Das sind die besten Indie-Alben 2017 – bis jetzt

„The XX“ verwandeln Melancholie in Weltschmerz, „Bilderbuch“ liefern Snacks nach dem großen Hauptgang und die 17-jährigen „Van Holzen“ räumen die deutschsprachige Musiklandschaft auf. Diese Indie-Platten sollte man 2017 gehört haben. 

Die Hälfte des Jahres ist vorbei, 2017 feiert Bergfest. Die Musikwelt – bereits durch ein neues Helene-Fischer-Album und den ersten portugiesischen ESC-Gewinner erschüttert worden – darf sich dennoch freuen: Abseits von Kommerz und PR-Glitsche gibt es noch Künstler, die seit Silvester tatsächlich die Pop- und Rock-Landschaft mit neuen Alben um ein paar schöne Momente bereichert haben. Die besten Indie-Platten des Jahres – bis jetzt – in der Übersicht.

Weltschmerz, Karaoke, Dolce Vita : Die internationale Neuheiten 

Das „X“ bleibt auch auf dem dritten Album „I See You“ von der Band „The XX“ das bekannte Markenzeichen. Foto: Young Turks

The XX – I See You (13. Januar): Es ist eine Problematik, die seit Beginn der Pop-Musik zu existieren scheint: Macht ein Künstler so weiter, wie auf der vorherigen Platte, ist er „langweilig“. Versucht er sich an etwas Neuem, dann fordern die Fans den alten Klang zurück. Bereits früh in diesem Jahr hat das Londoner Trio „The XX“ den Spagat zwischen beiden Extremen gefunden. Mit ihrem dritten Album „I See You“ zeigen die Briten, wie eine Band sich gelungen weiterentwickeln kann, ohne ihren Stil maßgeblich zu verändern.

Die Melancholie, wie man sie von den Alben „xx“ und „Coexist“ kennt, ist noch da. Doch sie hat die nächste Stufe erreicht, ist nicht mehr roh, sondern mit Schnörkeln geschmückt. Kein wimmernder Eskapismus in eine Traumwelt mehr, sondern ein Weltschmerz, der so klar mit wummernden Bässen und rhythmischen Drums nach vorne getrieben wird, dass das gedankliche Entfliehen in eine schönere Utopie nicht mehr geht. Die Explosion aber kommt nie. Minimalismus bleibt Stilmittel der Musik und Motiv der Texte. Eine Absage an den Hedonismus, die Gier nach Überfluss, die der jungen Generation oft zugeschrieben wird. Auf dem Song „Naive“, einer ruhigen Midtempo-Ballade, singt Sänger Oliver Sim „Everyone’s trying to safe me, can’t they see, I’m having fun?“, im Stück „I Dare You“ heißt es: „I’m on a different kind of high“. Keine Ekstase, nur ein entspanntes Nicken zum Beat. Das reicht.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

 

Das Cover von „The Far Field“ sieht aus, wie das Album klingt: Bunt, aber irgendwie nicht ganz zeitgenössisch. Foto: Beggars Group

Future Islands – The Far Field (7. April): Wer freundlich urteilt, sagt: „Future Islands“ bleiben sich treu. Denn mit dem fünften Studioalbum „The Far Field“ tritt die Band aus Baltimore auf der Stelle. Mitte der 00er Jahre befreiten „Future Islands“ den Indie aus seiner Gitarren-Riff-Lethargie und führten ihn wieder näher an den Pop heran. Der erste und letzte mutige Sprung.

Immerhin: Sänger Samuel T. Herring haucht nun gar nicht mehr, mit der Stimme kratzt er. Und das laut. Der Gesang steht in den zwölf Songs klar im Vordergrund, versteckt sich nicht mehr hinter besitzergreifenden Klangschichten. Leider wirkt Herrings Stimm-Achterbahnfahrt vielleicht gerade dadurch oft übertrieben, teilweise wie eine mäßige Bowie-Imitation.

In „Shadows“ singt Herring: „A melody that trails and falls, yet never fully blooms. Plays like an old song that’s just out of tune“. Und genau so fühlt sich der Großteil der Stücke an: Wie ein alter Mann beim Karaoke, der schon zwei Gläser Wein zu viel hatte und nun verschwitzt durch ein Labyrinth aus übertriebener Sound-Ästhetik taumelt, in dem sich aber nichts Aufregendes finden lässt. Bereits ab der Hälfte des Weges macht er eh schlapp – und fällt um.

