Indie-Labels: Subventionierte Leidenschaft?

Die US-Regierung debattiert zurzeit über einen Gesetzentwurf, um unabhängige Musik-Labels zu subventionieren. Die staatliche Unterstützung soll die Indies vor allem international wettbewerbsfähiger machen. Gleichzeitig konzentriert sich der Musikmarkt in Deutschland immer mehr auf wenige große Konzerne. Keine guten Voraussetzungen, um ein Indie-Label zu betreiben. Ist staatliche Unterstützung eine Option für deutsche Plattenfirmen?

Besonders Konzerte sind für Musiker und Labels wichtige Einnahmequellen. Foto: Stefan Dierkes

Besonders Konzerte sind für Musiker und Labels wichtige Einnahmequellen. Foto: Stefan Dierkes

Eine Million Dollar sollen amerikanische Independent-Labels laut dem Gesetzentwurf (Making United States Independents Competitive, kurz MUSIC) des demokratischen Kongress-Abgeordneten Jerrold Nadler jährlich bekommen. Die American Association of Independent Music (A2IM) – die Interessenvertretung der Indies – begrüßt diesen Vorschlag.

„Nein, ein Label staatlich zu fördern, halte ich nicht für sinnvoll“, sagt Stefan Reichmann, Geschäftsführer des Independent-Labels Haldern Pop Recordings. Gerade in Bezug auf Festivals und auf das hauseigene Haldern Pop Festival spricht Reichmann von möglicher Wettbewerbsverzerrung. Staatlich geförderte Festivals könnten „so viel ausgeben können wie wir einnehmen.“  Niemand arbeite heute für ein Independent-Label, um damit viel Geld zu verdienen, sondern vielmehr aus purer Begeisterung und Musikleidenschaft.

Ohne „Initiative Musik“ keine Auslandspromotion

Diese Meinung vertritt auch Peter Gruse vom Berliner Label Sinnbus. Allerdings ist er froh über die staatlichen Förderungsmöglichkeiten. Sein Label nutzt die staatliche Förderung der „Initiative Musik“. Die von der Bundesregierung mit knapp zwei Millionen Euro bedachte Organisation unterstützt die deutsche Musikwirtschaft. Gerade die Vermarktung im Ausland sei nur durch diese Fördergelder möglich gewesen, sagt Peter. Auch Dr. Johannes Ullmaier von der Uni Mainz, der mit „What’s so funny about L’age Polyd’or? Zur Independent/Major-Konstellation“ einen viel zitierten Beitrag über den Musikmarkt verfasst hat, meint, dass staatliche Förderung temporär ein Weg sein könne, um autonome, aber marktferne Musiksparten zu erhalten.

Beispiele aus anderen europäischen Ländern zeigen, dass staatliche Kulturförderung im Musikbereich durchaus Früchte tragen kann. Peter nennt Länder wie Schweden, Island, Frankreich und England als positive Beispiele. Staatliche Gelder ermöglichten es Bands, ihre Musik international zu veröffentlichen und zu promoten. Gerade aus diesen Ländern sind in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich viele neue Bands bekannt geworden.

Schweden als Musterbeispiel der Kulturförderung

Ist staatliche Förderung ein wichtiges Heilmittel um den Gesundheitszustand deutscher Indies zu verbessern? Foto: Rainer Sturm / pixelio

Ist staatliche Förderung ein wichtiges Heilmittel, um den Gesundheitszustand deutscher Indies zu verbessern? Foto: Rainer Sturm / pixelio

Signifikantestes Beispiel ist die Masse an schwedischen Bands, die Anfang der 2000er Jahre in ganz Europa bekannt wurden, unter anderem Mando Diao, Shout Out Louds oder The Hives. Einen wichtigen Grund für den Erfolg sieht Gruse in der guten Zusammenarbeit des schwedischen Exportbüros und der Bands. Die Fördergelder machen es für Bands einfacher, durch Europa zu touren und über Live-Auftritte ihren Bekanntheitsgrad zu steigern. Auf ein größeres Publikum folgen meist größere Einnahmen, wovon dann schließlich auch die Labels profitieren. So habe Sinnbus seine solide finanzielle Lage auch in großen Teilen den erfolgreichen Live-Auftritten seiner Bands zu verdanken.

Auch Stefan Reichmann unterstützt eine gezielte staatliche Förderung für Bands und Künstler, zum Beispiel mit Tour-Förderungen. Aber: „Indie-Labels mit (finanzieller, Anm. d. Red.) Sicherheit auszustatten, heißt nicht, dass man bessere Musik findet.“ Viel eher wünscht er sich, dass in Deutschland insbesondere die öffentlich-rechtliche Radiolandschaft mehr Aufmerksamkeit auf Bands legt, die von Indie-Labels vertreten werden. Tatsächlich werden gerade Formate wie Plan B bei 1Live, die ihren Fokus auf die Förderung von neuer, innovativer Musik kleiner Plattenfirmen legen, oft im Abend- und Nachtprogramm versteckt. Der Großteil der öffentlich-rechtlichen Sender bietet solche Formate überhaupt nicht an.

Radiosender verlassen sich auf Songs von Major-Labeln

Belegt wird die Ausgrenzung der Musik von Indie-Labels durch eine Statistik des European Music Office: Nur 7,9 Prozent der von September 2010 bis 2011 gespielten Radiosongs stammen von Independent-Labels, wobei hier Adele, die bestverkaufte Indie-Künstlerin der vergangenen Jahre, einen großen Anteil ausmacht. Zudem kommen 94 der 100 am häufigsten im Radio gespielten Stücke des Jahres 2011 aus der Major-Label-Produktion.

Die Lobby-Arbeit der großen Labels sei ein Grund für den Major-Label-Fokus bei Radiosendern, meint Stefan Reichmann. Er wünscht sich, dass Radiosender experimentierfreudiger werden und sich trauen, Musik zu spielen, die nicht aus den Pressen der drei großen Unternehmen des Musikmarkts – Universal, Sony und Warner – stammt. Das soll aber nicht über eine Quote, sondern eher über Bewusstsein und Begeisterung für Musik abseits des profitorientierten Mainstreams passieren.

Strukturelle Verbesserungen für Indie-Labels schaffen

Jörg Heidemann hat noch andere Konzepte, um unabhängige Labels zu unterstützen: Er arbeitet bei der VUT, der Vereinigung unabhängiger Musikunternehmen, die kleine und mittelständische Plattenfirmen, Verlage und Musikproduzenten vertritt. Anstatt rein staatlicher Unterstützung versucht die VUT, infrastrukturelle Voraussetzungen zu schaffen, damit Labels etwa Kleinkredite bekommen.

Dadurch schafft man Planungssicherheit für Plattenveröffentlichungen. Denn diese müssen vom Label vorausfinanziert werden und erst nachdem die Platte fertig ist, manchmal ein Jahr später, können die Labels auf erste Einnahmen hoffen. Und wenn die erwarteten Verkaufszahlen nicht erreicht werden, kann das für solch kleine Labels schon existenzbedrohend sein. Am Beispiel der Berliner Plattenfirma Louisville Records bedeuteten schlecht verkaufte Alben zwei ihrer Künstler das endgültige Aus im Jahr 2010. Major-Labels sind durch ihr größeres Portfolio besser aufgestellt, um auch ein floppendes Album auffangen zu können.