„Ausländische Studenten haben es nicht leicht“

Wer an der TU Dortmund studiert und gleichzeitig aus dem Ausland kommt, der hat es schwer, sehr schwer. Das zumindest sagt Maia Iobidze, 29, die selbst aus Georgiens Hauptstadt Tiflis stammt und seit 2005 an der TU studiert. Gerade hat sie den Preis des Deutschen Akademischen Austauschdienstes für ihr Engagement bekommen. Dabei kämpft sie, immer noch – denn an der Situation ausländischer Studierender muss viel verbessert werden, sagt Maia. Mit ihr sprach pflichtlektuere.com-Autorin Marie Denecke.

pflichtlektuere.com: Was genau macht das Autonome Ausländerreferat, das AAR, eigentlich?

Iobidze: Es kümmert sich um alle Belange der Studierenden, berät und unterstützt sie, vertritt ihre Interessen in der Hochschulpolitik wie etwa im Studierendenparlament. Wir sind Ansprechpartner für alle Themen der ausländischen Studierenden, helfen zum Beispiel auch bei Problemen rund um Prüfungen oder rund ums Visum. Bei Letzterem haben wir momentan zwar nicht viele Möglichkeiten, aber eine Nachfrage und Beratung hilft oft schon. Außerdem organisieren wir interkulturelle Veranstaltungen, kooperieren mit unterschiedlichen Vereinen, der Ausländerbehörde in Dortmund, dem Referat Internationales und den Ausländerbeauftragten der Fakultäten. Momentan wird zum Beispiel auch daran gearbeitet, eine Korrekturstelle in der studentischen Selbstverwaltung, dem AStA, einzurichten.

pflichtlektuere.com: Mit welchen Schwierigkeiten werden ausländische Studierende in Deutschland konfrontiert?

Maia Iobidze findet, dass die Beratung für ausländische Studierende besser werden muss. Foto: privat

Maia Iobidze findet, dass die Beratung für ausländische Studierende besser werden muss. Foto: privat

Iobidze: Das wichtigste Thema ist das Visum. Ausländische Studierende müssen immer fürchten, dass ihr Visum nicht verlängert wird. Sie wissen nicht, ob sie für ein oder zwei Jahre oder nur für ein paar Monate hier sind. Das ist eine Planungsunsicherheit, die sehr schwierig ist für die Studierenden. Wir bekommen viel von dem mit, wie es bei der Ausländerbehörde hier in Dortmund läuft. Ob das Visum für einen Studierenden verlängert wird, hängt manchmal einfach von der Tagesstimmung des Sachbearbeiters ab. Studierende werden manchmal sogar angeschrien und abweisend behandelt. Gründe dafür sind oft Unterbesetzung und mangelnde interkulturelle Kompetenz. Auch haben die Studierenden oft große Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden, weil Vermieter Angst haben, ihr Geld nicht zu bekommen. Wir vom AAR wissen zum Beispiel, dass vielen Studierenden aus Afrika, aber nicht nur, auf der Wohnungssuche nicht mal die Tür aufgemacht wird. Auch Ausländerfeindlichkeit ist oft noch ein Thema.

pflichtlektuere.com: Und wie ist die Situation an der TU?

Iobidze: Der Anfang für ausländische Studierende ist schwer. Sie kennen das Land nicht, können die Sprache nicht so gut, das Hochschulsystem ist ganz anders. Es braucht Zeit, sich an das alles zu gewöhnen. Ich musste mir zum Beispiel angewöhnen, laut meine Meinung zu sagen. Den Dozenten fehlt oft die interkulturelle Kompetenz und die anderen Studierenden gehen auf die ausländischen Studierenden oft nicht ein. Auch ist Information hier ein Problem. Viele Studierende verpassen zum Beispiel die Einführungsveranstaltungen der Uni, weil sie arbeiten müssen oder noch gar nicht im Land sind. Es wäre schön, wenn die Betreuung der außereuropäischen Studenten auch so aktiv gestaltet werden würde wie bei den Erasmus-Studenten. Man merkt einfach, dass Erasmus-Programme wesentlich besser finanziert werden als andere.

pflichtlekuere.com: Wie war das bei dir, als du im Jahr 2005 an die TU kamst?

Maia ist 2002 als Au-Pair nach Deutschland gekommen. Nach Sprachkursen hat sie im Sommersemester 2005 ihr Studium in Dortmund begonnen. Derzeit macht sie ihren Master in Psychologie und Sozialpädagogik auf Lehramt. Neben ihrem Studium war sie immer engagiert, war Mitglied im Fachschaftsrat Psychologie, engagierte sich im AAR und bietet Schreibberatung an.

Iobidze: Ich habe mich schlecht beraten gefühlt. Zum Beispiel habe ich erst nach vier Semestern gemerkt, dass ich meine Fächer auf Lehramt studiere. Das hat mir am Anfang niemand gesagt. In der Beratung des Referat Internationales sitzen Berater, die sich mit den einzelnen Fächern nicht so gut auskennen. Mir wurde zum Beispiel geraten, Journalistik zu studieren, weil ich doch so gut Deutsch spräche – aber das wäre nie etwas für mich gewesen. Die Studierenden, die an der TU studieren wollen, müssen dann auf einem Zettel ankreuzen, was sie studieren möchten, zumindest war das bei mir vor sieben Jahren so. Dabei geht es vielen vor allem darum, so schnell wie möglich die Studienzulassung zu bekommen. Das liegt daran, dass sie ihr Visum und damit ihre Arbeitserlaubnis erst dann bekommen, wenn sie auch die Zulassung der Uni haben. Das sollte bei der Beratung im Hinterkopf bleiben. Die Beratung, wie es sie jetzt gibt, ist natürlich wichtig, aber die Wünsche und Möglichkeiten der Studierenden sollte stärker berücksichtigt werden. Wegen der Lehramtsgeschichte habe ich ein Jahr lang sehr mit mir gehadert. Inzwischen mag ich es aber und hoffe, im Mai mein Referendariat zu beginnen. Gerade Psychologie als Unterrichtsfach macht mir sehr viel Spaß.

pflichtlektuere.com: Wie kann man die Situation der ausländischen Studierenden an der TU verbessern?

