Das Leben der Anderen – Facebook und die Neid-Spirale

Kate sitzt auf dem Bett in der Nervenheilanstalt, starrt auf den Bildschirm ihres Laptops. Starrt auf das neue Facebook-Profilbild ihres in London lebenden Exfreundes Victor, das ihn zusammen mit einer anderen Frau abbildet. Die Frau ist ausgerechnet Kates größte Gegenspielerin Anne. Die beiden sind auf dem Foto in einer innigen Pose zu sehen. Kate runzelt die Stirn und klickt sich auf Annes Profil. Dort findet sie deren aktuelle Statusmeldung: „10 days in London!!! Yeah!!!“ Anne und Victor ein Paar – das kann doch nicht sein.

Die beschriebene Situation ist eine Szene aus der Serie „About: Kate“, die derzeit bei arte ausgestrahlt wird. Sie handelt von einer jungen Frau, die sich an Neujahr in die Psychiatrie begibt, weil sie glaubt, keine Identität zu besitzen. Im Verlauf der Serie können die Zuschauer immer wieder teilhaben an ihren Gesprächen mit der Psychiaterin der Klinik, in denen sie beschreibt, dass sie keine sozialen Kontakte außerhalb von Facebook pflegt. Sie führt ein virtuelles Leben in dem sozialen Netzwerk, während die Realität, ihr Alltag komplett leer zu sein scheint.
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Serienfigur Kate hat sich selbst in die Psychiatrie eingewiesen, um ihre Identität außerhalb von Facebook zurück zu bekommen. Foto: ARTE Presse

Serienfigur Kate hat sich selbst in die Psychiatrie eingewiesen, um ihre Identität außerhalb von Facebook zurück zu bekommen. Teaserfoto: Markus Vogelbacher / pixelio.de, Foto: ARTE Presse

Stimmungen durch Facebook

Was hier fiktiv beschrieben wird und zunächst vielleicht absurd oder wie eine typische Dailysoap klingt, ist tatsächlich eine Problematik, der Wissenschaftler mehr und mehr auf den Grund gehen. Facebook ist in sehr kurzer Zeit ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft geworden. Die Plattform umgibt uns – egal, was wir gerade tun oder wo wir sind.

Doch übermittelt das Netzwerk nicht einfach nüchtern Informationen. Es erzeugt Stimmungen und steigert oder mindert unser Selbstwertgefühl, und zwar, weil es als Sprachrohr für die eigenen, aber auch die Aktivitäten der anderen dient.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Dr. Hanna Krasnova von der Humboldt Universität Berlin hat genau dies in einer Studie nachweisen können. Die Aktivität auf Facebook hat verschiedene Auswirkungen. Zum einen gibt es einen positiven Effekt durch das sogenannte „Social Browsing“. Der Nutzer klickt sich durch die Profile, findet Artikel, Bilder, Videos und Internetseiten, die andere teilen und erweitert so nachweislich seinen Horizont auf eine sehr einfache Art. Zusätzlich schafft der Einblick in das Leben anderer das Gefühl der Verbundenheit. Der Nutzer weiß über die Aktivitäten der anderen Bescheid und nimmt Anteil an ihrem Leben, ohne aber direkt Kontakt aufzunehmen.

Passives Konsumieren steigert das Einsamkeitsgefühl

Zwischen diesem Verbundenheitsgefühl und der sozialen Abschottung liegt ein schmaler Grat, der nicht selten überschritten wird. So kommt es, dass die Serienfigur Kate schließlich nur noch per Facebook die Neuigkeiten über ihre Freunde erfährt, die diese posten.

Einsamkeit durch's Surfen: Wer nur konsumiert, kann sich auch bald sozial ins Aus schießen. Foto: Alexandra H. / pixelio.de

Einsamkeit durch's Surfen: Wer nur konsumiert, kann sich auch bald sozial ins Aus schießen. Foto: Alexandra H. / pixelio.de

Ein einseitiger Kontakt, dem die Freundschaften in der Realität nicht stand halten können. Die US-amerikanische Wissenschaftlerin Moira Burke hat das in einer Untersuchung von verschiedenen Arten der Facebook-Nutzung bestätigt: Die Einsamkeit, die ein Facebook-Nutzer verspürt und das Ausmaß, in dem er sich sozial abschottet, sind eng verknüpft mit seiner sozialen Interaktion auf Facebook. Würde also Kate ihren Facebook-Freunden Nachrichten senden und auf den Profilen mehr aktiv kommunizieren, würde sich auch ihr Gefühl der Leere und Einsamkeit ins Positive verbessern. Die passive Aufnahme von Informationen führt aber zu einer gesteigerten Einsamkeit, laut Burke.

Doch nicht nur Einsamkeit scheint eine Konsequenz der passiven Facebook-Nutzung zu sein. Krasnova hat in ihrer Untersuchung festgestellt, dass auch Neid und Frustration und damit eine generelle Unzufriedenheit mit dem Durchstöbern von Profilen einhergehen.

In Krasnovas Nutzerbefragung war dafür das „glückliche Leben der anderen“ ein wichtiger Anhaltspunkt. Gut funktionierende Partnerschaften, frische Verliebtheit, große Reisen, berufliche Erfolge und schicke Party-Bilder der Facebook-Freunde führen laut Krasnova zu Neid. Hinzu kommt, dass das Ausbleiben von Reaktionen wie Likes oder Kommentare auf eigene Posts zur weiteren Frustration und wiederum zu Neid auf den „Like-Erfolg“ anderer Leute führt. Das passive Konsumieren serviert dem Nutzer also auf dem Silbertablett die spannenden Leben der Freunde, während er selbst allein und nutzlos vor dem Bildschirm sitzt und die Informationen nur konsumiert.

Eine Szene aus der Serie About Kate, in der Kate dem Internet abschwört. Foto: ARTE/Copyright

Eine Szene aus der Serie About Kate, in der Kate dem Internet abschwört. Foto: ARTE/Copyright

Neid-Spirale

Die verschiedenen Auswirkungen auf die eigene Stimmung stehen in Verbindung zueinander und begünstigen sich gegenseitig. Sie schaukeln sich schließlich zu etwas hoch, das Krasvnova die „Neid-Spirale“ nennt. Die äußert sich darin, dass jedes Bild besser als das des Freundes, jeder Spruch amüsanter als der des Bekannten sein muss. Das Resultat ist eine zunehmend narzisstische Darstellung auf Facebook, von Krasnova als „Self-Promotion“ bezeichnet wird.

Klicken wir uns selbst durch Facebook, erahnen wir solche Tendenzen vielleicht gar nicht so selten bei dem einen oder anderen Freund auf unserer Liste. „About: Kate“ beschreibt mit dem Psychiatrieaufenthalt aber sicher einen Extremfall. Und auch wenn Facebook zur Sucht werden kann: in Deutschland hat zumindest noch keine Klinik eine Facebook-Ambulanz eingerichtet.

Weiterlesen: Wie Facebook uns unser gesamtes Leben lang begleitet-ein Kommentar von Janina Semenova

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