedoch nach wie vor betroffen.

Für die Fußball-EM will die Ukraine das Tollwutrisiko minimieren und die Straßen von streunenden Hunden "säubern". Foto: flickr/Dave Proffer

Für die Fußball-EM will die Ukraine das Tollwutrisiko minimieren und die Straßen von streunenden Hunden "säubern". Foto: flickr/Dave Proffer

Im Januar dieses Jahres machte die Tollwut mal wieder Schlagzeilen. Nicht mit einem spektakulären Krankheitsfall, sondern durch aufsehenerregende Vorsichtsmaßnahmen: „Massenmorde“ an Straßenhunden werfen Tierschützer der Ukraine vor. Ob die Tötungen von streunenden Hunden mit offizieller Billigung geschehen sind, lässt sich anzweifeln. Fakt ist jedoch, dass Kiew in Vorbereitung auf die EM die Straßen „säubern“ und das Tollwutrisiko minimieren möchte. So wurde zum Beispiel der Verkauf von Hunden und Katzen verboten.

Dennoch besteht ein Risiko für EM-Besucher: „Bei Auslandsreisen sollte man sich rechtzeitig über die Tollwutgefahr informieren. Am höchsten ist das Risiko in Indien, aber auch in der Ukraine und in Polen muss man vorsichtig sein“, erklärt Michael Roggendorf. Er ist Direktor des Instituts für Virologie an der Universität Duisburg Essen. Teil des Instituts ist das Konsiliarlaboratorium für Tollwut, das unter anderem dafür zuständig ist, in Verdachtsfällen zu untersuchen, ob tatsächlich eine Tollwutinfektion vorliegt. Außerdem berät das Institut Reisende zum Tollwutrisiko und möglichen Vorsichtsmaßnahmen. „Im Zweifel findet man auch bei der WHO Informationen zur Verbreitung von Tollwut im entsprechenden Land“, sagt Roggendorf. EM-Gästen rät die Weltgesundheitsorganisation WHO, sich von streunenden Tieren fernzuhalten und im Fall einer Bissverletzung sofort eine medizinische Notfallstelle aufzusuchen.

Bei Tollwutverdacht: Impfung

Besteht ein Tollwutverdacht, bekommt der Patient sofort eine Postexpositionsprophylaxe, kurz PEP. Dabei handelt es sich um eine Impfung, die unmittelbar nach der möglichen Infektion verabreicht wird und die den Ausbruch der Erkrankung verhindern kann. Da Tollwut bislang nicht heilbar ist, stellt eine rechtzeitige PEP die einzige Möglichkeit dar, das Leben des Infizierten zu retten. Dabei reicht die Zeit nicht aus, um festzustellen, ob das Tier überhaupt tollwütig war und ob eine Infektion stattgefunden hat. Die PEP wird daher auf Verdacht hin verabreicht. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO rettet die PEP nach einer Tollwutinfektion jährlich rund 327 000 Menschen weltweit das Leben.

Je näher die Verletzung am Gehirn ist, desto eher bricht die Tollwut aus. Foto: flickr/comedy_nose

Je näher die Verletzung am Gehirn ist, desto eher bricht die Tollwut aus. Foto: flickr/comedy_nose

Wenn man sich mit Tollwut infiziert und nicht rechtzeitig eine PEP erhält, dauert es in der Regel einen bis drei Monate, bis die Krankheit ausbricht. Zum Teil treten erste Symptome aber schon innerhalb einer Woche nach der Infektion auf, in anderen Fällen dauert es mehr als ein Jahr. Die Zeit zwischen Infektion und Ausbruch der Erkrankung hängt davon ab, wie schnell das Virus das Gehirn erreicht. Bei einer Verletzung im Gesicht bleibt weniger Zeit als wenn die Infektionsstelle am Fuß ist, bei einer tiefen Verletzung geht es schneller als bei einer oberflächlichen. Sobald das Virus im Gehirn angekommen ist, vermehrt es sich rapide und verursacht eine Gehirnentzündung. Erste Symptome sind Fieber sowie Schmerzen und Schwellung an der Infektionsstelle.

Wie entsteht der Schaum?

Der bekannte Schaum vor dem Mund tritt erst in einem späteren Stadium der Krankheit auf. Für die Bildung des Schaums spielen verschiedene Faktoren zusammen: „Bei Tollwut kommt es zu vermehrtem Speichelfluss“, erklärt Michael Roggendorf. Dies liegt daran, dass sich das Virus vom Gehirn aus über das Nervensystem im Körper ausbreitet und unter anderem auch zu den Speicheldrüsen gelangt. Doch mehr Speichel allein führt nicht zum Schaum. Hinzu kommt eine Rachenlähmung, so dass der Erkrankte nicht mehr Schlucken kann. Außerdem kann sich die Zunge krampfartig bewegen und schlägt den Speichel schließlich schaumig. Dieses Phänomen gibt es nicht nur bei Tollwut, sondern auch bei anderen Krankheiten wie Epilepsie und Vergiftungen.

