Muttersprache – Eine besondere Beziehung

Sie gehört zu unserer Persönlichkeit. In ihr teilen wir uns mit, geben unsere Gefühle preis: unsere Muttersprache. Sie ist die erste Sprache, mit der wir als Mensch in Kontakt kommen. Für viele ist ein Leben ohne sie unvorstellbar. Was macht die Muttersprache so besonders? 

Seine eigentliche Muttersprache spricht Ghislain nur noch selten. Foto und Teaserfoto: Lucas Gries

Seine eigentliche Muttersprache spricht Ghislain nur noch selten. Foto und Teaserfoto: Lucas Gries

„Meine Identität“ – dieser Begriff fällt oft, wenn Ghislain davon erzählt, was seine Muttersprache ihm bedeutet. Entspannt sitzt der Kameruner Student in der Cafeteria am Dortmunder Uni-Campus. Zu unserem Gespräch erscheint Ghislain in einem afrikanischen Baumwollhemd. Blaue Muster zieren seine traditionelle Kleidung – auch das ist ein Ausdruck seiner Identität.

Von den Nachbartischen schallt ein dumpfes Stimmengewirr, doch der 29-jährige Ghislain lässt sich davon nicht ablenken. In nahezu perfektem Deutsch berichtet er jetzt davon, wie er zum ersten Mal nach Dortmund kam – in ein fremdes Land, in einer fremden Stadt und gefangen in seiner eigenen Muttersprache Französisch, mit der er sich hier nicht verständigen konnte.
Ghislain ist in Douala geboren, einer Stadt an der Atlantikküste Kameruns. Acht Jahre ist es her, dass er seine Heimat Richtung Deutschland verlassen hat.
Nach einem Abstecher in Marburg, wo er Humanbiologie studiert hat, ist er vor zwei Jahren ins Ruhrgebiet zurückgekehrt. Zurzeit studiert Ghislain im dritten Semester Chemieingenieurwesen.
Dank eines Sprachkurses an der Universität hat er schnell Deutsch gelernt. Dennoch war es am Anfang für ihn nicht einfach, ohne Französisch auszukommen. „Man hat Angst, Fehler zu machen und traut sich daher nicht zu sprechen. In meiner Muttersprache kann ich mich tiefsinnig unterhalten“, erklärt Ghislain.

Wie wir unsere Muttersprache lernen

Woher kommt es, dass man sich in seiner Muttersprache wohler fühlt?
Eine Erklärung dafür liefert Katja Cantone-Altintas, Professorin für Deutsch als Zweitsprache an der Universität Duisburg-Essen. „Zweit- oder Drittsprachen werden anders gelernt als die Erstsprache, weniger spielerisch“. Das bestätigt auch Erkan Özdil, Dozent am Institut für Germanistik an der TU Dortmund: „Mit zunehmendem Alter verändern sich die Lernprozesse. Erwachsene lernen Sprachen kognitiv, indem sie diese mit der Erstsprache vergleichen“. Bei Kindern sei das anders, sagt Özdil. Mit der Muttersprache lernen sie ihre Umgebung kennen. Gegenstände erhalten so einen Namen, die Welt der Kinder wird sprachlich strukturiert. In den ersten drei Lebensjahren kann das Gehirn eine Vielzahl von neuronalen Netzen bilden, die den Spracherwerb fördern. In diesem Zeitraum sind Kinder für Sprachen besonders empfänglich und können bei entsprechender Förderung sogar mehrsprachig aufwachsen.

Ghislain ist ein Beispiel dafür. Neben der Amtssprache Französisch hat er in seinem Heimatland die Minderheitensprache Fêfê gelernt. Doch immer weniger Kameruner beherrschen eine der rund 250 ethnischen Sprachen ihres Landes. Die UNESCO schätzt, dass weltweit etwa die Hälfte der 6000 derzeit existierenden Sprachen vom Aussterben bedroht sind. Auch Ghislain ist von dieser Entwicklung besorgt: „Wenn niemand mehr diese Sprachen spricht, bleibt irgendwann nichts mehr davon übrig und ein Teil der Kultur geht verloren“.
Im Jahr 2000 haben die Vereinten Nationen den 21. Februar zum Welttag der Muttersprache ausgerufen, um auf die Bedeutung des Kulturguts Sprache hinzuweisen.

 

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