Iobidze: Die Liste ist lang. Es sollte zum Beispiel bessere Beratungen geben. Außerdem sollte in jeder Fakultät und in jedem Institut der Faktor, dass ausländische Studierende dort auch studieren und dass sie manchmal intensivere und aufmerksame Betreuung brauchen, allen bewusst  sein. Dementsprechend sollten auch die Angebote gestaltet werden. Auch die Fachschaften sollten diese

Wer aus ausländischer Studierender Hilfe sucht, ist beim Autonomes Ausländerreferat richtig. Foto: Marie Denecke

Wer als ausländischer Studierender Hilfe sucht, ist beim Autonomen Ausländerreferat richtig. Foto: Marie Denecke

Zielgruppe nicht aus den Augen verlieren. Oft wissen selbst die Ausländerbeauftragten nicht, wie viele ausländische Studierende in der jeweiligen Fakultät studieren, und machen keine spezifischen Angebote. Dabei sollte zum Beispiel eine regelmäßige Rückmeldung zu den Hausarbeiten und Klausuren fester Bestandteil des Betreuungsangebotes sein – und zwar für alle Studierenden. Denn die Noten vieler Studierender werden um sehr viele Punkte heruntergesetzt nur wegen ihrer Rechtschreibfehler. Da müsste es auch innerhalb der Institute Angebote geben, die den Studenten helfen. Daher hoffe ich auch, dass die Schreibberatung fester Bestandteil der Universität bleibt, auch wenn die Projektphase ausgelaufen ist.

pflichtlektuere.com: Habt ihr Probleme, Studierende für eure Arbeit zu begeistern?

Iobidze: Ja, schon. Viele wissen nicht einmal, dass es solche Gremien wie das AAR gibt, oder erfahren erst sehr spät davon. Außerdem wissen viele auch nicht, dass die Gremienarbeit manchmal mit Honoraren vergütet werden. Das Problem, Studierende für Hochschulpolitik zu begeistern, ist aber eher ein generelles. Bei ausländischen Studierenden kommt hinzu, dass sie kaum Zeit haben neben ihrem Studium, der Arbeit, Deutsch lernen und Terminen bei der Ausländerbehörde, sich noch hochschulpolitisch zu engagieren. Oft aber trauen sich viele erst gar nicht. Daher sollten die Fachschaftsvertreter darauf achten, dass sich die Vielfalt der Studenten in den Studiengängen auch in der jeweiligen Fachschaft wiederspiegelt. Denn genau dadurch hatte die Fachschaft Psychologie, deren Mitglied ich war, sehr viel Erfolg und wurde als beste internationale Fachschaft 2010 ausgezeichnet.

pflichtlektuere.com: Wann und warum hast du dich engagiert?

Iobidze: Ich habe angefangen in der Fachschaft Psychologie. Freiwillig hätte ich das allerdings nie gemacht. Anfangs wusste ich gar nicht, dass es so etwas wie eine Fachschaft gibt. Aber eine Freundin hat mich dazu überredet, mich in der Fachschaft zu engagieren. Und dann habe ich mich in die Themen der Hochschulpolitik eingearbeitet, hatte verschiedene Aufgaben. Ich bin zum Beispiel zu den Fachschaftsrätekonferenzen und ins Studierendenparlament gegangen. Was ich da erlebt habe, hat mich aber schockiert.

pflichtlektuere.com: Wieso?

Es herrschen eher feindselige Kommunikationsformen vor, mit denen engagierte Studenten aus der Hochschulpolitik gejagt werden. Unsere Vorschläge wurden oft von vornherein abgelehnt. Wir ausländischen Studierenden und AAR-Mitglieder wurden oft wie Verbrecher behandelt, jeder neue Beschluss war ein Kampf. Und ich musste viel kämpfen. Das AAR hatte bis vor einigen Jahren zum Beispiel nur ein Budget von 1000 Euro jährlich. Was soll man damit schon machen können? Ich habe es jetzt auf 12.000 Euro jährlich aufstocken können, aber das ist immer noch minimal im Gegensatz dazu, wie viel Geld ausländische Studierende für den AStA zahlen. Das sind insgesamt circa 36.000 Euro jährlich, denn wie alle Studierenden zahlen auch die ausländischen Studierenden 6,51 Euro pro Kopf dafür. Es wäre viel hilfreicher, wenn mit diesem Geld ein Hilfsfond eingerichtet würde oder die bereits erwähnten Korrekturarbeiten geleistet würden. Aber so, wie es jetzt ist, werden die AAR-Referenten oft nicht in wichtigen Themen einbezogen wie etwa die Anstellung eines Ausländerberaters.

pflichtlektuere.com: Warum sollten sich ausländische Studierende trotzdem engagieren?

Iobidze: Damit ihre Interessen vertreten werden. Außerdem ist es wichtig, diese Erfahrungen für das spätere Berufsleben mitzunehmen. Denn auch Konflikte bringen einen weiter. Ich möchte diese Erfahrungen nicht missen und habe viel daraus mitgenommen. Allerdings sollten sich ausländische Studierende nicht nur für die Angelegenheiten der ausländischen Studenten einsetzen, sondern grundsätzlich mitmachen. Es ist wichtig teilzuhaben und teilzunehmen.

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