Interview mit Streaming-Dienst-Gründer: „Ich habe trotzdem Netflix“

Nicolas Solar Lozier (35) sitzt an der Theke des Michelberger Hotels in Berlin und lässt seinen Blick durch den Raum schweifen. Dieser ist geflutet von Menschen mit Hornbrillen und ausgewaschenen Klamotten. Jazz-Musik vermischt sich mit Diskussionen über Kunst und Smoothies. Ein bisschen Café, ein bisschen Bücherei, ein bisschen Villa Kunterbunt. Es wirkt logisch, dass der gebürtige Chilene sich hier treffen wollte. Es ist Berlins selbsterklärter Wallfahrtsort für Kreative. Auch Lozier gehört zu ihnen: Seit November 2016 betreibt der ausgebildete Schauspieler mit einer Gruppe von Freunden das Portal „Behind The Tree“ – einen alternativen Streaming-Dienst, der nur Independent-Filme anbietet. Ein Gespräch über den Wert von Filmen, Til Schweigers Künste als Produzent und Mutlosigkeit bei Mainstream-Produktionen.

Herr Lozier, haben Sie als alternativer Streaming-Dienst-Anbieter einen „Netflix“-Account?

Ja, habe ich. Und den nutze ich auch häufig, weil Netflix eine super Plattform für Serien ist. Ich finde, alles was Netflix macht, macht es gut. Besonders die selbst produzierten Serien wie „The Crown“ finde ich richtig stark. Das ist glaube ich auch der Grund, warum das Konzept so gut funktioniert.

Sie meinen, die eigenen Serien sind der Schlüssel zum Erfolg? 

Vintage-Charme in digitaler Verpackung: Das Portal „Behind The Tree“. Foto: Behind The Tree

Nein nein, das Abo-Modell mit einer Monatspauschale ist der Erfolgsgrund. Aber Fakt ist, dass Filmemacher an einem Abo-Stream kaum Geld verdienen. Filmemacher verdienen pro Stream in etwa 0,06 Cent. Und das ist für ein Produkt wie einen Film, einfach nicht tragbar. Man muss sich nur einmal überlegen, wie viel ein Film, selbst wenn er keine Blockbuster-Produktion aus Hollywood ist, kostet. 

Warum haben Sie mit „Behind The Tree“ kein Abo-Modell sondern eine Bezahlung pro Film gewählt?

Für uns war von Anfang an klar, dass ein Abo-Modell keinen Sinn ergibt. Unser Hauptanspruch ist es schließlich, Filmemachern endlich wieder eine Plattform zu bieten, auf der sie angemessenes Geld für ihre Werke bekommen. Auch wenn dabei am Ende vielleicht nur ein Döner rausspringt. In einer Branche, die sehr teuer in der Unterhaltung ist, und auch im Moment viel Zuschauereinbrüche hat, ist uns das sehr wichtig, damit kleine Filmproduktionen nicht aussterben. Ein Spielfilm kostet bei uns 4,50 Euro pro Stream, ein Kurzfilm 2,50 Euro. Davon gehen 75 Prozent an die Filmemacher.

Und das ist auch für Sie als Unternehmen tragbar?

Mit den 25 Prozent Verdienst an den Filmen können wir alle Nebenkosten zahlen, die wir haben. Die beschränken sich so gut wie nur auf Serverleistungen. Wir sind aber auch nicht mit der Intention in das Projekt gegangen, mit „Behind The Tree“ Geld zu scheffeln. Alle Beteiligten machen das nebenbei. Wir sind so rund 15 Leute, die sich alle aus der Filmszene kennen und die ihren eigenen Jobs nachgehen. Ich bin mittlerweile im Marketingbereich tätig. Das Startkapital für „Behind The Tree“ kam aus unserer eigenen Tasche. Es gibt für uns keinen Businessplan, in dem steht, dass wir ab dem Jahr „XY“ richtig Geld verdienen und dann kündigen alle ihre Jobs und kaufen sich einen Porsche. Aber wir haben genug Marktforschung betrieben, um zu sehen, dass wir eine extrem große Zielgruppe ansprechen. Die Leute haben Bock auf Filme abseits von Hollywood.

Was ist überhaupt ein Indie-Film?