Die Symptome sind nicht eindeutig

Typisch Tollwut? Nicht jedes tollwütige Tier wird aggressiv. Foto: flickr/chefjancris

Typisch Tollwut? Nicht jedes tollwütige Tier wird aggressiv. Foto: flickr/chefjancris

„Der Schaum vor dem Mund ist aber nicht das einzige Symptom bei Tollwut“, betont Roggendorf. Typisch sind außerdem Hyperaktivität, Reizbarkeit, Aggressivität und Verwirrtheit. Keines der Symptome muss jedoch zwangsläufig auftreten. Nicht immer verläuft die Tollwut tatsächlich „wütend“. Bei Mensch und Tier gibt es auch so genannte paralytische Verläufe, bei denen die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit nach und nach abnehmen, bis der Erkrankte ins Koma fällt und schließlich stirbt. Beiden Verläufen gemeinsam ist, dass das Gehirn sichtlich geschädigt wird.

Geringes Risiko in Deutschland

In Deutschland müssen wir allerdings wenig Angst vor Tollwut haben: Sechs Jahre ist es inzwischen her, dass ein Wildtier in Deutschland Tollwut hatte. Im Februar 2006 wurde die Krankkheit zuletzt bei einem Fuchs im Kreis Mainz-Bingen diagnostiziert. Bis 2008 wurden noch vorsorglich Impfköder ausgelegt um ein Wiederauftreten der Krankheit zu verhindern.

Von Füchsen geht in Deutschland derzeit keine Tollwutgefahr mehr aus. Foto: flickr/digitalprimate

Von Füchsen geht in Deutschland derzeit keine Tollwutgefahr mehr aus. Foto: flickr/digitalprimate

Seither gilt Deutschland nach den Kriterien der Weltorganisation für Tiergesundheit als tollwutfrei. Zwei Risikofaktoren gibt es trotzdem noch: Der erste sind Hunde, die illegal aus Tollwutgebieten eingeführt wurden. Der zweite Risikofaktor ist den meisten Deutschen unbekannt, in den USA hingegen spielt er eine große Rolle: Fledermäuse. Fledermäuse erkranken nicht an der klassischen Tollwut, sondern an einer anderen Form, der so genannten Fledermaustollwut. Diese ist ebenso tödlich wie die klassische Tollwut und kann auch in Deutschland noch auftreten.

„Das Risiko von einer Fledermaus gebissen zu werden, ist aber sehr gering, denn anders als Hunde oder Füchse greifen tollwütige Fledermäuse den Menschen nicht an“, sagt Michael Roggendorf. Wird man in Deutschland von einem Wildtier gebissen, besteht – anders als die meisten von uns erwarten – kaum ein Anlass, sich wegen einer möglichen Tollwutinfektion zu sorgen. „Grundsätzlich gilt, dass man sich nicht in Gebieten infizieren kann, in denen keine Tollwut mehr vorkommt“, heißt es im epidemiologischen Bulletin des Robert Koch Instituts. Schwieriger ist es bei Hunden: Im Zweifel muss mit dem Besitzer abgeklärt werden, ob ein Tollwutverdacht gerechtfertigt ist. Sollte man jedoch mit einer Fledermaus in Berührung kommen, ist ein Arztbesuch auf jeden Fall sinnvoll. So rät das Robert Koch Institut: „Kann ein relevanter Kontakt zu einer Fledermaus, d. h. ein Biss oder Kratzer nicht ausgeschlossen werden, so sollte in jedem Fall eine PEP verabreicht werden.“

Die Fledermaustollwut konnte bislang nicht ausgerottet werden. Das Risiko von einer Fledermaus "angefallen" zu werden ist aber sehr gering. Foto: flickr/eviltomthai

Die Fledermaustollwut konnte bislang nicht ausgerottet werden. Das Risiko von einer Fledermaus "angefallen" zu werden ist aber sehr gering. Foto: flickr/eviltomthai

Für Menschen, die beruflich Kontakt mit Fledermäusen haben, empfiehlt die Ständige Impfkommission sogar eine vorsorgliche Impfung, die von Zeit zu Zeit aufgefrischt wird, so wie wir es zum Beispiel auch von der Tetanus-Impfung kennen. Diese Empfehlung gilt außerdem für Laborpersonal, das mit Tollwutviren arbeitet. Jäger hingegen müssen sich seit 2010 vorerst nicht mehr impfen lassen, so lange es keine neuen Tollwut-Fälle in Deutschland gibt.

Noch immer sterben nach Angaben der WHO jährlich etwa 55 000 Menschen an Tollwut, davon 20 000 allein in Indien. „Es gab Forschungen zu Medikamenten, die aber alle nicht erfolgreich waren“, sagt Michael Roggendorf. Nach wie vor ist die Tollwut also unheilbar. Dennoch besteht Hoffnung: Durch große Impfkampagnen kann es gelingen, die Tollwut weltweit auszurotten.

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