Voltigieren für Anfänger

Sitzen, Stehen, Knien – im Alltag ist das alles kein Problem. Doch wie schlägt sich ein blutiger Anfänger dabei auf einem Pferd? pflichtlektüre-Autor Alexander Koch hat sich breit schlagen lassen und den Selbstversuch gemacht. Ob er das Voltigier-Training trotz Höhenangst und bescheidener Dehnbarkeit heil überstanden hat, erfahrt ihr in seiner Reportage.

„Was mache ich hier?!“, frage ich mich. Zur Einordnung: Ich stehe auf dem Rücken eines ausgewachsenen Hengstes und versuche krampfhaft, nicht herunterzufallen. Wobei Stehen wohl übertrieben ist – denn mit Stehen hat meine krumme Haltung eher wenig zu tun. Außerdem klammer ich mich mit einer Hand an Ida, die neben dem Pferd herläuft, fest. Ob Ida, meine Kollegin und Voltigier-Trainerin, deshalb so lacht? Sie hat mich zum Selbstversuch angestiftet und mittlerweile zweifle ich ernsthaft an meiner Vernunft, darauf eingegangen zu sein.

Akrobatik auf dem Pferd

Wenn Menschen die Akrobatik am Boden nicht mehr ausreicht, verlegen sie das Ganze auf den Rücken eines Pferdes, das an einer Longe (eine Art Leine) im Kreis läuft, und nennen es Voltigieren. Zugegeben, es ist mir nicht so fremd wie vielleicht manch anderem. Das war auch der Grund, warum ich dem Versuch großspurig zugesagt habe. Im Grundschulalter habe ich es bereits einmal gemacht. Allerdings mit dem Ziel, mein Gleichgewicht zu trainieren. Aber ob das so wirklich erfolgreich war? Da bin ich mir nicht so sicher.

Als ich nach Jahren erstmalig wieder in eine Reithalle komme, steigen Erinnerungen hoch: Ich als kleiner Knirps auf einem Reitstall, mutig und ohne Angst vor und auf dem Pferd. 15 Jahre später ist von diesem Selbstbewusstsein wenig geblieben: Obwohl ich weiß, was mich erwartet, bin ich vor dem Selbstversuch ziemlich nervös. Glücklicherweise bleibt aber zum Überlegen wenig Zeit, da Co-Trainerin Fee mich zum Aufwärmen bittet.

Gute Dehnung ist Voraussetzung für erfolgreiches Voltigieren

Noch nicht mal in der Nähe des schon kreisende Pferdes, schon der erste Hammer – Dehnen. „Auf die Zehenspitzen stellen, Körper gerade nach oben durchstrecken, dann den Oberkörper bei durchgestreckter Hüfte und Knie nach unten neigen und mit den Fingern nach den Zehenspitzen greifen“, leitet mich Fee an. Es zieht fürchterlich in den Oberschenkeln, ich merke jede Muskelfaser. Bei der anschließenden Dehnübung, den Fuß auf die hüfthohe Bande legen und den Oberkörper dem ausgestreckten Bein entlang nach vorne zu strecken, kippe ich fast um.

Meine „Turnunterlageist braunhaarig, hat eine Schulterhöhe von 1,70 Meter und ist zickig. Uli hat seine Macken: Manchmal ist er nicht gewillt, wie gewünscht stehen zu bleiben oder zu traben. Dem ohnehin schon geringen Selbstvertrauen hilft das nicht so wirklich. Aber erst mal übe ich an einem anderen „Tier“, das auf jeden Fall ruhig bleiben wird. Am Bock, eine Pferde-Nachbildung aus Holz, darf ich den Aufgang üben. Fazit: In der Theorie klappt das das Ganze überraschend problemlos. Ein Lichtblick im Volitiger-Tunnel?

Ob Voltigieren auch in der Praxis funktioniert?