Ich glaube, der Begriff „Indie-Film“ ist heutzutage gar nicht mehr an seine ursprüngliche Bedeutung gebunden: Nämlich, dass ein Film mit unabhängigen Geldern bezahlt wurde, ohne Förderungen oder Produktionsfirma im Rücken. Es ist eher eine spezielle Art des Filmemachens. Ein bestimmter Look, der zum Beispiel durch das Benutzen einer Handkamera entsteht. Das ist ja schon fast ein Genre. Aber natürlich wollen wir hauptsächlich Filme an den Mann bringen, hinter denen keine große Produktionsfirma steht.

Nun gibt es auch immer wieder Indie-Filme, die ohne Produktionsfirma sehr bekannt werden. Zum Beispiel vor zwei Jahren der Film „Victoria“ von Sebastian Schipper. Woran glauben Sie liegt das?

Meines Erachtens gehört zum Film auch verdammt viel Glück dazu. Ein wirkliches Erfolgsrezept gibt es nicht. Auch jemand, der nach „Schema F“ erfolgreiche Filme produziert wie Til Schweiger, hat auch schon zwei, drei Filme in seiner Vita als Regisseur, die nicht funktioniert und nur 30 000 Zuschauer ins Kino bekommen haben.

Dürfte Til Schweiger diese Filme dann bei Ihnen vermarkten?

Ich denke nein. Er hat nämlich durch seinen Status grundsätzlich die Chance, seine Filme einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Das versuchen wir ja für die Filmemacher zu übernehmen. In der Sekunde, in der wir das Werk online stellen, haben wir das ja theoretisch auch geschafft. Es geht darum, dass zum Beispiel jemand aus Bielefeld auch einen Film sehen kann, der nur in Berlin auf einem Festival gelaufen ist. Eben keine Til-Schweiger-Filme, denen man ständig begegnet.

Netflix spielt individualisierte Empfehlungen aus. Haben Sie auch einen Algorithmus?

Nein, den haben wir bewusst weggelassen, weil der nicht menschlich ist. Dafür haben wir unser Kuratorensystem. Die „Stars“ der Szene wie zum Beispiel Frederik Lau, Jan Köppen oder Jessica Schwarz erstellen von allen Filmen auf unserem Portal ihre ganz persönlichen Bestenlisten, die dann als Empfehlungen für unsere User ausgespielt werden. Dabei können sich die Kuratoren auch frei aussuchen, ob sie alle Filme schauen wollen, oder ob wir ihnen eine Vorauswahl zum Ansehen geben. So garantieren wir Qualität auf unserer Seite.

Was macht denn die Qualität eines Films aus?

Das sieht jeder anders. Ich führe da auch regelmäßig Streitgespräche drüber. Filme packen mich, wenn sie das perfekte Zusammenspiel zwischen visueller Stärke und Musik haben. Ich finde zum Beispiel Christopher Nolan – ein Regisseur aus der Mainstreamszene – richtig gut. Was mir aber auf den Sack geht: Dass Filmmodelle, die einmal funktioniert haben, tausendmal kopiert werden, weil man sichergehen möchte, dass diese Erfolg haben. Durch diesen nicht vorhandenen Mut, gute Regisseure einfach mal machen zu lassen, worauf sie Bock haben, entsteht für mich Qualitätsverlust.

Haben Sie einen Lieblingsfilm?

Ich glaube schon, ganz sicher bin ich mir aber nicht. Es gibt auf jeden Fall einen Film, der mich immer wieder begeistert: „Delicatessen“ von Jean-Pierre Jeunet. Jeunet ist irgendwann mit „Die fabelhafte Welt der Amelie“ und „Mathilde“ in Kitsch abgedriftet. Es sind zwar zwei gute Filme, aber „Delicatessen“ ist so eine richtig schöne schwarze Zweite-Weltkriegs-Komödie, die so bitter und visuell abgefahren ist, dass sie mich vom ersten Moment an gepackt hat. Das hatte ich vorher so noch nie gesehen.

„Delicatessen“ gibt es leider nicht bei „Behind The Tree“ zu sehen. Haben Sie einen anderen heißen Film-Tipp? 

„The Life of Fish“ aus Chile, der in Deutschland keinen Verleih bekommen hat, aber international große Erfolge auf Festivals erzielen konnte. Und die Dokumentation „Music is our Weapon“. 

Beitragsbild: Nicolas Solar Lozier