Duell am Donnerstag: Werbeverbot für legale Drogen

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Die Kommission hat’s vorgeschlagen, das Parlament zugestimmt: Schockfotos auf Zigarettenpackungen soll es bald in der ganzen EU geben. Aber: Während die Kippen-Packung immer abstoßender wird, dürfen Zigarettenmarken sich an anderer Stelle trotzdem noch gut darstellen: Auf Plakatwänden, im Kino und an Kiosken ist Werbung für Zigaretten in Deutschland erlaubt. Auch Alkoholwerbung ist allgegenwärtig. Aufgefallen ist das unserem pflichtlektüre-Autoren Pierre-Jean Gueno aus Frankreich. Er ist empört. Nichtraucherin Lara Enste versteht die Aufregung nicht. Zigaretten- und Alkoholwerbung: Verführung zu Gesundheitsschädigungen oder legitimes Marketing? Ein Meinungsduell.

(Teaserfoto: Lupo/pixelio.de)

pro

Als ich in Deutschland angekommen bin, hat mich die Werbung für Alkohol und Tabak überrascht: heiße Parties mit kaltem Jägermeister und liebenswürdigen jungen Frauen; Hipster, die kein “Maybe” sind – weil sie Marlboro rauchen; Bierflaschen, deren Inhalt genüsslich hervorsprudelt, Chesterfield-Pin-Ups an der RUB. Klassische Werbemethoden, die schon seit Langem erprobt sind. Für mich ist es leider zu spät: Ich bin ein Sklave meiner Abhängigkeiten und rauche täglich. Ich befürchte, dass Jugendliche sich zu einfach durch diese Werbungen verführen lassen. Gerade in Deutschland, wo die Straßen mit Zigarettenautomaten und 24/7 Tankstellen übersät sind.

In Frankreich ist Werbung für die gefährlichen Genüsse des Lebens im Fernsehen, im Radio und auf den Wänden entweder ganz verboten oder stark eingeschränkt – und das schon seit 1991. Claude Évin, der damalige Gesundheitsminister, setzte dieses Werbeverbot nach einem langen Kampf gegen die Tabak- und Alkoholindustrie durch. Hauptziel des Gesetzes war es, Kinder und Jugendliche zu schützen.

Eigenverantwortlichkeit vs. schützender Staat

In Deutschland dient das Jugendschutzgesetz (JuSchG) dem Schutz der Jugend in der Öffentlichkeit durch verschiedene Verbote. Jugendliche unter 18 Jahren dürfen weder rauchen noch Schnaps trinken, Jugendliche unter 16 Jahren dürfen kein Bier trinken und im Kino gibt es sogar ein Werbeverbot vor 18 Uhr. Dennoch können sich Kinder und Jugendliche auf der Straße Werbeplakate anschauen. So lassen sich die  Auswirkungen des Gesetzes bezweifeln. Besonders eigenartig: Manchmal kann man nebeneinander eine Bierwerbung und ein Plakat für die Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sehen: “Kenn dein Limit” .

Kultur vs. neues Angebot

Natürlich ist der Alkoholverbrauch in der deutschen Kultur sehr prägend und das Land liegt unter den weltweiten Spitzenreitern beim Alkoholkonsum. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt der Konsum bei rund 10 Liter reinem Alkohol pro Person und Jahr. Im Vergleich dazu beträgt der durchschnittliche Alkoholkonsum weltweit noch nicht einmal die Hälfte. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) beobachtet, dass zwar weniger Personen regelmäßig Alkohol trinken, dafür aber in immer größeren Mengen. Ferner gibt es inzwischen alkoholische Getränke auf dem deutschen Markt, die nicht zur „ursprünglichen deutschen Trinkkultur“ gehören. Alkopops und Co verändern das Trinkverhalten. Das exzessive „Komasaufen“ wird zum Beispiel gerade unter Jugendlichen immer beliebter. Die DHS setzt sich für einen Werbeverbot oder andere Maßnahmen gegen den Alkoholmissbrauch ein. Möglich wären eine steuerlich gelenkte Preiserhöhung oder eine Angebotsreduzierung. Leider sind solche Entscheidungen und Gesetze von den deutschen Politikern nicht geplant.

