Wissenswert: Was ist das Sandmännchen?

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„Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht soweit,
Wir sehen erst den Abendgruß,
Ehe jedes Kind ins Bettchen muss,
Du hast gewiss noch Zeit!“

So tönt es seit 1959 am frühen Abend aus den Fernsehern in vielen deutschen Wohnzimmern. Bevor kleine Kinder ins Bett müssen, durften und dürfen sie auch heute noch oft das Sandmännchen gucken. Erst nachdem dieses den Schlafsand verteilt hat, heißt es für die Kinder. Ab ins Bett! Am nächsten Morgen reiben sich die Kinder den Sand wieder aus den Augen. Und nicht nur die. Auch Erwachsene müssen die körnige Substanz morgens loswerden. Dabei kommt der Sandmann doch gar nicht zu Erwachsenen. Oder doch?

Der morgendliche Sand in den Augen hat den Menschen schon seit Jahrhunderten zum Träumen angeregt.  Und so finden sich in vielen Kulturen vergangener Zeitalter Vorgänger des heutigen Sandmännchens. Die alten Griechen beispielsweise glaubten an die Götter Hypnos und Morpheus. Letzterer wohnte in einer Höhle, die mit Schlafmohn umwachsen war. Die Kelten hingegen hatten ein eher ambivalentes Verhältnis zum Sandmann. Als solchen bezeichneten sie sowohl den Schlaf als auch den Tod.

Tatsächlich ist die Sagengestalt des Sandmanns in der europäischen Kultur zweigeteilt. Es gibt den kleinen gütigen Träumebringer, aber auch die böse Schreckgestalt, die Kindern die Augen herausreißt, wenn sie nicht schlafen gehen wollen. Unser heutiges Sandmännchen ist dabei ganz nah an der Figur des Ole Lukøje, die der dänische Schriftsteller Hans Christian Andersen im 19. Jahrhundert schuf und dabei die vorherigen Gruselgeschichten abmilderte. Ole Lukøje bestraft die bösen Kinder zwar auch, doch anstatt ihnen die Augen auszureißen, verweht er ihnen nur die schönen Träume.

Das Sandmännchen: Seit 1959 schickt es in Deutschland Kinder ins Bett und sorgt für angenehme Träume. Bild: „Bundesarchiv Bild 183-1984-1126-312, Sandmännchen, 25. Geburtstag“ von Bundesarchiv, Bild 183-1984-1126-312 / CC-BY-SA. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons

Das Sandmännchen: Seit 1959 schickt es in Deutschland Kinder ins Bett und sorgt für angenehme Träume.
Bild: „Bundesarchiv Bild 183-1984-1126-312, Sandmännchen, 25. Geburtstag“ von Bundesarchiv, Bild 183-1984-1126-312 / CC-BY-SA. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons

Unser Sandmännchen vs. Sandmännchen

Neben den vielen mythologischen Ausprägungen der vergangenen Jahrhunderte gab es allein in Deutschland in den vergangenen 65 Jahren zeitweise mehrere Sandmännchen. Beim DDR-Sender Deutscher Fernsehfunk (DFF) gab es „Unser Sandmännchen“, beim Sender Freies Berlin (SFB) hieß die sehr ähnliche Sendung kurz „Sandmännchen“.

Nach der Wiedervereinigung wurde das Ost-Sandmännchen vom RBB weiter produziert – und aus zwei wurde eins.

Keine Mythologie sondern Biologie

Der Sand, den wir morgens in unseren Augen finden, hat glücklicherweise weder mit Schreckgestalten noch mit Träumebringern etwas zu tun. Stattdessen ist er in der Beschaffenheit unserer Augen begründet. Diese müssen immer feucht gehalten werden, sonst fangen sie an zu jucken und zu brennen. Erwachsene Menschen blinzeln deswegen ungefähr 15 Mal in der Minute. Durch das Zuschlagen der Augenlider wird Tränenflüssigkeit auf dem Augapfel verteilt. Diese hält das Auge nicht nur feucht, sondern auch sauber, Fremdkörper werden in den Augeninnenwinkel geschwemmt. Darüber hinaus befinden sich in der Tränenflüssigkeit neben Salzen und Kohlenhydraten, die die äußersten Schichten des Auges versorgen, auch weiße Blutkörperchen, die Bakterien abtöten.

Schließen wir nun abends die Augen, wird die Produktion der Tränenflüssigkeit zurück gefahren – schließlich kann sie nicht mehr wie tagsüber so einfach verdunsten. Ein Teil der Flüssigkeit tut es allerdings trotzdem und zwar am Rand der Augenlider, wo sie leicht mit der Außenluft in Kontakt kommt. Zurück bleiben die vormals gelösten Stoffe: Enzyme, Kohlenhydrate, Proteine und weiße Blutkörperchen. Und diese reiben wir uns dann am nächsten Morgen aus den Augenwinkeln.

Ernüchterung oder Erleichterung?

Vom Zauber des Sandmännchens bleibt bei genauerer Betrachtung also nicht viel übrig. Und das ist vermutlich auch besser so. Die Vorstellung, dass abends ein kleines bärtiges Männchen (bestenfalls!) ins Schlafzimmer stolziert und Sand in die Augen schüttet, ist bei genauerer Betrachtung wohl doch eher unheimlich und dürfte für schlechte Träume sorgen.

Teaserbild: Dickimatz  / pixelio.de

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