Soweit die Theorie, jetzt geht es auf das lebende Pferd. Der Wallach ist ein schöner Brocken und wenn ich so davor stehe, wird mir doch ein wenig mulmig zumute. Nehme ich ausreichend Schwung, greife ich auch richtig zu oder lande ich direkt im Dreck? Wieder unterstützt mich Ida und der Aufgang klappt gut –  allerdings steht Uli auch. Oben sitzend realisiere ich, wie hoch so ein Pferd ist. Aus der Sicht eines nun mehr oder minder erwachsenen Mannes kann ich jetzt nachvollziehen, warum so viele kleine (und große) Mädchen Pferdenarren sind. Ein gewisses erhabenes Gefühl kommt auf, der Überblick ist klasse.

Mühle: Sich einmal komplett auf dem Pferd drehen

Ist das Pferd erst mal unterwegs, wackelt es ganz schön und der erste Instinkt lässt mich die Griffe vor mir noch fester zupacken. Doch nach nicht einmal einer Runde merke ich, wie die Anspannung wieder von mir abfällt. Ida, in ihrer Rolle als Voltigier-Jugendtrainerin, übernimmt die Anleitung und schon kommt die erste Aufgabe: Ich soll mich auf dem trabenden Pferd rückwärts, also entgegen der Laufrichtung, hinsetzen. Eigentlich bin ich ja so schon mit dem sicheren Sitz in Laufrichtung zufrieden, aber nun gut. Also linkes Bein bis in die Zehenspitzen möglichst gestreckt über die Griffe und den Hals von Uli auf die andere Seite schwingen. Deutlich anstrengender als es sich liest. Nun sitze ich quer zur Laufrichtung. Jetzt kommt das rechte Bein dran: Ebenfalls schön gestreckt, schwinge ich es über Ulis Schweif auf die andere Seite. Fast schon Automatisiert durch das frühere Voltigieren, halte ich mich mit den Händen hinterm Rücken weiter an den Griffen fest. „Die Beine und Füße in Richtung Kopf von Uli strecken, da er in der Flanke kitzelig ist“, schallt es mir entgegen. Pferde sind also auch noch kitzelig, wieder was gelernt.

Nächste Hürde: Sich kniend auf dem Pferd halten

Nächste Aufgabe: Auf dem Pferd knien. Hier versuche ich mich einfach mal intuitiv, ohne große Anleitung. Ich schwinge mich anhand der Griffe etwas hoch, ziehe meine Beine nach oben und versuche möglichst sanft wieder zu landen. Es klappt zwar, aber leider nicht sanft. Ich entschuldige mich bei Uli mit einem Halsklopfer, der nimmt es aber ganz gelassen. Gutes Pferd!

Stehen oder nicht Stehen, das ist die Frage

Und nun die Königsdisziplin für einen Anfänger wie mich: Auf dem trabenden Pferd stehen (bleiben). Ida leitet mich wieder an: „Erst mal wieder in die Position auf den Knien kommen. Anschließend langsam erst den einen, dann den anderen Fuß aufsetzen. Dann die Beine und Hintern durchdrücken.“ So gemacht, hänge ich wie ein Kleinkind beim ersten Gehversuch auf dem Pferderücken – mit Händen und Kopf nach unten in Richtung der Griffe, und mit den Beinen senkrecht. Idealweise hätte ich jetzt den Gleichgewichtssinn, auf Anhieb die Griffe lösen und gerade stehen zu können. Aber als ich die erste Hand loslasse, wird mir anders. „Wem muss ich hier etwas beweisen?!“, die Selbstzweifel melden sich. Im ersten Versuch komme ich nicht darüber hinaus, nur eine Hand loszulassen. Verflixte Höhenangst. Ida läuft zur Sicherheit nebenher und eine Runde weiter fasse ich trotzdem irgendwie den Mut – dank Idas Hand – doch mehr oder minder zu stehen.

Anschließend rutsche ich zurück in die Sitzposition. Hier fühle ich mich doch deutlich sicherer und wohler als in der luftigen Höhe. Anschließend darf Uli noch eine Runde rennen – hier geht der eher holprige Trab in den rhythmischen, gleichmäßigeren Galopp über. Der Wind weht mir um die Nase – ist das dieses Gefühl von Freiheit, von denen Reiter gerne mal sprechen? Trotz alledem bin ich froh, am Ende heil und unverletzt wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Mein Fazit zum Selbstversuch? Hört rein:

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