Tod in der Wildnis

Vor zwanzig Jahren ist Christopher Johnson McCandless in Alaska gestorben. Zwei Jahre lang war er nach seinem Bachelorabschluss durch die Welt gestreift. Doch statt Freiheit fand er den Tod. Die Geschichte eines Aussteigers.

McCandless träumte von der Freiheit. Er wollte das tun, worauf er Lust hatte. Frei nach dem Motto: "Wenn du etwas im Leben willst, dann nimm es dir". Fotos: Universum Film GmbH

McCandless träumte von der Freiheit. Er wollte das tun, worauf er Lust hatte. Frei nach dem Motto: "Wenn du etwas im Leben willst, dann nimm es dir". Fotos (aus "Into the Wild", der Verfilmung von McCandless Geschichte): Universum Film GmbH

Stress. Leistungsdruck. Überforderung. Für viele sind das keine Fremdwörter. Sie sind die Symptome der hohen Erwartungshaltung und Ansprüche an Ausbildung und Qualifikation in der heutigen Leistungsgesellschaft. Spätestens im Studium beginnt der „Ernst des Lebens“. Einen jungen Menschen kann das überfordern, ihn deprimieren, resignieren und sogar das Studium schmeißen lassen.

Nicht Christopher Johnson McCandless. Im Gegenteil: Überfordert war der junge Mann aus dem amerikanischen Virginia nicht. Er lebte in einer Familie aus der gehobenen Mittelklasse, war ein Musterschüler, beendete sein Geschichts- und Anthropologie-Studium mit Bestnoten. Alles, was er anfasste, gelang ihm. Auf den ersten Blick wirkt alles wie eine Lebensgeschichte aus dem Bilderbuch. Trotzdem war McCandless deprimiert.

„Aversion gegen Geld und Konsum“

In Jon Krakauers Buch „In die Wildnis“, in dem der Autor die Biografie von McCandless rekonstruiert, finden sich darauf einige Hinweise. Zum Beispiel McCandless „Aversion gegen Geld und Konsum“ oder seine „unversöhnliche Haltung“ gegenüber seinen Eltern. So habe sein Vater Walt eine heimliche Doppelbeziehung geführt, sich in Lügen verrannt und versucht das Geschehene totzuschweigen. Diese Fehler konnte McCandless seinem Vater nie verzeihen, denn ihm erschien seine „ganze Kindheit wie eine bloße Fiktion“.
Ebenso hielt McCandless Karrieredenken, Streben nach Titeln und Ehrungen für irrelevant. So verzichtete er auf die Mitgliedschaft bei der Phi Beta Kappa Society, einer Gesellschaft, die akademische Leistungen ehrt.

Doch konnte McCandless etwas gegen all das ausrichten, konnte er etwas verändern?

In vielen Bereichen, wie Medizin oder Wirtschaft, unterscheidet man zwischen der Behandlung von Ursachen und Symptomen. Erstes ist ohne Zweifel meist die bessere Lösung. Denn wer vorsorgt, vermeidet schon vorab das Auftreten der unerwünschten Symptome.
Doch die Ursachen zu bekämpfen wäre im Fall McCandless wohl eine illusorische Aufgabe gewesen. Geld- und Konsumdenken lassen sich kaum mal eben nebenbei aus der Gesellschaft vertreiben. Das Lügennetz in dem er aufgewachsen war, ließ sich nicht ungeschehen machen und Leistungs- und Karrieredenken sind auch tief in der Gesellschaft verankert. Also blieb für McCandless nur die zweite Option: Die Symptome behandeln.

Freiheit in der Natur

Genau das hat er getan. Ganz radikal. Den Materialismus konnte er nicht aus der Gesellschaft radieren. Aber er konnte sich aus der Gesellschaft radieren: Durch Flucht in die Natur, mit der sich McCandless schon immer verbunden gefühlt hatte, und wo er Freiheit und Abgeschiedenheit suchte. Er las Thoreaus „Walden oder Leben in den Wäldern“, reiste nach der Schulzeit mit seinem Auto, einem 82er Datsun, quer durch Südkalifornien und kehrte gerade noch rechtzeitig zum Beginn des ersten Uni-Semesters zurück.

In der Abgeschiedenheit der Natur wollte McCandless, vollkommen auf sich allein gestellt, zu sich selbst finden.

In der Abgeschiedenheit der Natur wollte McCandless, vollkommen auf sich allein gestellt, zu sich selbst finden.

Nach seinem Bachelor löste sich „Alexander Supertramp“ – so nannte sich McCandless von nun an – von den hohen Erwartungen des Vaters. Nach Einschätzung von Krakauer entstand der Name „Supertramp“ in Anlehnung an „The Autobiography of a Super-Tramp “ des walisischen Autoren William Henry Davies.

McCandless Eltern indessen gingen davon aus, er bereite sich auf sein Aufbaustudium in Jura vor, wollten ihn finanziell unterstützen, falls sein Erspartes nicht ausreichen sollte und ihm ein neues Auto kaufen. Doch McCandless wollte das nicht. Er wollte keine Sachen und kein Geld. In einem Brief an seine Schwester schrieb er: „Ich kann einfach nicht fassen, dass sie mir unbedingt einen neuen Wagen aufschwatzen wollen […] ich werde in Zukunft ganz schön aufpassen müssen und überhaupt keine Geschenke mehr von ihnen annehmen, weil sie sonst nämlich glauben, sie hätten damit meinen Respekt erkauft.“

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