Tabak und Alkohol sind keine normalen Waren. Ihr Konsum wirkt gesundheitsschädlich und fördert das Suchtverhalten. Deswegen sollten die Gesetzgeber diese legalen Drogen durch Steuererhöhungen oder weitere Werbeverbote regulieren. Sonst werden die Tabak- und Alkoholindustrien stets weiter versuchen, ihre Marktanteile zu vergrößern. So ist das Gesetz des freien Marktes: unmoralisch und süchtig nach Geld! Da diese Konsumgesellschaft offenbar unsere neue Göttin geworden ist, können wir leider nur zu ihr beten: “Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel”.

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contra

Als mein Vater ein Kind war, verschwand die Werbung für Zigaretten aus Fernsehen und Radio. Als ich über 25 Jahre später auf’s  Gymnasium wechselte, verbot ein neues Jugendschutzgesetz Tabakwerbung im Kino vor 18 Uhr. Und um meinen 16. Geburtstag herum verbannte eine EU-Richtlinie die Tabakwerbung dann auch noch aus Zeitschriften, Zeitungen und dem Internet. Das Sponsoring von internationalen Veranstaltungen wie Formel 1-Rennen verbot sie gleich mit. Heute begegne ich persönlich Zigarettenwerbung nur noch an Bushaltestellen. Wenn keine rauchenden Menschen abgebildet sind, ist Plakatwerbung für Zigaretten nämlich nach wie vor erlaubt. Warum auch nicht? Die anderen Verbote sind schon weitreichend genug, als erwachsener Mensch kann ich selbst denken – auch, wenn ich vor einer überlebensgroßen Zigarettenschachtel auf Leinwand stehe.

Wer ein legales Produkt herstellt, muss es auch bewerben dürfen

Werbung dient dazu, einen Markennamen in die Welt zu tragen – wer ein legales Produkt herstellt, muss es auch bewerben dürfen. Konsequent müsste die EU also Zigaretten ganz verbieten. Oder mit der Doppelmoral aufhören und den Herstellern erlauben, legal auf ihr Produkt hinzuweisen. Tabakwerbung kann witzig oder nervig sein, manchmal auch subtil oder trickreich – aber sie folgt gewissen Regeln. Etwa, dass die Werbung keine Jugendlichen unter 18 ansprechen soll. Solange die gesichert sind, sollten geschickt ausgeleuchtete Packungen mit Warnhinweis auch weiter auf Plakaten prangen dürfen. Man kann einer Industrie viel nehmen, aber eine Restmöglichkeit für Marketing sollte es geben. Schließlich hat Zigarettenwerbung eine lange Geschichte voller Slogans und Charme – das wissen wir spätestens seit der Fernsehserie „Mad Men“.

Wer das Erziehen einmal anfängt, dürfte gar nicht aufhören

Ich möchte nicht über den „erziehenden Staat“ nörgeln – ich bin sogar ein Fan des Nichtraucherschutzgesetzes. Aber: Wer einmal anfängt, hört nicht wieder auf.  Und das gilt nicht nur für Raucher, sondern auch für Gesetzgeber. Wenn ich Zigarettenwerbung verbiete, muss ich auch Alkoholwerbung verbieten. Und wer sagt eigentlich, dass Modewerbung nicht auch einen schlechten Einfluss auf die Gesundheit und das Selbstbild junger Mädchen hat? Also, los geht’s in all diesen Bereichen. Oder eben in keinem – und die Politiker gestehen den Menschen eine eigene Auseinandersetzung mit der Werbung zu.

Traut uns Konsumenten selbstständiges Denken zu

Denn es gehört auch zum Leben dazu, Werbung einzuordnen. Darüber zu schmunzeln. Sie zu hinterfragen. Der Staat darf mich gerne schützen, aber er darf nicht wie ein übereifriges Elternteil alles von mir fern halten, was mir schaden könnte. Ich möchte es nicht mit den Worten des Zigarettenverbandes halten: „Genuss braucht Verantwortung“. Aber eben auch nicht mit der Forderung der Werbegegner, das „Gift“ brauche ein Verbot. Vielleicht eher: Freiheit bedeutet Verantwortung. Diese Freiheit möchte ich behalten. Die Freiheit, über Tabakwerbung an der Bushaltestelle zu schmunzeln. Und dann doch nur ein Kaugummi zu kauen.

das-duell-feeder Foto: stockxchng/bizior, Montage: Steinborn/Schweigmann

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