Obdachlos: Willi „macht Platte“

Rund 300 Menschen leben in Dortmund auf der Straße. Selbst bei hohen Minusgraden schlafen sie im Freien. In der Suppenküche, im „Gast-Haus“ und in der Übernachtungsstelle bekommen sie Hilfe doch die Betroffenen nehmen nicht jede Unterstützung an.

In der Suppenküche gibt es vier Mal in der Woche ein gedeckter Mittagstisch. Foto: Regine Beyß

In der Suppenküche gibt es vier Mal in der Woche einen gedeckten Mittagstisch. Foto: Regine Beyß

Es duftet nach frisch gekochter Suppe, Geschirr klappert. Einige Menschen wuseln durch die großen Räume. Sie haben bunte Schürzen umgebunden. Die letzten Vorbereitungen laufen, denn pünktlich um 12.15 Uhr öffnet die Dortmunder Suppenküche „Kana“ ihre Türen für wohnungslose Menschen. Viermal die Woche bekommen hier über 200 Gäste ein warmes Mittagessen, heiße und kalte Getränke und manchmal auch ein Stück Kuchen.

An einem der hinteren Tische sitzt Willi L. Er hat weder seine Jacke noch seine Mütze ausgezogen und löffelt wortlos seine Suppe. Willi ist 69 Jahre alt und seit vier Jahren ohne Arbeit. „Als ich 65 war, wurde ich krank. Dann konnte ich nicht mehr arbeiten. Ich habe 31 Jahre Arbeit voll – die meiste Zeit allerdings ohne Papiere“, erzählt er. Ohne Job geriet sein Leben außer Kontrolle, irgendwann griff er zum Alkohol. Und heute? „Ich mach‘ jetzt Platte“, sagt er.

Karriere nach unten

„Platte machen“ – damit sagen Obdachlose, dass sie auf der Straße leben. Auch Willi benutzt den Ausdruck wie selbstverständlich. 300 Obdachlose gibt es in Dortmund – geschätzt. So wie Willi haben sie keine Wohnung und suchen jede Nacht einen neuen Schlafplatz. Die Dunkelziffer ist aber größer: „Als Obdachlose bezeichnet man auch solche Menschen, die zwar ein Dach über dem Kopf haben, aber nicht mehr wohnen können“, erklärt Alfons Wiegel. Er ist pensionierter Pfarrer und arbeitet als Seelsorger. „Das heißt, sie verbringen die meiste Zeit draußen, haben keine Familie mehr, sind nicht in der Lage, sich zu pflegen oder einen Besitzstand zu haben.“

Willi L. lebt als Obdachloser in Dortmund. Foto: Regine Beyß

Willi L. (69) lebt als Obdachloser in Dortmund. Foto: Regine Beyß

Wiegel hilft in der Suppenküche und veranstaltet darüber hinaus regelmäßige Sprechstunden im „Gast-Haus“, das der Verein „Ökumenische Wohnungslosen-Initiative“ betreibt. Dort bekommen die Obdachlosen Frühstück und können sich waschen. Der Betreuer hat guten Kontakt mit den Betroffenen und kennt oft auch die Gründe für ihre jetzige Situation. „Es gibt eine Karriere nach unten“, sagt er. „Zuerst verlieren sie ihren Arbeitsplatz und ihre Kollegen, dann finden sie keinen neuen Job, treffen Leidensgenossen und Trinker. Sie kommen betrunken nach Hause und ihre Frauen und Kinder wenden sich von ihnen ab. Dann sind sie allein.“ Mit dieser Entwicklung gehe die Unfähigkeit einher, das eigene Leben zu organisieren. Papiere und Ausweise gehen verloren, die Behörden können keinen Kontakt mehr zu den Betroffenen aufnehmen. Vor allem Männer seien von diesen Problemen betroffen, Frauen hingegen könnten besser mit Verlust und Leid umgehen.

