Taekwondo: Zielgerichtet auf Medaillenkurs

EmilyNitscheAnfang August ist es soweit – die Olympischen Spiele in Rio starten. Aber olympische Sportarten gibt’s auch im Pott. Wir stellen euch fünf davon vor. Heute ist Taekwondo dran. Emily Nitsche ist eine ehrgeizige Schülerin. Unzählige Medaillen hat sie schon auf Taekwondo-Wettkämpfen gesammelt. Aber sie will noch mehr. Ihr Ziel ist die Europameisterschaft 2017.

Emilys Blick geht starr geradeaus. Sie nimmt gar nicht wahr, was um sie herum in der großen Sporthalle passiert. Sie geht in die Hocke, zieht ihr Knie hoch und tritt mit voller Wucht nach vorne. Hochkonzentriert. Neben ihr trainieren noch weitere Kinder unter den strengen Augen der vier Trainer*innen. Es ist ruhig in der Sporthalle vom TUS Ende, obwohl so viele junge Menschen gleichzeitig trainieren. Aber sie sind fokussiert auf ihre Aufgaben. Immer und immer wieder sollen sie die Übungen wiederholen. Sie sollen präziser werden. Es geht nur um Nuancen. Aber genau darum geht es beim Taekwondo.

Jeden Freitag geht die 13-jährige Emily in die Sporthalle in Herdecke. Sie trainiert dort ein bis zwei Mal die Woche Taekwondo. Als Emily sieben Jahre alt war, entdeckten sie und ihre Mutter, Nicola Nitsche, durch Zufall die Sportart bei den Sommerferienspielen in Witten und meldeten Emily daraufhin in einem Taekwondo-Verein an.

Dort lernten sie eine ganz neue Welt kennen. Vor allem für Nicola Nitsche waren die vielen neuen Regeln und Abläufe anfangs eine Herausforderung. „Ich wusste noch gar nichts über den Sport. Aber im Laufe der Jahre bin ich da super reingewachsen.”

Der Weg zum ersten Wettkampf

Emily war vom ersten Training an wie besessen von dem Sport und wollte auch an Wettkämpfen teilnehmen. Dafür müssen die Kämpfer*innen die entsprechenden Gürtel tragen – also Prüfungen ablegen. Insgesamt gibt es zehn farbige (Kup) und zehn schwarze Gürtel (Dan).

Die Prüfungen für die farbigen finden meist in den Vereinen selbst statt, alle sechs Monate. Teilweise werden sie von den Trainer*innen abgenommen, sofern sie auch eine Prüferlizenz haben. Ab dem ersten Dan wird das Prozedere dann aufwändiger, denn die Prüfungen werden bundesweit ausgeschrieben.

Jede Prüfung besteht aus mehreren einzelnen Disziplinen. Kämpfen (Kyorugi), Formlaufen (Pumsae), Selbstverteidigung (Hosinsul) und Einschrittkampf (Hanbon Gyeorugi) kommen dabei immer vor. Der Bruchtest (Kyopka) wird ab dem sechsten Gürtel gefordert. Davor hatte Emily besonders Respekt, denn die Schüler*innen müssen eine Holzplatte mit dem Fuß und später mit der Hand zerbrechen. „Ich hatte total Angst, dass ich mir wehtue und habe erst nicht richtig getreten. Beim dritten Versuch hat es aber dann geklappt”, sagt sie.

Mittlerweile ist sie zum zweiten Mal im Landeskader und trägt den zweiten Poom. Der zweite Poom entspricht dem zweiten schwarzen Gürtel und wird von Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren Jahren getragen. 

Worauf es ankommt

Die Übungen möglichst präzise ausführen

Die Übungen müssen möglichst präzise ausgeführt werden.

Emily nimmt nur noch an Wettkämpfen in der Disziplin Formlaufen teil. Die 18 Formen, die gelaufen werden können, beherrscht sie im Schlaf. Auf kleineren Turnieren dürfen sich die Teilnehmer aussuchen, welche Form sie zeigen möchten. Bei den größeren nationalen und internationalen Wettkämpfen werden die Formen dagegen ausgelost. Die Formen bestehen aus verschiedenen Angriffs- und Abwehrtechniken in einer bestimmten Reihenfolge.

Es gibt drei bis fünf Kampfrichter*innen, die darauf achten, dass die Übungen regelkonform ausgeführt werden und am Ende zwei Noten dafür geben. Für jeden Fehler in der Ausübung gibt es Abzüge. „Es gibt eine Note für die Technik und eine für die Präsentation. In die Techniknote fließt zum Beispiel ein, wie kraftvoll und mit welcher Geschwindigkeit die Bewegungen ausgeführt werden. Außerdem fließt die Lautstärke des Kampfschreis ein”, erklärt die Wittenerin.

Am Ende gibt es dann eine Punktzahl bis maximal 30.

