Warum Männer im Stadion weinen dürfen

logo_final_klein31Fußballfans gibt es in Dortmund viele. Bei jedem Heimspiel pilgern sie durch die Straßen und tauchen die Stadt in schwarz-gelb. Wenn sich mehr als 80.000 Fans im Westfalenstadion versammeln, brodelt die Stimmung. Es wird gemeinsam gejubelt und gelitten –  aus zurückhaltenden Anzugträgern werden im Stadion hochemotionale Fußballfans. Der Münchner Sozialpsychologe Prof. Heiner Keupp hat 30 Jahre an der LMU München gelehrt und sich mit dem Phänomen „Fan“ auseinandergesetzt. Er weiß, warum im Stadion bestimmte Tabus nicht gelten und introvertierten Menschen ihr Innerstes nach außen kehren.

pflichtlektüre online: Gibt es einen Durchschnitts-Fußballfan?

Sozialpsychologe Prof. Heiner Keupp

Sozialpsychologe Prof. Heiner Keupp

Es gibt eine sehr breite Palette von unterschiedlichen Typen. Zu den wichtigsten gehört der „Herz-Jesu-Fan“, der sein ganzes Wohlergehen von seinem Verein abhängig macht. „Herz-Jesu-Fan“, weil es viele Parallelen zwischen der Auslebung von Religion und diesem Fan-Sein gibt. Diese Gruppe empfindet eine tiefe Verbundenheit und Liebe zum Verein, selbst bei einer Niederlage. Dazu zählen unter anderem die Ultràs.Dann gibt es den Typ „Erlebnis-Fan“. Dieser will vor allem das Großereignis erleben, die Identifikation mit dem Verein steht nicht im Vordergrund. Ich denke der „Erlebnis-Fan“ ist sogar am weitesten verbreitet, dicht gefolgt vom „Herz-Jesu-Fan“.

pflichtlektüre online: Welcher Fan ist Ihnen denn am liebsten?

Jubelnde BVB-Fans beim 6:0 gegen Bielefeld

Jubelnde BVB-Fans beim 6:0 gegen Bielefeld

Das ist die Gruppe der „Kritischen Fans“. Das sind eher Fans von Clubs, die nicht so erfolgreich und kommerzialisiert sind. Es geht diesen Fans nicht nur um Emotionen und die eigene Integration in die Gruppe; sie reflektieren kritisch und machen sich Gedanken über Gewalt und Rassismus. Natürlich gibt es auch eine Gruppe, die die Masse nutzt um Gewalt auszuleben. Aber die möchte ich gar nicht als Fans bezeichnen.

pflichtlektüre online: Unter der Woche mit Schlips und Kragen im Büro, am Spieltag grölend im Stadion. Menschen, denen man es gar nicht zutraut, gehen völlig aus sich heraus, wenn ihr Verein spielt. Wie kommt das?

Stadion kann man sich selbst als ganz anderen Menschen erleben. Das hat ein bisschen etwas von einer Doppelexistenz. Es gibt zwei verschiedene Ansätze dies zu erklären: der erste besagt, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der ständige emotionalen Kontrolle verlangt wird, und in der Fußball als Ventil dient. Im Stadion darf man einfach mal alles herauslassen. Danach ist es im Alltag auch wieder einfacher, ruhig und gesittet, wie es erwartet wird, durch die Woche zu kommen. Die zweite Theorie geht von einem Massenphänomen aus. Der einzelne Mensch geht in der Masse auf, sofern eine Identifikation besteht. Das „Kritische Ich“ wird weitgehend außer Kraft gesetzt, Emotionen werden exzessiv ausgelebt.

Einige Bielefeld-Fans können ihre Wut über die Niederlage beim Spiel gegen den BVB nicht zügeln

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pflichtlektüre online: Warum dürfen Männer im Stadion weinen ohne als Memme dazustehen?

Es ist ein merkwürdiges Phänomen, dass im Stadion die Männlichkeitsnorm überschritten werden darf. Auch Körperkontakt ist erlaubt und es gibt nicht mehr die typischen Tabus. Im Stadion dürfen sich Männer abknutschen und um den Hals fallen und niemand unterstellt ihnen homosexuell zu sein, obwohl das eine homoerotische Komponente hat. Auch hier können wir von einer Ventilfunktion des Fußballs sprechen. Männer dürfen aus ihrer Alltagsrolle befristet aussteigen und Emotionen ausleben.

pflichtlektüre online: Wie wichtig ist das Wir-Gefühl fürs Fan-Sein? Und wieso ist gleiche Kleidung dabei entscheidend?

Schadenfreude bei den BVB Fans: Für die unterlegenen Bielefelder haben sie kein Mitleid

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Gerade in unserer hoch individualisierten Gesellschaft gibt es eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit und deshalb ist das Zugehörigkeitsgefühl, das zwischen den Fans im Stadion entsteht, für viele Menschen so wichtig. Über gemeinsame Markierungen wie Schals, Trikots und andere Fanartikel wird die Identifikation vereinfacht, da man sich direkt erkennt. Bereits auf der Hinfahrt zum Spielort kann sich das „Wir“ formieren. Auch gemeinsame Fangesänge, Choreographien und Symbole vereinfachen das Entstehen des Wir-Gefühls.

pflichtlektüre online: Welche Bedeutung haben Fan-Projekte in Ihren Augen?

Sie sind sehr wichtig, weil hier die Fan-Emotionen in verträgliche Bahnen gelenkt werden. Der Fan darf sich emotional ausleben und wird dabei verstanden – nur die Sicherungen dürfen nicht durchbrennen. Fans sind emotionale Pulverfässer und die Stimmung kann schnell in Aggressivität kippen. Da ist es gut, wenn die Fans in ihren Gruppen aufeinander aufpassen. Fanbeauftragte spielen eine wichtige Rolle um Struktur in die Masse zu bringen. Nur so klappt es, dass Woche für Woche Tausende emotionsgeladen in die Stadien pilgern und am Ende meistens friedlich wieder nach Hause gehen.

Interview: Hanna Zimmermann

Fotos: Foto-Seminar Institut für Journalistik

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