Jürgen Domian: Von Hackfleisch, Liebe und dem Tod

In der Nacht von Freitag auf Samstag war Jürgen Domian das letzte Mal auf Sendung. Am Mittwoch, 21.12., feiert er seinen Geburtstag – das erste Mal seit 22 Jahren nicht mehr als daueraktiver Nachtseelsorger. Ein Rückblick auf Geschichten seiner Sendung und die Geschichte von Domians Leben.

„Hier ist der Simon. Simon ist 24. Guten Morgen, Simon“, sagt Jürgen Domian und drückt auf den Bildschirm, der links neben ihm steht. Ein schwerfälliges „Hallo“ kommt vom anderen Ende der Leitung. „Hallo Simon, warum rufst du an?“, fragt Domian. „Ich rufe an, weil ich schwerst krank bin“, antwortet Simon. „Ich habe einen sehr schlimmen Hirntumor in meinem Rückenmark“, sagt die geschwächte Stimme. Domian nimmt einen Schluck Wasser aus seinem Glas rechts neben ihm und beginnt das Gespräch.

Die beiden kennen sich nicht. Sie reden das erste Mal miteinander. In aller Öffentlichkeit. Über Simons Tod. Er werde bald sterben, erklärt Simon. „Ich weiß nicht, ob ich dankbar sein soll, dass ich noch am Leben bin“, sagt die Stimme am Telefon. Domian und Simon reden über das Leben, die Liebe, das Sterben. Ob er Angst habe vor dem, was auf ihn zukommt, fragt Domian. „Aber Hallo“, meint Simon. Er wolle in Würde sterben, überlege, sich selber umzubringen. „Ich wäre lieber bei meiner letzten Operation gestorben.“ Dann ist Simon still, Domian muss tief durchatmen. Ob es Schicksal wäre, fragt der Mann mit dem Headset auf dem Kopf. „Das ist einfach Pech“, entgegnet Simon. Nichtmal seinem schlimmsten Feind wünsche er ein solches Leiden, wie er es ertragen muss. An ein zweites Leben oder ein Leben nach dem Tod will er gar nicht denken.

Das Gespräch steht kurz vor dem Ende. „Ich kann dir nicht helfen, das weißt du“, sagt Domian bedrückt zu seinem Telefonpartner. „Ich kann dir nur wünschen, dass du nicht viel leiden musst. Dass du einen friedlichen Tod hast“, sagt Domian mit schwerer Stimme. „Meine Gedanken, meine Gefühle sind bei dir.“ Das Gespräch ist vorbei. Domians Blick geht zu seinem kleinen Bildschirm. Ein Griff an den Kopfhörer, ein Räuspern. Er schreibt etwas auf, sucht nach Worten und bittet die Regie, etwas Musik einzuspielen.

Es war wohl eines der schwersten Gespräche, das Jürgen Domian in seiner Sendung je geführt hat. Fast 22 Jahre lang war er von Montag bis Freitag zwischen ein und zwei Uhr nachts für die Leute am Telefon da. Er war zu hören im Radio auf 1Live und gleichzeitig zu sehen im WDR-Fernsehen. Jeder konnte anrufen, kostenlos. Und wer in die Sendung durchgestellt wurde, konnte Domian sein Herz offenlegen. Probleme, Suchten, Ehekrisen, Straftaten, Krankheiten – Domian hat sich jedem Anliegen angenommen. Über 23.000 Geschichten hat er gehört. Am letzten Samstag, um kurz vor zwei Uhr in der Früh, gingen zum letzten Mal die Lichter in Domians Studio aus.

 

Alles begann auf der Hauptschule

Am 21. Dezember 1957 wird Jürgen Domian in Gummersbach geboren. Der Vater sorgt als Hausmeister für die Familie, die in einem normal bürgerlichen Viertel wohnt und recht einfach lebt. „Wenn ich heute dahin zurückkehre, fühle ich Beklemmung“, sagt Domian. Die Verhältnisse bringen ihn in seiner Schulzeit auf die Hauptschule. „Als Hauptschüler war man nichts“, erinnert sich Domian.

Für ihn geht es erst bergauf, als den Sprung an das örtliche Gymnasium schafft – mit einer bewegten Kindheitsgeschichte und viel Ehrgeiz. Er wird Schülersprecher, schafft das Abitur und studiert Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft an der Universität Köln.

Zu dieser Zeit erlebt er aber auch gleichzeitig eine der schwersten Phasen seines Lebens, geprägt durch einen Wandel im Glauben. Als Jugendlicher empfindet er die Bindung zur Kirche noch als sehr stützend, ist gläubiger Christ. „Mit 13 oder 14 kapierte ich, dass ich endlich bin, dass alles endlich ist“, sagt Domian einmal. Im tiefen Glauben will er sich mit dessen schärfsten Kritikern auseinandersetzen, ihr Ansichten verstehen und widerlegen: Friedrich Nietzsche und Ludwig Feuerbach. Doch je mehr er sich mit den Schriften der beiden auseinandersetzt, desto kritischer wird sein Blick auf das Christentum. In seinen Zwanzigern stürzt Domian in eine schwere Bulimie. Kein Arzt, kein Psychologe, und auch keine Selbsthilfegruppe, die er einmal besuchte, helfen. Nur seine eiserne Disziplin und sein Ehrgeiz führen ihn wieder heraus, sagt Domian

Vom Kabelträger zum Fernsehstar

Dieser Ehrgeiz bringt ihn auch auf der Karriereleiter in der Medienlandschaft schnell nach oben. Auf den Studentenjob als Kabelträger folgt die journalistische Ausbildung beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) und dem Deutschlandfunk. Er moderiert erste Radiosendungen und organisiert eigenständig Talks in Kölner Cafés mit prominenten Gästen.

