Zukunftsdiskussion ums Schauspielhaus Bochum

Ein Beitrag von Sebastian Hetheier

Das Schauspielhaus Bochum hat unter der Intendanz von Anselm Weber nicht nur mit finanziellen Haushaltsproblemen zu kämpfen, auch das aktuelle Spielzeit-Konzept bleibt umstritten. Die Publikumsdiskussion „Theatergespräche“ am vergangenen Donnerstag in der Theater-Bar „Tanas“, bewegte sich zwischen Kritik, Tadel und der Angst künftig nicht mehr zu den großen Spielstätten Europas zu gehören.

Intendant Anselm Weber über die finanzielle Lage des Schauspielhauses: „Wenn Not am Mann ist, bin ich bereit, mit jedem in dieser Stadt zu arbeiten.“ Foto: Diana Kuster

Intendant Anselm Weber über die finanzielle Lage des Schauspielhauses: „Wenn Not am Mann ist, bin ich bereit, mit jedem in dieser Stadt zu arbeiten.“ Foto: Diana Küster

Die Auftaktveranstaltung der „Theatergespräche“ war gut besucht. Theaterfreunde, Presse und Kulturschaffende der Stadt tummelten sich an den Tischen der Theater-Lounge Tanas, um Intendant Anselm Weber und Chefdramaturg Thomas Laue einige persönliche Stellungnahmen zur aktuellen Situation des Schauspielhauses abzugewinnen. Die Lokaljournalistin Ronny von Wangenheim (Ruhr Nachrichten) führte zusammen mit ihrem WAZ-Kollegen Jürgen Boebers-Süßmann durch den Abend, der zwischenzeitlich wie ein Schlagabtausch zwischen Publikum und Theaterleitung wirkte.

Mit Theater die Zukunft der Stadt gestalten

Bevor jedoch Klartext geredet wurde, kam man nicht drum herum über den vergangenen und werdenden „Mythos“ des Theaters zu sprechen. Dabei verlor Anselm Weber einige demütige Worte über die, unter Bochumer Theatergängern, unvergessenen Intendanzen von Claus Peymann, Peter Zadek oder Matthias Hartmann. Der Mythos Schauspielhaus, das sind vor allem Erinnerungen an die Glanzzeiten, als es noch zu den renommiertesten Theatern Deutschlands und Europas gehörte. Webers Ausführungen, dass seine Amtszeit die Geschichte des Hauses weiterschreibe und in eine neue Richtung lenke, leiteten über zu der Frage nach der derzeitigen konzeptionellen Ausrichtung des Theaters.

Chefdramaturg Thomas Laue nutzte die Gelegenheit, die Idee hinter dem Spielzeitkonzept „Boropa“ noch einmal redselig zu erklären. Hatte man die lokale Berichterstattung in den letzten Jahren verfolgt, kamen einem die Sätze bereits bekannt vor. „Boropa“, dass sei die Idee eines gelebten Europas in Bochum. Es solle ein Experiment sein, welches die Identität der Stadt und ihre Zukunft mitgestalten könne, sogar müsse. So sei das Theater als Ort, also auch als Diskussionsort in der Mitte der Stadt und in der Mitte der Gesellschaft zu verstehen. Ein Theater für jedermann sein, das möchte die Theaterleitung erreichen.

Um diesem weltoffeneren Anspruch gerecht zu werden, arbeitet das Schauspielhaus seit der Spielzeit 2010/2011 mit Regisseuren aus Ländern wie Polen, Türkei, Niederlande, Schweiz oder Tunesien zusammen. Es sind teilweise hierzulande unbekannte Theatermacher, die neue Impulse geben sollen, bekannte Theaterstoffe in ihrer eigenen Sicht oder neue Stücke auf die Bochumer Bühne bringen.

„Drei Schwestern“ nach Anton Tschechow, in der Inszenierung von Paul Koek. Ein Stück das aufgrund seiner Länge und seiner tristen Atmosphäre polarisiert. Viele verließen das Stück bereits in der Pause. Intendant Weber hält es für eines der besten des Hauses. Foto: Thomas Aurin

„Drei Schwestern“ nach Anton Tschechow, in der Inszenierung von Paul Koek. Ein Stück das aufgrund seiner Länge und seiner tristen Atmosphäre polarisiert. Viele verließen das Stück bereits in der Pause. Intendant Weber hält es für eines der besten des Hauses. Foto: Thomas Aurin

Sei es der Holländer Paul Koek mit seinen Musiktheater-Inszenierungen von Voltaires „Candide“ und Anton Tschechows „Die Drei Schwestern“, oder die Gruppe „Renegade“ mit ihren Tanztheaterstücken unter der Leitung von Malou Airaudo. Die Beispiele zeigen, dass das Schauspielhaus heute mehr bietet als klassisches Sprechtheater. Hinzu kommen die Jugendarbeit des „Jungen Schauspielhauses“ und einige theaterpädagogische Projekte wie Inszenierungen mit Patienten und Mitarbeiten der Bochumer Psychiatrie, aber auch mit Insassen der Justizvollzugsanstalt.

