Deutsche Sprachen sterben aus

Ein Beitrag von Christina Schönberger

Früher waren sie in allen Teilen Deutschlands und anderen Ländern Europas weit verbreitet, heute werden sie nur noch von wenigen gesprochen: deutsche Dialekte. Zwar gibt es noch viele Passivsprecher, also Menschen, die Dialekte verstehen, aber nicht selbst sprechen. Doch mit unserer Studenten-Generation werden so gut wie alle deutschen Sprachen verloren gehen. Die UNESCO sieht bereits heute sämtliche deutschen Dialekte zumindest als gefährdet an.

Dr. Georg Cornelissen ist Leiter der Abteilung Sprachforschung am Institut für rheinische Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn und forscht über Dialekte. Foto: Andrea Külkens.

Dr. Georg Cornelissen ist Leiter der Abteilung Sprachforschung am Institut für rheinische Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn und forscht über Dialekte. Foto: Andrea Külkens. / Teaserfoto: Gerd Altmann / pixelio.de

Der ursprüngliche Dortmunder Dialekt ist schon vor langer Zeit durch die Industrialisierung und den Zuzug verschwunden. „Die Ur-Dortmunder waren plötzlich in der Minderzahl und der Dialekt funktionierte nicht mehr“, erklärt Dr. Georg Cornelissen. Er ist Leiter der Abteilung Sprachforschung am Institut für rheinische Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn und beschäftigt sich insbesondere mit den Dialekten und Regiolekten im Rheinland und mit regionaler Sprachgeschichte. Regiolekte sind regional verbreitete Umgangssprachen, die nur noch abgemilderte dialektale Eigenschaften haben. Selbstverständlich ist diese Entdialektisierung kein Problem, das nur Dortmund betrifft, sondern ganz Deutschland und viele andere europäische Länder ebenfalls.

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In Deutschland werden Dialekte aus mehreren großen Dialektfamilien gesprochen. Dazu gehören zum Beispiel bekannte Dialekte wie Bairisch, Niedersächsisch und Nordfriesisch, aber auch Alemannisch, Moselfränkisch und Saterfriesisch. Außerdem gibt es auch im Ausland deutsche Dialekte, zum Beispiel Jütländisch in Dänemark, Romani in Rumänien und Yiddish in Weißrussland. Alle diese Dialekte sind in Gefahr, denn der Trend bewegt sich seit langer Zeit hin zu landesweit einheitlichen Hochsprachen. „Die Entdialektisierung schwappt über ganz Deutschland hinweg. Im Norden ist sie zwar noch stärker als im Süden, aber auch dort verschwinden die Dialekte“, erklärt Cornelissen.

Noch vor ein oder zwei Generationen wurden in den meisten Familien Dialekte gesprochen. Heute nur noch in sehr wenigen. Foto: Jerzy Sawluk / pixelio.de

Noch vor ein oder zwei Generationen wurden in den meisten Familien Dialekte gesprochen. Heute nur noch in sehr wenigen. Foto: Jerzy Sawluk / pixelio.de

Dass das so ist hat verschiedene Gründe. Zum Beispiel sind die Menschen heute sehr viel mobiler als noch vor fünfzig oder einhundert Jahren und leben oft weit entfernt von ihren Heimatorten. Auch gelten Dialekte heute noch häufig als Zeichen niederer sozialer Herkunft, so dass sich viele Eltern entschließen, ihr Kind ohne Dialekt zu erziehen. Was man heutzutage unter jungen Leuten hört, ist meist kein Dialekt, sondern nur noch ein Akzent. Der Akzent hängt zwar mit dem Dialekt zusammen, ist aber kein Indiz dafür, dass ein Dialekt gesprochen wird. Damit geht auch ein großer Teil deutscher Kultur verloren. „Dialekte haben in großen Teilen Deutschlands eine Geschichte, die 1500 Jahre zurückreicht, zum Beispiel die Dialekte hier am Rhein. Und die gehen ein für alle Mal verschütt‘“, sagt Cornelissen.

„Grüß Gott“ und „Auf Wiedersehen“ statt „Hallo“ und „Tschüss“

Punktuell gibt es immer wieder Bemühungen, Dialekte oder zumindest Teile davon im aktiven Sprachgebrauch zu erhalten. Schlagzeilen machte Anfang Februar beispielsweise eine Schulrektorin aus Passau, die in ihrer Schule verlangt, dass die norddeutschen Grußformeln „Hallo“ und „Tschüss“ durch „Grüß Gott“ und „Auf Wiedersehen“ ersetzt werden sollen. Auch in Ostfriesland gibt es starke Bemühungen, den Dialekt zu erhalten, zum Beispiel durch muttersprachlichen Unterricht. Doch Cornelissen glaubt nicht, dass diese Bemühungen erfolgreich sein werden: „Wenn der Dialekt lebt, lebt er als Sprache des Alltags und informeller Situationen. Wenn man etwas für den Dialekt tun will, muss man ihn sprechen. Schule reicht nicht, wenn in der Umgebung kein Dialekt gesprochen wird.“

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Mit dem Internationalen Tag der Muttersprache, der seit dem Jahr 2000 jährlich am 21. Februar begangen wird, versucht die UNESCO unter anderem auf dieses Sprachensterben aufmerksam zu machen. Doch auch mit einem Gedenktag wird diese Entwicklung nicht mehr aufzuhalten sein. „Es ist schön, dass am heutigen Tag darauf aufmerksam gemacht wird. Der Prozess ist aber schon seit Jahrzehnten am Laufen“, erklärt Cornelissen.

„Es gibt keinen Dialekt 21“

Einen Dialekt in der Schule zu lehren bringt nichts, sagt Georg Cornelissen. "Dialekte leben im Alltag und in informellen Situationen." Foto: Marina Großmann / pixelio.de

Einen Dialekt in der Schule zu lehren bringt nichts, sagt Georg Cornelissen. "Dialekte leben im Alltag und in informellen Situationen." Foto: Marina Großmann / pixelio.de

Zwar gibt es heute noch viele Millionen Menschen mit passiver Kompetenz, die die Dialekte ihrer Eltern und Großeltern zwar verstehen, aber nicht sprechen können. Doch genau da liegt das Problem, denn diese passive Kompetenz kann nicht aktiv an andere weitergegeben werden. Die Dialekte werden zusammen mit ihren verbliebenen Sprechern aussterben und – ähnlich wie Altgriechisch oder Latein – zu toten Sprachen werden, die nur noch in Mitschriften und einigen wenigen Tondokumenten existieren. Die nächsten Generationen werden so ohne lebendige Dialekte aufwachsen. „Es gibt keine Dialektbewegung, kein Dialekt 21. Wir haben es hier mit einer globalen Entwicklung zu tun. Und der Gegner ist stärker als die Deutsche Bahn“, sagt Cornelissen.

Die Forschungsrichtung Dialektologie wird es natürlich auch weiterhin geben, doch ihr Forschungsgegenstand schmilzt dahin, so dass sie sich immer mehr den Regiolekten zuwendet. Und diese Regiolekte werden auch weiterhin die Herkunft eines Menschen verraten können. Doch ein großer Teil unserer Sprachkultur wird in naher Zukunft ganz verschwunden sein.

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