Er wird fest angestellter Redakteur und moderiert ab 1993 die Talksendung „Heiße Nummer“ auf dem damaligen Jugendprogramm WDR1.  WDR1 wird 1995 zu 1Live und Domian zum nächtlichen Moderator. Aus den USA hat er die Idee einer Talksendung mitgebracht, in der Menschen offen über jedes beliebige Thema sprechen können. Und so entsteht ein einzigartiges Format, das bimedial gleichzeitig in Radio und Fernsehen live gesendet wird.

Am 3. April 1995 startet das neue Format „Domian“. Jürgen Domian begrüßt seine Zuschauer und -hörer in einem düsteren Radiostudio, eine Lederweste an, eine Strickmütze auf, das weiße Hemd viel zu groß. Der Start für eine fast 22-jährige Karriere in der Nacht.

23.000 Anrufe, 23.000 Geschichten

Nacht für Nacht rufen seitdem tausende Menschen im Studio an. Etwa 200 Leute kommen durch und können ihre Anliegen, ihre Probleme den Rechercheuren schildern. Ab 24 Uhr filtern die drei Rechercheure diejenigen Anrufer, die weitergegeben werden an den Realisator. Der ruft die Menschen zurück, vergewissert sich noch einmal der Wahrheit ihrer Geschichte und stellt die Personen letztendlich zu Domian ins Studio durch. Der weiß nicht viel von seinen kommenden Gesprächspartnern. Nur Vorname und Alter werden ihm angezeigt. Wer nach dem Gespräch noch Hilfe braucht, kann mit einem Psychologen sprechen, der jede Sendung begleitet und eine Nachbetreuung anbietet.

Durch diesen Filter gehen Hunderttausende Anrufe. Über 23.000 Anrufe kamen zu Domian durch ins Studio. Über 23.000 unterschiedliche Geschichten, derer Domain sich annahm. Eine Geschichte verrückter, bewegender, trauriger als die andere. Einige bleiben über Jahre hängen, Internet-Hits werden geboren.

Es geschah im Wald

Katharina, die in Domian verliebt ist. Manuel, der meint,  die Erde sei eine Scheibe und von Reptiloiden befallen. Oder Marcel, die Domina, der Kunden mit Smegma-Vorlieben hat. Zu den absoluten Klassikern zählen aber wohl Edwin und Lydia. Edwin berichtete von seinen sexuellen Neigungen und wie er einmal im Monat mit 60 Kilogramm Hackfleisch seine sexuellen Neigungen befriedigte. Um Sexuelles ging es auch bei Lydia: unter dem Sendungsmotto „Es geschah im Welt“ berichtet sie in herrlichstem Kölsch von heißen Trips mit einer Friedhofsbekanntschaft in den Wald.

Die Freundschaft mit Hella von Sinnen 

Domian kennt intimste Details von Tausenden Menschen. Aber was weiß die Welt von ihm? Nicht viel. Domian selbst ist – wie er sagt – bisexuell. Die Diskussionen darum hat er aber mittlerweile satt: „Inzwischen sag ich meistens: Ich bin schwul. Dann ist Ruhe. Ich habe so oft erlebt, von Schwulen angegriffen zu werden, weil ich angeblich nicht zu meiner Sexualität stehe, wenn ich mich als bi bezeichne. Also in Gottes Namen, dann bin ich halt – schwul“, sagte Domian in einem Interview mit der taz. Seine längste Beziehung dauerte 13 Jahre, sie war mit einem Mann.

Seine längste Freundschaft hält aber schon seit über 30 Jahren: mit Hella von Sinnen. Sind sie auch beste Freunde? „Der Jürgen ist auf jeden Fall mein längster Freund“, sagte von Sinnen der taz. „Wir haben uns in Gummersbach auf der Schule kennengelernt und wir sind bis heute in warmer Innigkeit verbunden.“

Ende der Nachtarbeit

„Im Grunde ist der Tod das Thema meines Lebens“, sagt Domian in einer ARD-Doku über ihn. „Nicht Liebe, Erfolg, Schönheit, Gerechtigkeit.“ Über nichts habe er mehr nachgedacht. Was der Tod den Menschen lehren kann, wie er den Mensch verändern kann. Im Sommer fährt er immer nach Lappland, hat dort Zeit zum Nachdenken. „Ich fahre in die Stille, ich fahre ins Licht“, sagt er zu seinem immer lang ersehnten Trip.

Jetzt kann er jeden Tag ans Licht. Sein Job in der Nacht ist vorbei. Er könne ihn noch zehn Jahre machen, sagt Domian. „Aber ich möchte nicht mehr in der Nacht arbeiten. Ich habe zwei Mal mit Hörsturz moderiert und meine Ärzte schlagen seit Jahren die Hände über dem Kopf zusammen. Jetzt ist noch alles bestens, aber ich möchte nicht in drei Jahren aus dem Studio getragen werden.“ Vielleicht enden nun seine Schlafstörungen, die er fast täglich mit Melatonin bekämpft.

Seine letzte Sendung endet am Samstagmorgen. Um 1.58 Uhr und 48 Sekunden spricht Domian seine letzten Worte. „Die Zeit des Abschieds ist gekommen.“ Die Zeit sei groß gewesen, sagt Domian. „Was ich hier in dieser Sendung gelernt habe, in all diesen vielen Jahren, das ist Demut. Wie sagte es die wunderbare Trude Herr so schön: Niemals geht man so ganz.“

Alles Gute zum Geburtstag, Jürgen Domian. Bis bald!

Beitragsbild: © WDR/Klaus Görgen
Teaserbild: © WDR/Melanie Grande

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