Der Spielplan polarisiert, die Zuschauerzahlen sprechen für Erfolg

Wie heterogen und wie sehr das Bochumer Theaterpublikum bereit zur Diskussion ist, zeigten die Kommentare und Wortmeldung unter den rund 80 Gästen. Obwohl Weber mehrfach beteuerte „kein Minderheitenprogramm in so einer kleinen Stadt“ machen zu wollen, weil das Theater sich „über die Breite des Angebots definieren“ müsse, ließen es sich einige Kritiker nicht nehmen, dem Intendanten vorzuwerfen, dass aber vor allem immer noch die Mittelschicht ins Theater ginge.

Wo zeigt sich nun die versprochene Öffnung des Theaters? Wo bleiben die großen künstlerischen Experimente und aufzuzeigenden Perspektiven? Und sind nicht aktuell Stücke im Spielplan, die eher auf sicheren Publikumserfolg setzen? Fragen die heiß diskutiert wurden. Paul Koeks Stück „Drei Schwestern“ wiederum bekam von anderen Diskussionsteilnehmern eine bittere Perspektivlosigkeit unterstellt, was ein Großteil des Publikums bisher damit strafte, das Stück bereits in der Pause zu verlassen. Und Hans Falladas „Kleiner Mann, was nun?“ in der Inszenierung von Hausregisseur David Bösch, sei Stoff, den man doch schon unter Frank-Patrick Steckel (Intendant von 1986 bis 1995) aufgeführt habe und jetzt wieder aufwärme, kritisierte ein anderer.

Fast schon „provinziell“ sei diese Diskussion, merkte ein kritischer Gast an. Da klangen die Worte von Thomas Laue schon fast entschuldigend bis versöhnend, als er beteuerte, dass das Profil des Theaters sich noch im Wachstum befinde. Gerade die diskutieren Stücke sprachen ja eher für die Vielfältigkeit des Spielplans zwischen Tradition und Experiment.

Chefdramaturg Thomas Laue sieht das Theater als Diskussionsort, das sich im Zentrum der Stadt einrichten muss. Foto: Diana Kuster

Chefdramaturg Thomas Laue sieht das Theater als Diskussionsort, das sich im Zentrum der Stadt einrichten muss. Foto: Diana Kuster

Für die Bochumer Theaterleitung bleibt es also ein schwieriges Unterfangen, den Spagat zwischen einem gut gefüllten Schauspielhaus und ansprechenden, ja fordernden Theaterproduktionen zu machen. So buhlen Theater-Leitung wie auch die Schauspieler einerseits um die Gunst des Publikums, andererseits um die der Feuilletons. Mit einer Platzausnutzung von 78% in den vergangenen vier Monaten sprechen die Zahlen zumindest für einen Erfolg beim Publikum. Zahlen, die angesichts der finanziell schwierigen Lage des Theaters Hoffnung machen.

Mit ausgeglichenem Haushalt zurück in die „Champions League“

So dreht sich der Großteil des Abends um die finanzielle Situation des Hauses und den Wunsch, wieder an das Renommee alter Tage anzuknüpfen.

Klar ist, dass das Schauspielhaus konkurrenzfähig bleiben will, aber mit einer großen Haushaltslücke kämpfen muss. Was sich in den letzten 10 bis 15 Jahren zu einem riesigen finanziellen Loch aufgetan hat, will Weber mit radikalen Sparmaßnahmen bewältigen. Sein Plan ist, bis 2014/2015 zwei Millionen Euro einzusparen und einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen.

Ein kühnes Ziel, das schon mehrere Opfer, wie beispielsweise die vierte Spielstätte („Melanchthonsaal“) forderte. Weber berichtete, dass derzeit eine Unternehmensberatung das Haus auf den Kopf stelle, um Einsparmöglichkeiten im Bereich der Betriebs- und Personalkosten aufzuzeigen. In seiner Form als Anstalt des öffentlichen Rechts sind im Schauspielhaus betriebsbedingte Kündigungen und Rationalisierungsmaßnahmen wie in der Privatwirtschaft aber nicht möglich.

Auch der Kunstbetrieb mit gerade einmal 30 engagierten Schauspielern (vergleichsweise wenig, für ein Theater dieser Größe), mache gerade einmal nur 10% der derzeitigen Gesamtkosten von ca. 21 Millionen Euro aus.

Webers sprachliches Bild, das Schauspielhaus wolle wieder in der „Champions League“ spielen, wurde zur Leitmetapher des Abends und weckte Hoffnungen für die Zukunft, wieder mit den großen Spielstätten Deutschlands und Europas mithalten zu können. Bis dahin wird noch viel diskutiert und um die nötigen Geldmittel gekämpft werden müssen. Ansonsten, bekräftigte Weber, „stellt sich uns nicht mehr die Frage, ob wir dann noch in der „Champions League“ spielen, sondern ob wir überhaupt noch spielen“.

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