Selber anpacken, statt sich auszukotzen

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Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Das dachten sich auch Orens Avdimetaj, Anna Gerlach und Jost Rudloff. Die Lehramtsstudenten geben in ihrer Freizeit Deutschunterricht für die Flüchtlinge in der Dortmunder Adlerstraße. Innerhalb weniger Monate ist der ehrenamtliche Unterricht zu einem einem Vorzeigeprojekt geworden – auch wenn die Stunden mitunter etwas ungewöhnlich ablaufen.

Was sind deutsche Possessivpronomen? Anna Gerlach versucht es dem Pakistani Milo* auf Englisch begreiflich zu machen. Und während dieser sein Verständnis der besitzanzeigenden Fürwörter an seinen Landsmann weitergibt, vermittelt Orens Avdimetaj auf Armenisch Yasin* denselben Sachverhalt. Der Syrer Adel* wiederum hat die englische Erklärung verstanden und gibt sie auf Arabisch an die Afghanen am Tisch weiter. Bakru* dagegen, eine über 60-jährige Sinti und Roma, spricht nur Rumänisch. Hier müssen Hände und Füße zur Vermittlung reichen.

Was wie eine Szene aus dem Turmbau zu Babel klingt, ist tatsächlich Deutschunterricht im Dortmunder Flüchtlingsheim an der Adlerstraße. Mit dem Unterschied, dass die Flüchtlinge erfolgreich an ihren Deutschkenntnissen bauen.

Vorbildfunktion für andere Flüchtlingsheime

Foto: Ulrike Märkel

Organisator Jost Rudloff. Foto: Ulrike Märkel

Das Flüchtlingsheim im Unionviertel gilt als vorbildlich – in vielerlei Hinsicht. Schon beim Bürgerdialog zur Eröffnung der Notunterkunft im vergangenen November war die Atmosphäre von Hilfsbereitschaft statt Ablehnung geprägt. Heute erkunden sich neugierige Flüchtlingsheime aus anderen Stadtteilen, warum es an der Adlerstraße einen funktionierenden Deutschunterricht gibt.

Der Grund für die Sprachstunden heißt Jost Rudloff. Der 24-Jährige ist wie Gerlach und Avdimetaj Lehramtsstudent an der TU Dortmund. In die Rolle des Organisators ist er hineingerutscht: „Ich wohne in der Nähe. Und als ich damals gehört habe, dass ein Flüchtlingsheim in meine Nachbarschaft kommen soll, habe ich mich selbst dabei ertappt, dass mein zweiter Gedanke war: Hm, was, kommt da auf uns zu?“ Vielleicht ein natürlicher Reflex dem Fremden gegenüber, wie Rudloff glaubt. „Jeder hat Vorurteile, auch ich. Aber ich habe mir moralisch auf die Finger geklopft und mich gefragt: Wie kann ich helfen?“

Langfristiges und regelmäßiges Konzept

In Zeiten, in denen Bürgerbewegungen wie Pegida Tausende Menschen mobilisieren, suchte Rudloff nach einem Weg, wie er sich für Toleranz und Integration einsetzen kann. „Bevor ich mich bei Facebook darüber auskotze, wie schlimm alles ist, wollte ich meinen eigenen Kieselstein ins Rollen bringen.“ So nahm sich der angehende Lehrer vor, Deutschunterricht für die Flüchtlinge zu organisieren.

Improvisationstalent ist bei den Lehrern gefragt. Die Unterrichtsmaterialien müssen sie sich selbst zusammensuchen. Foto: Andreas Neuhaus

Improvisationstalent ist bei den Lehrern gefragt. Die Unterrichtsmaterialien müssen sie selbst zusammensuchen. Foto: Andreas Neuhaus

Rudloff fragte im Kreis seiner Studienkollegen herum, startete zusammen mit seiner Mitstudentin Angela Runge einen Aufruf bei Facebook, und eines Abends trafen sich 16 angehende, aktuelle und ehemalige Lehrer bei ihm zu Hause. „An dem Abend haben wir ein Konzept erstellt. Unser Anspruch war es, ein langfristiges und regelmäßiges Angebot zu etablieren“, erklärt Rudloff. Acht unterschiedliche Lerngruppen gibt es mittlerweile: Grund- und Vorschüler, Teenies, 16- bis 50-Jährige mit beziehungsweise ohne Englischkenntnisse, über 50-Jährige, Analphabeten und Fortgeschrittene. Jede Gruppe erhält zweimal wöchentlich Unterricht und arbeitet auf feste Lernziele hin.

