Duell am Donnerstag: Soll der Staat Drogen verkaufen?

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Geht’s nach der Bezirksregierung in Berlin-Kreuzberg, wird sie schon bald Marihuana verkaufen. Grund dafür ist der florierende Drogenhandel rund um den Görlitzer Park, den Polizei und Justiz bislang nicht unter Kontrolle kriegen. Steigt nun der Bezirk in den Handel ein – so das Kalkül – vertreibt das die Dealer, und arglose Parkbesucher haben wieder ihre Ruhe. Gesetzlich ist die Lage umstritten: Der Verkauf von Drogen ist verboten – es sei denn, es besteht ein öffentliches Interesse. Doch soll der Staat wirklich Drogen verkaufen? Ein Duell zwischen Henrik Veldhoen und Teresa Bechtold.

(Teaserfoto: Susanne Schmich  / pixelio.de)

Ja!

Ein Coffeeshop in Berlin-Kreuzberg als Modellversuch ist die einzig vernünftige Antwort auf die Drogenproblematik dort.

Über 120 Razzien gab’s dieses Jahr schon im Görlitzer Park. Gebracht hat das fast gar nichts: Man kann den Dealern nur dann was anhängen, wenn sie auf frischer Tat ertappt werden. Das passiert so gut wie nie. Und selbst wenn – dann rückt eben ein neuer Ticker nach.

Der Kampf gegen Drogen durch ein Verbot ist offensichtlich gescheitert. Süchtige bekommen ihren Stoff immer irgendwoher, selbst Strafverfolgungsbehörden fordern mittlerweile eine neue Regelung. Doch die Politik hält lieber an der schmutzigen Illegalität von Cannabis fest. Dabei ist die Zeit längst reif, einen neuen Weg zu testen: Zum Beispiel den kontrollierten, legalen Verkauf von Cannabis über einen staatlichen Coffeeshop.

Lieber der Staat verdient als kriminelle Drogenbosse

Nur so kann man den blühenden Schwarzmarkt effektiv eindämmen. Soll doch lieber der Staat an der Cannabis-Sucht verdienen, als kriminelle Drogenbosse!

Ich will die Wirkung von Cannabis nicht verharmlosen. Gerade Langzeit-Konsumenten tragen oft psychische Schäden davon. Deutlich gesundheitsschädlicher ist aber der Dreck, mit dem die Dealer auf der Straße ihren Stoff strecken: Haarspray, Vogelsand und Blei machen sich nicht gut in den Lungen der Süchtigen. Durch einen staatlich kontrollierten Anbau und den Verkauf von „sauberem“ Cannabis vermeidet man chronische Folgekrankheiten, die die Krankenkassen Millionen kosten.

Der Reiz des Verbotenen entfällt

Und was spricht gegen ein Modellversuch wie den Kreuzberger Coffeeshop“? Kritiker fürchten eine Bagatellisierung von Cannabis, die Zahl der Kiffer könnte explodieren. Der Blick in die gras-toleranten Niederlande zeigt das Gegenteil: Dort kiffen prozentual weniger Menschen als hierzulande, weil der Reiz des Verbotenen entfällt.

Entscheidend ist, wie man den Coffeeshop verkauft: Sicher nicht als harmlosen Ort für die Feierabend-Tüte, sondern als Anlaufstelle für Süchtige mit medizinisch ausgebildetem Personal, das zur Not auch Hilfe anbieten kann. Das eingenommene Geld muss in Aufklärungskampagnen fließen. Am wichtigsten ist aber der Preiskampf: Kann man den nicht gewinnen, werden die Süchtigen weiter zu den Dealern im Görli gehen.

Ein einzelner Shop wird das Problem nicht komplett lösen. Langfristig braucht es eine klare Regelung, die die Konsumenten aus ihrer Kriminalität holt. Ein Projekt wie die geplante Verkaufsstelle in Kreuzberg ist aber ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Nein!

„Möchtest du Gras?“, fragt mich ein junger Mann. Dabei wedelt er mit einem kleinen Päckchen vor meiner Nase herum. „Guter Preis, guter Preis“. Er redet laut und deutlich, obwohl in dem gut besuchten Kneipenviertel am Görlitzer Park in Berlin zahlreiche Menschen in Hörweite sind. Sein Angebot hat nichts Heimliches oder Verbotenes an sich. Ich verneine, laufe weiter und werde drei Meter weiter schon wieder angesprochen.

