Wie viel Social Media ist gesund?

Ein Leben ohne Facebook, Twitter und Co.? Das ist für manche heutzutage unvorstellbar. Die selbst ernannte „Hashtaghüterin“ Christina Quast twittert was das Zeug hält – und was in 140 Zeichen passt. Für Michael Egermann hingegen ist Social Media kein Thema mehr: Der 27-Jährige lebt ohne technische Kommunikationsgeräte. Zwei Extreme, zwei Lebensentwürfe. Am Ende bleibt die Frage, was Social Media mit uns macht.

Facebook und Co. sind für viele heutzutage kaum aus dem Alltag wegzudenken. Die fixe Idee eines amerikanischen Studenten, der im Jahr 2003 eigentlich nur seine Kommilitonen miteinander vernetzen wollte, hat sich inzwischen zusammen mit anderen sozialen Netzwerken zu einer Mega-Welle aufgebäumt. Jede Minute werden 100.000 Tweets abgesetzt, über 600.000 Nutzer teilen minütlich etwas auf Facebook.

Mit seinen 214 Milliarden Nutzern ist aus dem Geistesblitz des jungen Mark Zuckerberg der milliardenschwere Konzern ‚Facebook Inc.‘ erwachsen. Was ursprünglich zur Kommunikation zwischen Privatpersonen gedacht war, wird längst von Unternehmen, Politikern und Medien genutzt. Seit 2010 ist Social Media ein Trendthema – ein Hype, der sich wie so viele Trends nicht einfach wieder verflüchtigt, sondern sich im Gegenteil eher weiter ausbreitet.

Social Media ist ein (Reiz-)Thema

Was aber ist das spannende am Chatten, Nachrichtenschreiben, Geo-taggen, Fotos teilen, Freunden folgen, Veranstaltungen finden? Wieso machen Millionen Nutzer bei dem digitalen Exhibitionismus mit? Für Michael Roslon, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen, ist die enorme Resonanz von Social Media mit einer Art Herden-Effekt zu erklären. „Anbieten und erfinden kann man immer sehr viel“, sagt Roslon. „Überleben wird das, wovon sich die Leute irgendeinen Zweck versprechen. Warum die Leute Social Media nutzen, wissen die aber manchmal selbst gar nicht so genau.“

Allerdings gibt es noch Menschen, die bei dem Hype um die soziale Vernetzung nicht mitmachen. Der 27-jährige Michael Egermann ist ein Social-Media-Anti. Die Verbreitung profaner Privatinformationen sei genau so sinnlos, wie die Nabelschau mit vermeintlichen Ausnahme-Erlebnissen, zu der sich viele hinreißen lassen. Die Selbstdarstellung hält er für überflüssige Angeberei. „Das wäre dasselbe, als wenn man mit einem dicken Auto vorfährt – genau so kann man heute auch mit einem Bild bei Facebook vorfahren.“

Postkartenromantik statt Messenger-Klick

Vor knapp einem Jahr hat er sich nicht nur von Computer und Internet verabschiedet, sondern auch Telefon und Handy abgestellt. Drei Monate hat es gedauert, bis der Zahnarzt und Humanmedizinstudent seinen Alltag ganz ohne Kommunikationsmittel gemeistert hat. Die einzige Ausnahme ist die Nutzung eines Stationstelefons im Krankenhaus, das für ihn als Arzt unverzichtbar ist. Im Privaten bleibt er aber streng. Seine Freunde müssen sich seitdem mit selteneren Gesprächen zufrieden geben, Verabredungen wollen geplant und Treffpunkte ganz genau vereinbart werden. Die Interviewanfrage bekommt er per Post – und schickt selbstgebastelte Postkarten zurück.      

Analog statt digital: Verabredung per Postkarte (Fotos: Judith Koch)

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Die zweiwöchige Postkartenkommunikation bis zum Treffen ist eine Geduldsprobe. Trotzdem ist es etwas anderes, eigenhändig zugeschnittene und bemalte Kartonkarten aus dem Briefkasten zu ziehen, statt eine E-Mail oder SMS zu kriegen. Wie kommt ein 27-Jähriger dazu, so konsequent aus der modernen Kommunikationswelt auszubrechen?

Ganz ohne Kommunikationsmittel zu leben, ist ein sehr extremes Statement. Im Gespräch mit Michael Egermann fällt seine ruhige Art auf. Seitdem er ohne Kommunikationsgeräte lebt, habe er mehr Zeit für die wichtigen Dinge im Leben, sagt er. „Ich fühle mich ausgeglichener und paradoxerweise nicht einsamer. Man hat im Gegenteil in den richtigen Momenten mehr Ruhe.“

Einen ausschlaggebenden Grund gab es zwar nicht, trotzdem habe er eine leichte Abhängigkeit von Social Media gespürt, erzählt er. Seine Familie und seine Freunde sind bis heute nicht alle von seinem Lebenswandel überzeugt. „Die Reaktionen reichen von wahnsinniger Enttäuschung bis hin zu wahnsinnigem Beifall.“, sagt er. Aber den ständigen Austausch – besonders in „Nicht-Notfällen“ – war er irgendwann Leid. Heute will er sein Leben ohne Technik-Konsum nicht mehr eintauschen.