Manchmal müssen Hände und Füße vermitteln

Anna Gerlach und Orens Avdimetaj unterrichten die 16- bis 50-Jährigen ohne Englischkenntnisse. „Wir versuchen sie darauf vorzubereiten, sich in einfachen Alltagssituationen wie Behördengängen verständigen zu können. Dass sie zum Beispiel sagen können, wie sie heißen und woher sie kommen“, erklärt Gerlach.

Ihre Deutschstunde hält Anna Gerlach in einem improvisierten Klassenraum. Er ist zugleich die Heimküche. Foto: Andreas Neuhaus

Ihre Deutschstunde hält Anna Gerlach in einem improvisierten Klassenraum. Er ist zugleich die Heimküche. Foto: Andreas Neuhaus

Was sich theoretisch simpel anhört, ist praktisch deutlich schwieriger. „Bei den Schülern ohne Englischkenntnisse haben wir teilweise keine gemeinsame Ebene, auf der wir uns verständigen können“, berichtet Gerlach. Einige Flüchtlinge in der Gruppe haben zumindest rudimentäre Englischkenntnisse, andere wiederum sprechen Albanisch. Hier kann Orens Avdimetaj vermitteln. Er hat selbst einen Migrationshintergrund und spricht Armenisch. Manche Sachen müssen allerdings mit Händen und Füßen erklärt werden, wie Anna Gerlach schmunzelnd sagt. „Vergangene Woche habe ich versucht zu erklären, was Geburtstag ist. Da habe ich zum Schluss eine Frau im Kreißsaal gemalt, die ein Baby bekommt.“

Vergleichsweise laut geht es in dem Klassenzimmer zu. Kein Wunder, wenn jeder Arbeitsauftrag in einer anderen Sprache weitergegeben werden muss. Zudem kommen mehrfach andere Heimbewohner herein, um sich einen Tee zu machen. Das provisorische Klassenzimmer des Flüchtlingsheims – eine ehemalige Abendrealschule – ist die Küche. Wenn Anna Gerlach auf einer Tafel Vokabeln erklärt, leuchtet hinter ihr die Spülmaschine rot auf – das Geschirr ist durchgelaufen.

Ab Februar neue Lernräume im Haus der Vielfalt

Manchmal ist für die Vermittlung von Wissen auch Zeichentalent gefragt. Foto: Andreas Neuhaus

Manchmal ist für die Vermittlung von Wissen auch Zeichentalent gefragt. Foto: Andreas Neuhaus

„Wir mussten uns von einigen Dingen innerlich verabschieden, die in Sachen Ordnung und Organisation für uns selbstverständlich sind“, sagt Gerlach. Frustrierend ist das aber nie. „Wir erleben so viel Dankbarkeit. Man merkt, wie froh die Menschen sind, dass sie ein paar Mal in der Woche bekannte Gesichter sehen.“ Und ab Februar stehen für den Unterricht einige Straßen weiter extra Räumlichkeiten im Haus der Vielfalt zur Verfügung.

Der Unterricht regt die Lehrer aber auch zur Selbstreflexion an. „Man nimmt das eigene Aufwachsen ganz anders wahr“, erklärt Jost Rudloff. „Wir hatten hier in der Adlerstraße ein kleines Mädchen, das mit ihrer Familie aus Syrien geflüchtet ist. Sie hatte ihr Leben lang Geige gespielt, musste die Geige aber auf der Flucht zurücklassen. Das ist mir schon nahe gegangen.“ Gewinner sind somit nicht nur die Flüchtlinge. Auch die Lehrer lernen, allerdings fürs Leben.

 

Teaserbild: Andreas Neuhaus
* Die Namen der Flüchtlinge wurden von der Redaktion verändert.

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