Es sind locker um die 50 Drogendealer, die am Görlitzer Park in Berlin ihre Ware anbieten. Dass am Görli Drogen verkauft werden, weiß jeder, auch die Polizei, die regelmäßig Razzien veranstaltet. Über 8000 Einsatzkräftestunden hat sie in diesem Jahr am Görlitzer Park geleistet. Doch nach den Razzien sind die Dealer schnell wieder da.  Anwohner berichten von Drohungen, Frauen beschweren sich über Belästigungen. Der Park ist vermüllt, Familien mit Kindern sucht man vergeblich.

Ein einzelner Coffeeshop ist keine Lösung

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann möchte an dieser Situation etwas ändern. Die Grünen Politikerin hat vorgeschlagen, einen Coffeeshop am Görlitzer Park einzurichten. Ein entsprechender Antrag des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg liegt dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte vor. Wenn das Institut den Antrag zulässt, könnten Cannabis und Haschisch ähnlich wie in den Niederlanden legal verkauft werden. Der Verkauf von Drogen soll so aus der Kriminalität geholt werden, den Dealern würde damit die Geschäftsgrundlage entzogen werden.

Doch ein einzelner Coffeeshop am Görlitzer Park kann keine Lösung sein. Wenn der Görli deutschlandweit der einzige Ort ist, an dem Cannabis legal verkauft werden darf, würde das Problem lediglich verschoben werden. Die Dealer könnten in einen anderen Park in einem anderen Bezirk ziehen und ihre Ware dort verkaufen.

Bundesweite Legalisierung ist nötig

Zudem würde sich die Situation der Anwohner, die schon jetzt über Überfüllung klagen, kaum bessern. Eher ist zu erwarten, dass es durch den Drogen-Tourismus noch dreckiger und lauter wird als bisher.

Es wäre schon ein bundesweiter Vorstoß nötig, der Coffeeshops in ganz Deutschland erlaubt, um den gewünschten Effekt für den Görlitzer Park zu erzielen. Nur so könnte vermieden werden, dass der Görli zu DEM Drogen Hot-Spot in Deutschland wird.  Ein Coffeeshop am Görlitzer Park wäre nur einer von vielen, es gäbe gute Chancen, dass sich die Situation im Park wieder normalisiert. Die bundesweite Legalisierung von Cannabis und Hasch, das klingt sehr unrealistisch. Angesichts der Situation am Görli wäre es sinnvoll, sich trotzdem dafür einzusetzen.

das-duell-feeder Foto: stockxchng/bizior, Montage: Steinborn/Schweigmann

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4 Comments

  • Henrik sagt:

    Dicken, zum Teil gebe ich dir da Recht. Überwiegend von „Süchtigen“ zu schreiben, wie ich es getan habe, blendet sicherlich den größten Teil der Konsumenten aus. Dennoch: In der öffentlichen Wahrnehmung handelt es sich bei Konsumenten (einer gesetzlich verbotenen Droge) oft automatisch um Süchtige. Konsequent den Begriff der Sucht zu vermeiden, ist meiner Meinung nach kontraproduktiv und wird von Cannabis-Gegnern schnell als verharmlosende Kiff-Propaganda abgetan und allein deshalb schon nicht ernst genommen.

    Was die Möglichkeit (nicht den Zwang!) eines medizinischen Betreuungsangebot angeht, wie von mir vorgeschlagen, so handelt es sich um einen Kompromiss. Mir geht’s in meiner Argumentation ja nicht um eine fertige Lösung für alle Zeiten, sondern um einen ersten Schritt in eine Richtung – und dabei spielen politische und gesellschaftliche Aspekte eine extrem wichtige Rolle. (Genau deshalb hinkt ja auch der zugegeben amüsante Vergleich mit der Alkoholberatung in der Kneipe – auf diese Idee würde doch niemand kommen, weil „Trinker“ ein ganz anderes Standing in der öffentlichen Wahrnehmung haben.)

    Man muss berücksichtigen, was überhaupt politisch umsetzbar und gesellschaftlich tragbar ist und da ist das Stichwort der „Kontrolle“ sicherlich sehr wichtig. Mit den dann gemachten Erfahrungen kann man viel einfacher weitere Schritte gehen.