Bewertung: 2 von 5 Sternen

 

Alt-Js Cover ist ein Screenshot aus dem alten PlayStation-Spiel „LSD“. Foto: Infectious/PIAS /Rough Trade

Alt-J – Relaxer (2. Juni): Schon das Cover von „Relaxer“ lässt vermuten, was das mittlerweile dritte Studioalbum von Alt-J in sich trägt. Abgebildet ist ein Screenshot aus einem alten PlayStation-Spiel namens „LSD“, in dem es darum geht, eine hässliche, knallbunte Traumwelt zu durchforsten. Und tatsächlich: Alt-J liefert acht neue Stücke voller Rausch. Schön ist der allerdings wirklich nicht. Das Intro „3WW“ zieht sich ewig, könnte bis zum Einbruch kurz vor Ende auch so im Fahrstuhl der örtlichen Zahnarztpraxis laufen.

Sänger Joe Newman versucht wie gewohnt mit seiner Stimmknödelei Herzen zu brechen, darunter legen Alt-J Sphären aus hypnotischem Gedudel. Ganz nett, aber nichts zum Staunen. Mit „Hit Me Like That Snare“ greift die Band zudem völlig daneben. Das Stück klingt wie eine Handyaufnahme aus der Garage einer lausigen Schulband. Die Lyrics „We are dangerous teenager. Fuck you, I do what I wanna do“ macht es nicht besser, genauso wenig wie die Berichte von wilden Sexpartys, die Newman in der Strophe vor sich hin wimmert.

Bewertung: 3 von 5 Sternen

 

Gute Laune, Herzschmerz, Dolce Vita: „Ti Amo“ von „Phoenix“. Foto: Warner

Phoenix – Ti Amo (9. Juni):  Dass Phoenix auch noch wie verliebte Teenager klingen, obwohl alle Bandmitglieder das 40. Lebensjahr überschritten haben, mag komisch wirken. Noch komischer wirkt es, dass die Franzosen nun zur Hälfte auf Italienisch singen. Und doch ist „Ti Amo“ logisch. Und wie. Sommer, Strand und Vino in Zeiten von globaler Krisenstimmung. Feel-Good-Mood gegen Hass und Angst.

Der Flüster-Fieps-Gesang von Sänger Thomas Mars schwingt süß wie Himbeer-Gelato über Synthesizern, die als Direktimport aus dem Italo-Pop der 80er durch die Songs geleiten. Tanzbar wechselt sich mit kuschelig ab. „Non posso vivere. Troppo bisogno di te. Wish you decided to stay. We’re too far, we’re too far away“, wird da gesungen und man möchte gleich seinen Job kündigen und im Cabrio gen Süden fahren, während es auf „Tuttifrutti“ laut aus den Boxen schallt: „We’ll be trashing motels. Tuttifrutti, it’s all for free. Sell the gold, silverware. Burn the rest and melt with me“. Das ist la Dolce Vita.

Bewertung: 5 von 5 Sternen

 

Facebook-Depression gegen Sorgen-Egal-Attitüde: Die nationalen Neuheiten

„Der Ringer“ mag es auch auf dem Albumcover von „Softkill“ sehr futuristisch. Foto: Staatsakt

Der Ringer – Softkill (27. Januar): Epochen in der Kunst werden meist zu ebensolchen, wenn sie denn vorbei sind. Nachträglich. Wer jetzt aber schon mal „Der Ringer“ verorten möchte, der wählt am besten einen Begriff wie „Digitalromantik“ oder ganz dem Tech-Fokus der Hamburger Band angemessen „Romantik 2.0“. Der Künstler gegen die Alltagswelt. Die spielt sich nun allerdings anders als im 18. Jahrhundert hauptsächlich im Internet ab.

Mit Autotune auf der Stimme und schick-schrägen Synthesizern wird der Verfall des Individuums und der der zwischenmenschlichen Beziehungen in der vernetzten Moderne besungen. „Du siehst mich auf deinem Screen, Ziehst ganz wild an mir herum, Für dich bin ich nicht real, Ein Gesicht im Datenstrom“ heißt es in „Apparat“. Einen klaren Stil sucht man auf dem Debütalbum „Soft Kill“ vergeblich. Ein bisschen Neue Deutsche Welle, ein bisschen Psychedelic Rock, mal klare Strukturen, mal unerwartete Aufbrüche. „Der Ringer“ sind das Facebookprofil der deutschen Musikszene: eine riesige Inszenierung, die einen ratlos darüber zurücklässt, wer hinter der Maske steckt.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

 

Zauberhaft und ein schöner kleiner Bruder: „Magic Life“ von „Bilderbuch“. Foto: Redroad