Abseits vom geregelten Leben

„Die Wohnungslosen entwickeln eine Angst vor Ämtern“, meint Wiegel. „Dort haben sie oft mit Vorurteilen zu kämpfen und ihnen wird nicht geglaubt.“ Kommt ein Obdachloser in Wiegels Sprechstunde, heißt es also zuerst die nötigen Behördengänge zu erledigen. Der Wohnungslose braucht einen Ausweis und eine Postanschrift. Danach könne man sich langsam um eine Wohnung und vielleicht auch um einen Arbeitsplatz kümmern. „Ich schätze, 30 Prozent der Leute schaffen es zurück in ein geregeltes Leben.“

Bei Willi hat das noch nicht geklappt. Er hat keinen Ausweis mehr und kommt deswegen nicht mehr an seine Rente. Im Moment hat ihn zusätzlich eine Grippe erwischt. „Ich weiß gar nicht, ob ich noch in der Krankenkasse bin“, lacht Willi. Trotz seines Hustens schläft er draußen.

Räume machen den Obdachlosen Angst

Jörn-Peter Hülter zeigt eins der Mehrbettzimmer in der Übernachtungsstelle. Foto: Regine Beyß

Jörn-Peter Hülter zeigt eins der Mehrbettzimmer in der Übernachtungsstelle. Foto: Regine Beyß

Jörn-Peter Hülter kennt Menschen wie Willi. Er leitet die städtische Männerübernachtungsstelle in Dortmund. „Wenn man lange auf der Straße gelebt hat, sind Räume etwas Schreckliches“, weiß er aus seiner langjährigen Berufserfahrung. „Es gibt viele Leute, die wirklich lieber draußen schlafen, als unser Haus aufzusuchen.“ Dabei gehört die Übernachtungsstelle in der Unionsstraße zu den niedrigschwelligsten Angeboten für Obdachlose. Wer hierher kommt, bekommt auf jeden Fall einen Schlafplatz. 20 bis 25 Menschen wohnen hier im Durchschnitt zusammen. Aufnehmen könnte die städtische Einrichtung aber viel mehr. „Eine grundsätzliche Beschränkung haben wir nicht. Wir können die Betten zu Hochbetten umbauen und Matratzen in den Aufenthaltsraum legen.“

Das Geheimnis der Straße

Warum schläft Willi nicht dort? „Mir gefällt’s da nicht. Da ist so viel los“, sagt er. Stattdessen richtet er sich lieber im Freien ein. Der richtige Schlafsack ist dabei unerlässlich. Den bekommen die Obdachlosen ebenfalls in der Suppenküche. „Damit können sie sich gut vor der Kälte schützen“, sagt Wiegel. „Aber das Geheimnis, um das zu schaffen, kennen nur die, die wirklich draußen schlafen.“ Glücklicherweise schaffen es die meisten – der Seelsorger hört selten davon, dass ein Obdachloser in der Kälte stirbt.

Auch Willi will den Winter wieder auf der Straße verbringen – anscheinend kennt er „das Geheimnis“. Als er still seine Suppe löffelt, dreht Wiegel gerade eine Runde durch den Speisesaal. Er hört Willi husten und fragt direkt nach seinem Namen. „Das hört sich aber nicht gut an! Komm doch in meine nächste Sprechstunde am Montag.“ Vielleicht nimmt Willi das Angebot ja an.

Seelsorger Alfons Wiegel bietet Willi seine Hilfe an. Foto: Regine Beyß

Seelsorger Alfons Wiegel (l.) bietet Willi seine Hilfe an. Foto: Regine Beyß

2 Comments

  • Schmidt sagt:

    Zur heutigen Mittagssendung Mitten im Leben über das Obdachlose Wohnungssuchende Pärchen. Sorry das ich sie Anschreibe- Ich habe in ihren Post gesehen das sie ein Herz für Obdachlose haben. Ich suche Hilfe zur Kontaktvermittlung.
    Ich habe noch leere Häuser wo auch Hunde mit rein könnten. Die Häuser könnte ich inneralb von Tagen Sanitär ausstatten. Eins ist schon bezugsfertig und für Tiere geeignet . Wenn jemand Bedürftige kennt bitte mit mir zusammenbringen. Ich bräuchte… Helfer welche die Bedürftigen ansprechen ob sie ein Haus möchten und dann die Bedürftigen zu mir bringen oder ich versuche wen zum abholen zu schicken wenn Interressenten da sind.Wenn es sehr viele Interressenten gibt würde ich vielleicht auch mein hier abgebildetes Schloss bei Weimar zur Verfügung stellen. Tierhaltung ist erlaubt. Fax 03631994160 Telefon 01734074163 Liebe Grüße Bitte Teilen und Posten

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