    Von jetzt auf gleich ein Modell wie in den Niederlanden einzuführen, wird meiner Meinung nach nicht funktionieren, allein weil es auf eine viel zu große Gegenwehr stoßen würde. Deshalb muss man realistisch überlegen, was ein sinnvoller Anfang, ein „Modellprojekt“ sein könnte. Und da denke ich, dass das Angebot (!) einer medizinischen Betreuung für Süchtige sicherlich eine gute Idee ist – aber natürlich nicht die einzige und mit Sicherheit auch nicht der Weisheit letzter Schluss.

      Zitat:  Antwort:

  • Henrik sagt:

    Erec,
    @Erec: Dass Cannabis süchtig macht ist ein alter Hut? Sorry, aber meiner Meinung nach ist diese ewige Verharmlosung von Cannabis der alte Hut. Natürlich macht Cannabis süchtig! Zwar weniger körperlich als psychisch, ist aber beides wissenschaftlich nachgewiesen – auch wenn nur ein verhältnismäßig geringer Anteil der Konsumenten wirklich süchtig wird. Und ob die Stärke der Sucht bei Nikotin oder Alkohol eine andere ist, steht auch auf einem anderen Blatt.

      Zitat:  Antwort:

  • Erec sagt:

    Cannabis Sucht oh Mann. Sogar ein Befürworter der Befreiung trägt einen alten Hut.

    Na was solls. Die Befürworter können noch so doof daher reden, den Prohibitionisten sind schon lange die Argumente ausgegangen.

      Zitat:  Antwort:

  • Dicken sagt:

    Zu ja.: Mich stört es, das hier von „Süchtigen“ gesprochen wird. Kiffer sind nicht automatisch abhängig, z.B. wird in deutschland niemals von einem Alkoholiker gesprochen wenn jemand sich jeden Abend ein, zwei Flaschen Bier trinkt ( unabhängig von der Medizinischen Tatsache das jemand bereits als Süchtig gilt, wenn täglich auch nur eine Flasche trinkt).
    Genauso halte ich es für fatal den Coffeeshop als anlaufstelle für Süchtige zu verkaufen. Dies könnte das negativbild welches uns dank Jahrelanger negativpropaganda des Staates sowieso schon anhaftet wahrscheinlich noch verstärken und evntl. zu gesellschaftlicher Ächtung führen. Und mal ehrlich, würdet ihr eurem Kneipenwirt um eine Therapie für euren Alkoholismus bitten? NEIN!!! Ich denke das Thema der Suchtbehandlung sollte auch in diesem Fall zu Hundert Prozent vom Arzt oder Psychologen angegangen werden. Schliesslich gibt es für Alkohol und Nikotin abhängige auch keine Therapie angebote im Tabakladen bzw in der Kneipe.

    Zu Nein.: Ich halte es für unsinnig den Coffeshop am Görli mit dem Argument des Drogentourismus abzuwehren. Es hört sich an wie die seit Jahrzehnten andauernde engstirnige verweigerungshaltung des Deutschen Staates. Hier wird mit inkonsquenten Argumenten diskutiert die alle darrauf hinaus laufen das man sagt „Nein das lassen wir lieber denn das könnte ja evntl. mehr Arbeit bzw. andere Probleme auf den Plan rufen.“
    Natürlich behebt ein Shop nicht das Dealerproblem ABER durch diesen einen Shop würde der weg für weitere Shops in ganz Deutschland geebnet.
    Fakt ist.: wer in Deutschland Kiffen möchte der tut dies auch. Das Grass ist an jeder zweiten Strassenecke zu bekommen. Allerdings rate ich jedem Kiffer sich im inet oder klassisch in der bibliothek darüber zu informieren WAS er dort zu sich nimmt und wie er eigentlich an ganz einfachen Indizien festmachen kann, ob das Grass nu gestreckt ist oder auch nicht. Die Legalisierung ist längst überfällig, die Prohibition ist bereits bei beginn gescheitert. Es gibt weitere Gründe die für die Legalisierung sprechen, wie z.B. der Jugendschutz, die Steuern die der Staat einehmen könnte, der schutz des Konsumenten vor giftigen substanzen (kein streckmittel) wie z.B. Pestiziden etc. UND der Staat hat einfluss darrauf wo das Grass her kommt und kann dafür sorgen das das Cannabis z.B. „Fair Trade“ gehandelt wird und somit dafür sorgen das es anderen Menschen nicht schlechter geht durch unseren Konsum bzw. das durch Staatlich kontrollierten anbau keine Drogenkriege etc. ausbrechen.

    In diesem Sinne ;-D Schönes Wochenende

      Zitat:  Antwort:

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