Twittern als Beruf

Michael Egermann ist das eine Extrem jenseits vom durchschnittlichen Twitter-User, der ein paar Tweets pro Woche absetzt. Die andere Seite ist die der Dauer-Twitterer, derer, die damit ihr Geld verdienen.

Christina Quast hat ihre Leidenschaft für Social Media zum Beruf gemacht. Die selbst ernannte „Hashtaghüterin“ twittert auf Veranstaltungen im Auftrag der Organisatoren oder für Institutionen über deren offiziellen Account. Außerdem gibt sie Social-Media-Workshops. Die Diplom-Journalistin ist Expertin für Web-Kommunikation und ihr Service ist inzwischen so gefragt, dass sie ihren Lebensunterhalt damit verdient. Was aber ist die Kunst beim twittern?

Es braucht also innovatives Fingerspitzengefühl. Mit professionellem Twittern könne sie mehr verdienen als in einem Job im konventionellen Journalismus, sagt Christina Quast. Twitter von überall aus als digitales Büro zu nutzen, ist für die viel reisende Quast ungemein praktisch. Mit ein paar Klicks und Tweets kann sie manchmal schon ihr tägliches Arbeitspensum erfüllen.

„Ich habe mir jetzt mal eine App installiert, die checkt, wie oft der Bildschirm angeht. Das ist schon viel, ich glaube die Zahl liegt so bei 70, 80 Mal am Tag“, erzählt sie. Christina Quast ist allerdings auch nicht nur bei Twitter aktiv, sondern auch auf Facebook, Foursquare, Xing, LinkedIn und Instagram. Ihr Alltag folgt dem Takt der sozialen Medien.

„Wenn ich mich mit anderen Social-Media-Leuten treffe, wird das Handy auch öfter herausgeholt. Ich mache dann auch meistens mehr Fotos und auch mehr in den sozialen Netzwerken, weil ich weiß, dass das von denen toleriert wird.“, erzählt sie. Was für Michael Egermann hektischer Konsumzwang war, ist für Christina Quast ein fester Pfeiler in ihrem Leben.

Was macht Social Media mit uns?

Hat der Social-Media-Konsum auch Auswirkungen auf unser Sozialverhalten? Die Forschung hat darauf bisher wenige Antworten gefunden. Die Möglichkeit der Selbstdarstellung in den sozialen Medien kann Michael Roslon zufolge aber durchaus einen positiven Effekt haben. Je nachdem, wie unser Belohnungssystem gepolt ist, können durch einen Facebook-Like Glücksgefühle freigesetzt werden. Wer sich zum Beispiel während der Arbeit am Computer zwischendurch bei Facebook einloggt, für den kann das eine echte Entspannung sein.

Aber Social Media funktioniert nicht ohne personenbezogene Nutzerdaten, die wir tagtäglich preisgeben und die sich die Werbeindustrie zu Eigen macht. Für den Persönlichkeitsschutz ist das ein großes Problem. Eine andere Gefahr ist das sogenannte Social-Media-Burnout, erklärt Michael Roslon. Dahinter verbirgt sich das ständige Gefühl, hinterher zu hinken und mit der technischen Entwicklung nicht Schritt halten zu können.

Im schlimmsten Fall kann eine dauerhafte Befeuerung mit Informationen zu einer Reizüberflutung führen. Aber wenn diese Gefahr besteht – wie gehen wir am besten mit Social Media um? Eine radikale Abkehr würde die Gesellschaft jedenfalls nicht weiterbringen. Schon Kleinkinder tippen und wischen auf den Smartphones ihrer Eltern herum. Im besten Fall müsse es zu einer Mediensozialisierung kommen, schlägt Roslon vor. Dazu müssten die Jüngeren von der älteren Generation lernen, wie sie am besten mit Social Media umgehen.

 

 

1 Comment

  • Missy sagt:

    Da ich bis vor einigen Monaten selbst auch noch kein Handy besessen habe weiß ich, das man auch ohne ganz gut durchs Leben kommt ! Aber so komplett ohne Kommunikationsgeräte!? Das stell ich mir dann doch recht kompliziert bis nahezu unmöglich vor!

    Das Ding ist, ich hätte da jetzt eigentlich schon die ein oder andere Fragen an den guten Michael… Tatsächlich wäre es auch gar kein Problem für mich, ihm die auf einer selbst gebastelten Postkarte zu zusenden! Da ich aber seine Adresse nicht kenne, gestaltet sich das eher schwierig… Und hier fängt es dann auch schon direkt an kompliziert zu werden!

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