Gamescom: Familientauglich

Einmal im Jahr wird die Kölnmesse zum Mittelpunkt der Videospielszene. Publisher und Entwickler stecken auf der Gamescom den Rahmen für das nächste Jahr ab. Die Trends sind dieses Jahr eindeutig: Social- und Mobile-Gaming sowie große Blockbuster-Spiele und Fortsetzungen dominieren die Messe.

Die Gamescom 2012 war wieder Anlaufstelle für alle Gamer. Fotos: Bastian Pietsch

Die Gamescom 2012 war wieder Anlaufstelle für alle Gamer. Fotos: Bastian Pietsch

Die Gamescom stand dieses Jahr unter keinem guten Stern. Branchengrößen wie Microsoft und Nintendo hatten der Kölnmesse eine Absage erteilt. Die richtig großen Innovationen waren nicht zu erwarten, denn mit der nächste Konsolengeneration ist erst nächstes Jahr zu rechnen. Trotzdem verbucht die Messe neue Besucherrekorde. Mehrere Stunden Wartezeit mussten die Besucher mitbringen, wenn sie die Messehöhepunkte anspielen wollten.

Die Beliebtheit von interaktiver Unterhaltung ist nach wie vor ungebrochen. Vor allem der Bereich des Mobile-Gamings auf handlichen Geräten für unterwegs boomt. Dieser Sparte widmet die Gamescom dieses Jahr erstmals einen eigenen Bereich. Spiele für Smartphones, Tablets oder mobile Konsolen haben mittlerweile ihren größten Makel überwunden: Die Grafik kann sich durchaus mit der der vorherigen Konsolengeneration (Playsation 2, Xbox, etc.) messen.

gamescomtanzspiel

Tanzen ohne Knöpfchen drücken - nur genügend Wartezeit mussten Interessenten mitbringen.

Sport vor dem Fernseher

Schon etwas länger setzen Hersteller auf bewegungsgesteuerte Spiele. Boxen oder Tanzen ohne Knöpfchen drücken zu müssen: Das gibt es zwar schon etwas, liegt aber immer noch im Trend. Ein Schwerpunkt der sich dabei auf der Gamescom zeigte waren Spiele mit Sport-Bezug. Ob das Training vor dem heimischen Fernseher den Besuch im Fitness-Studio ersparen kann, sei mal dahingestellt, spaßig sind solche Spiele aber in jedem Fall.

Casual-Games (also Spiele für zwischendurch und für die ganze Familie) erfreuen sich allgemein großer Beliebtheit. Computerspiele sind längst nicht mehr einer kleinen Szene vorbehalten, sie sind Teil des Alltags geworden. Es gibt für jeden Ort (zu Hause oder in der U-Bahn), jedes Medium (Konsole, PC, Handy) und jeden Geschmack das richtige Spiel. Videospiele sind längst nicht mehr nur was für „Nerds“,  sondern können auch Familienunterhaltung sein.

Spieleproduktion mit Gussform

Die Aussteller geben sich auch dieses Jahr wieder alle Mühe, die Aufmerksamkeit der Besucher zu erringen. So schlurfen zum Beispiel als Zombie-Schulmädchen verkleidete Models durch die Messehallen. An einem anderen Stand: eine deckenhohe LED-Wand. Daneben plätschert ein künstlicher Wasservorhang. An einer Ecke steht ein „Auftragskiller“ im Anzug und posiert mit Plastikpistolen.

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Werbung für die (männlichen) Gamer unter den Besuchern.

Der Hang zum Bombastischen schlägt sich auch in den Spielen nieder: Ein Kampfhubschrauber stürzt zehn Meter entfernt ab und die Explosion zerreißt förmlich die Lautsprecher – der Held überlebt natürlich. Andere Szene: Die Hauptdarstellerin kann sich grade noch am Wrack eines alten Bombers über einen Abgrund hangeln, kurz bevor dieser in die Tiefe stürzt. Das sieht zwar alles schön aus, aber mal ehrlich: Wirklich neu ist das nicht. Und an den Bildschirm fesseln Effekte, die Hollywoodkino seit zehn Jahren bietet, auch keinen mehr. Sicher cineastische Inszenierung kann aus einem Spiel mit guter Geschichte noch das letzte Quäntchen rausholen, weit häufiger geht aber treten die Geschichte, das Gameplay und vor allem die Vielfalt gegenüber dem massenkompatiblen Bombast verloren.

Charakterlos und austauschbar

Vor allem Kriegs-Shooter sehen oft gleich aus: Als bis an die Grenze heroisierte Soldat kämpft sich der Spieler durch immer neue Gruppen von Feinden. Von ebenso testosteronstrotzenden Kameraden, die aber völlig charakterlos und damit austauschbar sind – ebenso übrigens wie in manchen Fällen der Held. Beim amerikanischen Publikum kommt der moderne Heroenepos auf dem Schlachtfeld seit jeher hervorragend an und auch die Fangemeinde in Europa ist groß. Ein funktionierendes wirtschaftliches Konzept, aber eben auch Spieleproduktion mit Gussform.

Aber genau das funktioniert eben – zumindest wirtschaftlich. Und so setzen die großen Publisher dieses Jahr auf Fortsetzungen. Kaum ein Spiel, das nicht mit einer Zahl im Titel endet. Aber um fair zu sein: Das muss nicht zwingend schlecht sein. Gute Spiele fortzusetzen bringt oft auch einfach erneut gute Spiele hervor und auch eine große Inszenierung trägt viel zum Spielerlebnis bei. Beides sind also durchaus wünschenswerte Entwicklungen. Nur wenn sie alles andere in den Hintergrund zu stellen drohen und damit der Spielebranche Innovationsgeist rauben, entsteht ein Problem. Zum Glück ist es soweit aber noch nicht.

Spielekultur: Evolution an zwei Fronten

Wo also geht die Reise hin? Spiele entwickeln sich momentan, so scheint es, in zwei Richtungen: Die einen werden immer benutzerfreundlicher, sind auf Smartphones und mobilen Konsolen zu spielen, Vernetzung der Spielergemeinde wird wichtiger. Spiele für zwischendurch sind im Kommen und der Anblick von daddelnden Jugendlichen und sicher auch Erwachsenen wird in ein paar Jahren zum Alltag gehören.

Auf der anderen Seite stehen die Spiele, die bewusst zu Hause bleiben wollen. Sie nutzen die Entwicklung der Hardware und werden immer realistischer. Die Grafik wird stetig besser. Inszenierung und Story können sich mit Kinofilmen messen. Doch: Genau wie bei Kinofilme gibt es auch hier solche Spiele mit Anspruch und solche, die den Spieler schlicht mit Bombast erschlagen. Große Spielehersteller setzten lieber auf Fortsetzungen als große Experimente zu wagen. Bei einigen Spielen gelingt aber auch der große Wurf – dann, wenn cineastische Inszenierung und packendes Gameplay mit einer gut erzählten Geschichte Hand in Hand gehen.

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