Bilderbuch – Magic Life (17. Februar): „Bilderbuch“ die Kategorie „National“ zuzuweisen, fühlt sich ein bisschen wie Flunkern an. Die Österreicher als „International“ zu bezeichnen allerdings umso mehr, sind sie doch so ziemlich die wichtigste Band für die Entwicklung der deutschsprachigen Popmusik der vergangenen Jahre. Mit ihrem Album „Schick Schock“ legitimierten sie 2015 den Gebrauch von Anglizismen in Texten, führten den Autotune in eine Renaissance. Das musste erst einmal verdaut werden, der Nachschlag auf ein Album voller Hits dauerte. Nun haben „Bilderbuch“ auf „Magic Life“ genug „Snacks für die Late-Night-Show“ parat.

Von Aufregung, den kleinen Bruder zur Überplatte hinterherzuschieben, keine Spur. „Bilderbuch“ klingen tiefenentspannt, lässig, leisten sich sogar ein Gospel-Chor. Gar schon ein bisschen hochnäsig wirkt es, wenn Frontmann Maurice Ernst auf „Investment 7“ schmettert: „Bin ein Löwe der Zeit, der schönste meiner Art“. Die erwarteten Ohrwurm-Hooks, die richtig großen Hits bleiben fernab des Discogassenhauers „Bungalow“ aus – und genau dadurch ist „Magic Life“ zeitgenössischer geworden als die vier Musiker es vielleicht selber wollten. Es ist eine Platte zum Durchatmen, nach diesen hektischen zwei Jahren. Trotzdem kommt es an „Schick Schock“ nicht heran.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

 

Martialisch, trüb, düster: „Anomalie“ von „Van Holzen“. Foto: Warner

Van Holzen – Anomalie (3. März): Und dann sind da drei Jungs in Lederjacken, noch nicht alt genug, um Zigaretten zu kaufen und mit dem Appeal „letzte Reihe Deutsch Leistungskurs“. Und dann machen genau diese drei Jungs das wohl spannendste deutschsprachige Album des Jahres.

Ohne Schnickschnack, nur mit Gitarre, Bass und Schlagzeug, hauen die drei 17-jährigen „Van Holzen“ auf Anomalie dem Hörer ihr Trübsal so erbarmungslos heftig vor die Füße, dass die Beine zu zittern beginnen. Martialische Texte, ein Wechselspiel von zerbrechlich und unerschütterlich und überraschend eingängige Melodien machen die Platte zu einem schmutzig-schönen Unikat. Und wenn Sänger Florian Kiesling rotzig brüllt „Nenn mich Herr der Welt“, dann überlegt man kurz niederzuknien, vor diesem Bubi, der da gerade die Musiklandschaft aufräumt.

Bewertung: 5 von 5 Sternen

 

 

So bunt, wie das Album „Kids“ von „FOTOS“ klingt, schaut auch das Cover aus. Foto: PIAS

FOTOS – Kids (31. März): Sechs Jahre waren „FOTOS“ weg. Einfach nicht mehr da, genau wie die Musik, für die Hamburger Gruppe bekannt war: Gitarrenlastiger Indie-Rock a la „Bloc Party“ oder „Maximo Park“, nur eben mit deutschen Texten. Vielleicht hatten sie sich einfach an allem jugendlichen Kitsch abgearbeitet, den es so zu besingen gab. Mit „Kids“ zeigen „FOTOS“ zumindest nun, dass Teenager-Probleme und gebrochene Herzen mittlerweile nicht mehr so ihr Ding sind.

Aus Rock ist Pop geworden. Und der wirkt durchdachter als alles, was die Band zuvor veröffentlichte. Mit „Alles Offen“ landen „FOTOS“ einen Sommerhit mit Sorgen-Egal-Attitüde, „Haut“ ist ein Liebeslied, ganz und gar frei von Klischees und doch in Gänze wunderschön. Auf „Ozean“ wird sich die Stille der Tiefsee mit dröhnenden Synthesizern und wehmütiger Stimme herbeigesehnt.  

Nicht jeder der neun Songs dieser sehr ungewohnt elektronischen Platte ist ein Highlight. Aber das ist okay. Denn das lässt hoffen, dass „FOTOS“ ihre Transformation noch nicht ganz abgeschlossen haben. Abwarten also, was noch kommt.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Drei Tipps für den Rest des Jahres
  • Arcade Fire – EVERYTHING NOW (28. Juli) 
  • The National – SLEEP WELL BEAST (08. September)
  • Wolf Alice – VISIONS OF A LIFE (29. September)

Beitragsbild: flickr.com/chrisaitken mitt CC-Lizenz

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