Frankreich bewegt sich

Foto Artikel Mobilisierung 2 (Paul Conge)Den 7. Januar 2015 hätten viele Franzosen am liebsten nie erlebt und aus dem Kalender gestrichen. Die Anschläge auf die Satirezeitung Charlie Hebdo ließen das Land den Atem anhalten. Die Menschen lassen sich nicht einschüchtern und gehen auf die Straße. Unsere französische Erasmus-Studentin Mélanie Volland berichtet:

Zuerst waren es spontane Treffen. In ganz Frankreich wollten die Menschen einfach ihre Trauer und ihr Mitgefühl nach dem Angriff auf die Redaktion von Charlie Hebdo ausdrücken. Doch nach dem Attentat in Paris gibt es in der französischen Bevölkerung eine noch nie da gewesene Mobilisation. Zu Tausenden demonstrieren die Menschen, zeigen Solidarität, gehen für das Gute auf die Strasse.

Eine genaue Teilnehmerzahl der Demonstrationen anzugeben, ist unmöglich. Allein in der Woche des 7. Januars gab es mehrere Tage der Mobilisierung, auch mehrere spontane Versammlungen. Alleine am Sonntag, 11. Januar, haben in ganz Frankreich mindestens 3,5 Millionen Menschen demonstriert. Mehr als je zuvor.

Die Bewegungen haben direkt nach dem Attentat angefangen – mit der Absicht, die Opfer des Anschlags auf Charlie Hebdo zu ehren und die Meinungsfreiheit zu wahren.  Aurélie, die in Lyon studiert, hat an der spontanen Zusammenkunft auf dem Place des Terreaux teilgenommen. Sie sagt: „Mehr als 30.000 Leute haben sich an diesem Abend versammelt, um ihre Verachtung und Empörung zu zeigen. Sie hatten Kerzen dabei, tausende Stifte, die sie in den Himmel reckten, und Spruchbänder mit dem Slogan Je suis Charlie.“ Die Stifte: ein Symbol für die Meinungsfreiheit. Gleichzeitig wurden sie zum Symbol der Mobilisierungen. Sie sollen, verglichen mit den Waffen der Terroristen, zeigen, dass ein gezeichnetes Bild in keinem Verhältnis zu einer Ermordung steht. 

Eine Demonstration der Einheit 

Die große Mobilisierung in Frankreich und auch im Ausland hat viele Leute überrascht und ergriffen. Niemand hat eine so große Anteilnahme erwartet: „Hunderttausende, sogar Millionen Menschen in ganz Frankreich zu sehen, die aus denselben Grundprinzipien handeln, hat einen unglaublichen Effekt.“, sagt Paul, der in Toulouse mehrmals demonstriert hat. 

Foto Artikel Mobilisierung (Paul Conge)

Nie zuvor in der Geschichte des Landes gab es eine solche Mobilisation in Frankreich. Foto: Paul Conge

Für Pierre fühlte es sich wie eine Pflicht an, an dem republikanischen Marsch in Paris teilzunehmen. Es war wichtig zu zeigen, dass „diese Personen, die unsere Freiheiten zu zerstören versuchten, uns nicht einschüchtern können.“, so Pierre. Er fügt hinzu, dass „die Terroristen die uns zerteilen wollten, uns eher vereint haben.“

Viele Teilnehmer haben es für selbstverständlich gefunden, an den Demonstrationen teilzunehmen. „Für mich muss sich das Volk in solchen Momenten vereinen und sich erheben um zu handeln. Nur denken hilft da nicht.“, sagt Aurélie. Allerdings sei es für sie traurig, dass erst solche Ereignisse dazu führen, dass sich Menschen solidarisch zeigen.

Es gibt auch andere Stimmen 

Trotzdem gibt es viele Leute, die die Scheinheiligkeit dieser Aufstände kritisieren. Zum Beispiel wurden mehrere Moscheen Ziel islamophobischer Angriffe. Zu viele Leute bringen Islamisten und Moslems durcheinander. Das machten sich unter anderem Front National zu Nutzen. Mehrere Mitglieder dieser Partei haben verkündet, dass ihre Theorie bestätigt wurde. Die besagt, dass es ein Zusammenhang zwischen Immigration und Islamisierung gebe.

Außerdem habe die mediale Aufmerksamkeit Charlie Hebdos dazu geführt, dass andere schlimme Dinge auf dieser Welt nicht mehr wahrgenommen werden, bemängelt Chloé, die in Saint Etienne demonstriert hat: „Die Leute vergessen wegen der Ereignisse in Frankreich die Lage in Syrien, Palästina oder mit Boko Haram in Nigeria. Da gab es viel mehr Tote. Das regt mich auf.“ 

Sie stellt sich außerdem die Frage, warum einige Staatschefs aus dem Ausland überhaupt nach Frankreich gekommen sind. „Mich hat das Auftreten einiger bestimmter Staatschefs und Präsidenten geschockt. Sie hätten nicht nach Paris kommen dürfen und für die Pressefreiheit demonstrieren dürfen, wenn sie sie in ihrem eigenen Land nicht respektieren.“ Paul hatte dasselbe Gefühl. Er nannte den Trauermarsch einiger Staatsoberhäupter am 11. Januar einen „Ball der Heuchler“. Vermutlich, das meint Chloé, hätten sich auch Zeichner von Charlie Hebdo darüber amüsiert und zum Stift gegriffen, um eine Karikatur zu zeichnen.„Um diese Heuchler zu entlarven“, sagt sie.

Teaserbild: Paul Conge

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