Der Freikampf

Zum Kämpfen auf Wettkämpfen sei sie aber zu ängstlich. In dieser Disziplin vergeben ebenfalls Kampfrichter*innen Punkte für die verschiedenen Berührungen. Ein Tritt gegen die Weste bringt beispielsweise einen Punkt. Gewonnen hat, wer entweder zwölf Punkte Vorsprung oder am Ende der Zeit mehr Punkte hat. Die Kämpfe dauern zwei mal 120 Sekunden mit einer kleinen Pause dazwischen. Bei den Jugendlichen sind die Zeiten etwas verkürzt.

Die wichtigsten Regeln im Kampf
1. Treffer zählen nur mit geballten Fäusten oder mit den Füßen unterhalb des Fußknöchels.

2. Treffer auf den mit der Weste bedeckten Teil des Rumpfes geben Punkte.

3. Treffer oberhalb des Schlüsselbeins zählen nur, wenn sie durch Fußtechniken erzielt wurden.

4. Festhalten ist verboten.

5. Beleidigungen jeglicher Art sind zu unterlassen.

6. Der Kampf darf nicht bewusst behindert werden, z.B. durch Ausweichen ohne einen Angriff zu planen.

Das Ziel ist fast erreicht

Das Formlaufen ist noch keine olympische Disziplin. Aber es gibt eine Europa- und Weltmeisterschaft.

Durchbeißen musste sich Emily öfter

Sich auf die Techniken konzentrieren – das musste Emily erst noch lernen.

Für die Europameisterschaft 2017 hat sich die Schülerin schon mit ihren zwei Teammitgliedern in der Disziplin Synchron qualifiziert. Zu Emilys Enttäuschung ist sie nächstes Jahr aber in einer anderen Altersgruppe als ihre Freundinnen, sodass sie die Qualifikation nicht mit ins nächste Jahr nehmen kann. Sie hofft jetzt, dass sie eine neue Gruppe finden wird und ihr großer Wunsch, an einer Europameisterschaft teilzunehmen, doch noch in Erfüllung gehen wird.

Taekwondo ist eine harte Schule

Der Weg war nicht immer leicht für Emily. Das Training ist vielseitig und anstrengend. Kraft und Gelenkigkeit müssen geschult werden. Dazu kommt die Schnelligkeit. „Man muss sich da einfach durchbeißen. Leicht ist das nicht immer”, erklärt Emily. Im Training unterstützen sich die Schüler*innen gegenseitig. Trotzdem gehören auch oft Verzweiflung und Frust dazu.

Für Emily ist Taekwondo auch ein Ausgleich. Wenn sie schlecht drauf ist oder Stress hat, kann sie sich damit abreagieren. Außerdem sieht sie einen positiven Einfluss auf ihr eigenes Verantwortungsbewusstsein, denn „beim Kampf will man natürlich Punkte sammeln, aber dem anderen ja auch nicht wehtun.”

Letztlich findet Emily auch, dass der Sport nützlich für das alltägliche Leben ist. Sie lerne viele Techniken zur Selbstverteidigung und diese könnte sie im Notfall anwenden. Ihr sei aber auch klar, dass sie die Kampftechniken nicht missbrauchen, sondern nur zur Verteidigung einsetzen dürfe. Das steht so im Ehrenkodex, den jeder Schüler und jede Schülerin vor Beginn der Ausbildung ablegen muss.

Ehrenkodex

1. Ye-Ui (Höflichkeit): Achtung und Respekt vor Mitmenschen

2. Yom-Chi (Integrität): Makellosigkeit, Unbestechlichkeit und Unbescholtenheit

3. Innee (Geduld/Ausdauer): Ruhe, Selbstbeherrschung und Ausdauer im richtigen Augenblick

4. In-Nae (Durchhaltevermögen): Stehvermögen in eventuell aussichtsloser Situation, Ziel vor Augen behalten

5. Guk-Gi (Selbstdisziplin): Beherrschtheit

6. Beakjul-bool-gul (Unbezwingbarkeit): Voraussetzung dafür ist geistiges und körperliches Können

7. Hullyung-ham (Fairness): Anständigkeit, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit anderen gegenüber, Kampfregeln beachten, kameradschaftliches Verhalten, Schwächen des Gegners nicht gnadenlos ausnutzen

8. Jung-shin-soo-yang (moralische, ethische Einstellung und Bildung): Erlernen und Praktizieren kultureller, geistiger und religiöser Übungen

9. Kyum-son (Menschlichkeit): Menschen achten und respektieren

10. Chung-shin-t`ong-il (Konzentrationsfähigkeit): Konzentration auf den Augenblick 

Emily möchte nicht darüber nachdenken, ob sie jemals mit dem Sport aufhören wird. „Wenn ich aufhören müsste – ich würde es überleben. Aber es würde schon irgendwie was fehlen.” Sie blickt erst einmal auf die kommenden großen Wettkämpfe und vielleicht auf die Europameisterschaft 2017. An den olympischen Spielen nimmt sie erstmal nur als Zuschauer von zu Hause aus teil und hofft, dass das Formlaufen irgendwann auch olympisch wird. 

Fotos: Leonie Rottmann; Artikelhauptbild: Nicola Nitsche

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